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Nächster Halt Teeküche

Bundesweit verfallen Empfangsgebäude in Bahnhöfen, weil Geld fehlt und niemand sie nutzt. Im westfälischen Haltern am See will man das ändern

In Haltern am See in Westfalen soll im Bahnhofsgebäude ein Ort für Vereine entstehen Foto: Hans Blossey/imago

Von Martin Reischke

Wenn Niklas Linzner von der Zukunft des Bahnhofs in Haltern am See spricht, kommt er schnell ins Schwärmen. „Wir haben dann eine lichtdurchflutete Eingangshalle, es gibt Sichtachsen zu den Bahnsteigen und einen neuen Wartebereich“, erzählt Architekt Linzner, der in der Kommunalverwaltung für die Stadtplanung zuständig ist. Mit Unterstützung der Landesregierung hat die Kommune den Plan entwickelt: „Die Idee ist, dass wir den Bahnhof als neuen kulturellen Treff für die Bürger der Stadt nutzen wollen.“ Aktuell sieht es am Bahnhof allerdings noch ziemlich grau aus: „Es ist tatsächlich gerade ein Unort, an dem man ist, wenn man dort sein muss, aber auch gerne schnell wieder woanders hinkommt“, sagt Linzner.

Rund 90 Prozent der Flächen des historischen Gebäudes stünden leer, die Wartehalle sei dunkel und verwinkelt, erzählt der Stadtplaner. Haltern am See ist mit dem Problem nicht allein: Wie in der Stadt am Nordrand des Ruhrgebiets herrscht bei vielen Bahnhofsgebäuden im ganzen Land Leerstand. Das liegt auch daran, dass sie für heutige Maßstäbe oft überdimensioniert sind. Zwar benutzen heute bundesweit rund 50 Prozent mehr Fahrgäste die Schiene als noch vor 30 Jahren, aber der Zugverkehr wird mittlerweile von viel weniger Menschen organisiert und überwacht als früher. Die Wohn- und Diensträume fürs Bahnhofspersonal, die auch in kleinen Städten wie Haltern am See unabdinglich waren, werden heute nicht mehr gebraucht. Das führt zu einer Abwärtsspirale: Wo Leerstand ist, brechen die Einnahmen ein. Und wo es an Geld fehlt, verwahrlosen viele Bahnhöfe noch mehr.

Einnahmen für den Erhalt seiner Gebäude erzielt ein Bahnhof vor allem über die Vermietung von Ladenflächen. Doch nur sehr große Bahnhöfe mit sehr vielen Verkaufsflächen können ihre Gebäude über die Mieteinnahmen kostendeckend betreiben. Dass der Erhalt der Empfangsgebäude durch den Bund als Eigentümer der Deutschen Bahn nicht ausreichend finanziert ist, liegt an einer Norm aus dem Bundesschienen­wegeausbaugesetz von 1993, die noch bis 2024 in Kraft war. Darin wird genau zwischen der Verkehrsstation mit allen für den Bahnbetrieb technisch relevanten Anlagen und den sonstigen Bahnhofsgebäuden unterschieden. Geld vom Bund gibt es ihr zufolge nur für die Verkehrsstationen.

Das führte zu einer absurden Situation: Der Teil des Bahnhofsgebäudes, den Fahrgäste durchqueren müssen, um zum Zug zu gelangen – die sogenannte Zuwegung – wurde mit Bundesmitteln erhalten. Dazu gehören zum Beispiel die Bahnsteige und die Tunnel dorthin. Für den Rest des Bahnhofs wie etwa Teile der Empfangshalle war dagegen kein Geld vorgesehen. So sollte gespart werden, um die Bahn effizienter zu machen.

„Damit sind die Bahnhofsgebäude in Deutschland unter einen enormen wirtschaftlichen Druck geraten“, sagt An­dreas Geißler vom Lobbyverband „Allianz pro Schiene“. Denn die Kosten, etwa für Sanierung und Ausbau, konnten vom Betreiber nur über Mieteinnahmen erzielt werden. „Aber gerade bei Bahnhöfen im ländlichen Raum ist das sehr, sehr schwierig“, ergänzt Geißler.

Von ursprünglich etwa 3.000 Empfangsgebäuden hat die Deutsche Bahn seit der Jahrtausendwende vor allem auf dem Land mehr als drei Viertel verkauft. Heute besitzt sie nur noch etwa 700. Mittlerweile aber haben Politik und Bahn gegengesteuert. Zum einen hat sich die DB selbst einen Verkaufsstopp auferlegt. Zum anderen hat die Ampel-Koalition 2024 die Förderrichtlinien im Bundesschienenwegeausbaugesetz so geändert, dass der Erhalt von Empfangsgebäuden mit Bundesmitteln in Zukunft leichter zu finanzieren ist.

