Machtkampf in der Labour-Partei: Warm-up im Nachfolgekampf
Andy Burnham will bei einer Nachwahl ins Parlament einziehen – um dann Keir Starmer als Parteichef und Premier abzulösen. Der Partei droht ein Flügelkampf.
Jetzt ist es klar: Die Zukunft der britischen Labour-Regierung entscheidet sich am 18. Juni. An diesem Tag findet im nordwestenglischen Wahlkreis Makerfield am Rande der Stadt Wigan eine Nachwahl zum Unterhaus statt – und der derzeit beliebteste Labour-Politiker Andy Burnham will antreten.
Der bisherige Labour-Wahlkreisabgeordnete Josh Simons legte am Donnerstag sein Mandat nieder und machte so den Weg zur Nachwahl frei. Labours Parteivorstand erlaubte am Freitag Burnhams Kandidatur – er muss dafür sein Amt als Oberbürgermeister von Manchester zur Disposition stellen, einer der mächtigsten Posten in der britischen Kommunalpolitik. Am Wochenende waren bereits Wahlkämpfer unterwegs.
Sollte Burnham den Sitz gewinnen, wäre er der klare Favorit für die Nachfolge des angeschlagenen Labour-Premierministers Keir Starmer. Dessen Autorität ist dahin, seit seine Partei bei den Kommunal- und Regionalwahlen am 7. Mai die schwerste Niederlage ihrer Geschichte einfuhr.
Alle warten nur noch auf Burnhams Nachwahl
Über 100 der 403 Labour-Abgeordneten im Unterhaus haben sich seitdem dafür ausgesprochen, Starmer als Parteichef und damit auch als Regierungschef auszuwechseln. Eine parteiinterne Neuwahl ist zwingend, sobald sich mindestens ein Fünftel der Fraktion – also 81 Abgeordnete – hinter einen Gegenkandidaten schart. Sie warten nun bloß noch auf Burnhams Einzug ins Parlament, um ihn nominieren zu können.
Denn der einflussreiche Nordengländer gilt als der einzige Labour-Politiker, der bei Wahlen die aufstrebenden Rechtspopulisten der Partei Reform UK von Nigel Farage schlagen könnte – und zugleich die linke Labour-Basis vom Abwandern zu den Grünen abhalten kann.
Der Rücktritt von Gesundheitsminister Wes Streeting am 14. Mai war der inoffizielle Startschuss für den Labour-Machtwechsel. Aber Streeting hat seine Kandidatur bisher nicht offiziell erklärt. Er gilt als Aushängeschild des rechten Parteiflügels in der Tradition von Tony Blair – rund um die Freunde des in Ungnade gefallenen Peter Mandelson und demnach heutzutage keine Empfehlung.
Aber gegen Burnham würde Streeting antreten, sagte er. Damit wäre der Kampf um Starmers Nachfolge ein Richtungskampf. Auch zu diesem gab Streeting jetzt den Startschuss. In London sprach er sich am Samstag für eine Rückkehr Großbritanniens in die EU aus. Der Brexit sei ein „katastrophaler Fehler“ gewesen, so Streeting: „Großbritanniens Zukunft liegt mit Europa und eines Tages zurück in der Europäischen Union“.
Damit brach Streeting ein Tabu. Ein Großteil der Labour-Regierung lehnt zwar den Brexit ab, nicht zuletzt Starmer selbst. Aber die Brexit-Partei Reform UK führt unverdrossen alle Umfragen an. Und Umfragen in Großbritannien zeigen zwar Mehrheiten für eine britische EU-Mitgliedschaft, aber noch viel größere Mehrheiten gegen konkrete Folgen davon – offenere Grenzen oder eine Unterordnung unter die EU-Handelspolitik. So ist Starmers Linie minimalistisch: Keine Rückkehr in die EU, Zollunion oder Binnenmarkt – aber engere Zusammenarbeit.
An diese Linie ist Streeting seit seinem Rücktritt nicht mehr gebunden. Jetzt vorzupreschen, wie er es tut, schafft zugleich ein Problem für Andy Burnham. Der hat früher öfter einen EU-Wiedereintritt unterstützt. Jetzt aber muss er eine Nachwahl in einer Brexit-Hochburg gewinnen, die erst im Mai massiv Reform UK wählte.
Reform UK jubelt schon
Am Samstagabend sagte Burnham zum EU-Wiedereintritt: „Langfristig ist das vertretbar, aber ich empfehle das nicht in dieser Nachwahl“. Das klang sehr nach geplanter Wählertäuschung. Reform UK jubelt schon.
Erste Umfragen deuten auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen in Makerfield zwischen Labour und Reform UK hin. Da sind mögliche weitere Komplikationen für Labour, etwa ein Auftritt der derzeit starken Grünen, noch gar nicht berücksichtigt. Ganz so einfach, wie Burnham und seine Freunde sich das alles vorstellen, dürfte es also nicht werden.
Zeitungsberichten zufolge war der Rücktritt von Josh Simons in Makerfield, um für Burnham einen Sitz freizumachen, schon seit einem Jahr im Gespräch. Simons leitete vor Labours Wahlsieg 2024 jahrelang den Think-Tank „Labour Together“, der Starmers Aufstieg an die Parteispitze 2020 finanziell und ideologisch vorbereitet hatte. Think-Tank-Gründer Morgan McSweeney wurde nach Labours Wahlsieg Starmers Stabschef, bis er im Februar 2026 wegen seiner Nähe zum in Ungnade gefallenen Peter Mandelson zurücktreten musste. Auch Simons musste damals als Staatssekretär für Digitalisierung zurücktreten, weil er Journalisten hatte ausspionieren lassen, die über die Finanzierung von „Labour Together“ recherchierten.
Burnham würde Starmers Probleme erben
Dass nun ausgerechnet aus diesem Kreis Burnham als nächster Premierminister