Die Herausforderungen bleiben trotzdem riesig – und das Geld knapp. In Nordrhein-Westfalen aber ist das ein bisschen anders. Der dortigen Landesregierung ist längst klar, dass Bahnhofsgebäude nicht nur schützenswert sind, sondern auch gepflegt werden müssen. Seit mehr als zwei Jahrzehnten kümmert sich deshalb eine landeseigene Gesellschaft in Zusammenarbeit mit der Deutschen Bahn um die Weiterentwicklung von Bahnliegenschaften. Zwar wurden auch in Nordrhein-Westfalen viele Bahnhofsgebäude verkauft, mal an privat, mal an die Kommune. Doch im Unterschied zu anderen Bundesländern legte man hier viel Wert auf anschließende Nutzungskonzepte, die zu den jeweiligen Orten passen. Mit ihrem aktuellen Programm „Schöner Ankommen in NRW“ unterstützt die Landesregierung die Entwicklung von Bahnhöfen, die sich wie in Haltern am See noch im Eigentum der Deutschen Bahn befinden: „Bahnhofsgebäude sind die Visitenkarte der Städte und Gemeinden – und die wollen wir aufwerten“, sagt Landesbau­ministerin Ina Scharrenbach von der CDU.

Als eine von 20 Kommunen in Nordrhein-Westfalen wurde die Stadt Haltern am See für die Förderung ausgewählt. Gemeinsam mit Deutscher Bahn, einem Planungsbüro und der landeseigenen Entwicklungsgesellschaft entwickelte die Kommune Konzepte für eine Neunutzung der leer stehenden Flächen. „Schon während der Coronapandemie haben sich sehr viele Vereine bei uns gemeldet, die keine Räume mehr zur Verfügung haben“, sagt Niklas Linzner. Deshalb plant die Kommune nun die Umgestaltung des Empfangsgebäudes zum „Bahnhof der Vereine“. Sportgruppen, Lesezirkel und Sprachkurse sollen hier ein neues Zuhause finden. Oder auch der Bürgerbus-Verein, dank dem vor allem Seniorinnen und Senioren weiter mobil bleiben und dessen Ehrenamtliche monatlich rund 1.000 Menschen durch die Stadt transportieren. Gerade baut der Verein für seinen Kleinbus eine Garage in der Nähe des Bahnhofs.

Um den Bahnhof herum soll ein ganzes Stadtquartier neu entstehen, mit Wohnungen, Ärztehaus und einem Fahrradparkhaus. In einem animierten Video sieht man, wie der Bahnhof einmal aussehen soll. Stadtplaner Niklas Linzner schaut auf den Bildschirm seines Computers. „Wir sind jetzt im ersten Geschoss“, erklärt er. „Wir haben hier ein kleines Foyer mit Teeküche, in dem sich dann die Leute treffen können, bis die verschiedenen Veranstaltungen starten.“ Im Video sieht der „Bahnhof der Vereine“ ziemlich einladend aus, mit hellen Wänden, viel Licht und Räumen, die je nach Nutzung mit flexiblen Trennwänden vergrößert oder verkleinert werden können. Rund zehn Millionen Euro soll der Umbau des Empfangsgebäudes kosten, 70 Prozent der Summe werden über das Programm „Schöner Ankommen in NRW“ finanziert, die Deutsche Bahn und die Kommune teilen sich den Rest.

Ist die Rettung der Bahnhöfe also nur etwas für Kommunen, denen finanziell besser ausgestattete Länder zur Hilfe eilen können? Nicht unbedingt, denn auch mit Geld von privaten Investoren können Bahnhöfe wieder attraktiv gemacht werden. Weil eine gute Begleitung dabei wichtig ist, haben einzelne Bundesländer spezielle Beratungsstellen eingerichtet.

Wie schwierig der Umbau eines privatisierten Bahnhofs sein kann, wenn die verschiedenen Akteure nicht gut miteinander kooperieren, zeigt das Beispiel Großröhrsdorf. Die Kommune liegt im Dresdner Speckgürtel, viele Menschen pendeln mit dem Zug in die sächsische Landeshauptstadt. Das Bahnhofsgebäude wurde 2007 von der Deutschen Bahn an eine luxemburgische Investmentgesellschaft verkauft, die die Immobilie anschließend weiterveräußerte. Eigentlich gab es auch in Großröhrsdorf große Pläne für den Bahnhof: Ein lokaler Unternehmer wollte das Gebäude kaufen und sanieren, Arztpraxen und ein Café sollten einziehen. Doch daraus wurde nichts, weil ein kleiner Teil des Gebäudes für technische Anlagen der Bahn reserviert ist. Der Kaufinteressent wollte die Anlagen verlegen lassen, aber das hätte nach Berechnungen der Bahn etwa 200.000 Euro gekostet und mehrere Jahre gedauert – der Deal platzte. Heute ist ein Teil des Gebäudes ausgebrannt, viele Fenster mit Spanplatten vernagelt.

Anders als in Großröhrsdorf haben die Kommune und die Deutsche Bahn in Haltern am See von Anfang an an einem Strang gezogen. Entscheidend sei aber vor allem die Hilfe der Landesregierung bei der Planung und Finanzierung des Projekts gewesen, sagt Linzner. „Sonst hätten wir den Bahnhof nicht neu gestalten können.“ Baubeginn soll noch 2026 sein, in zwei bis drei Jahren, so hofft der Architekt, könnten dann die ersten Vereine endlich in den erneuerten Bahnhof einziehen.

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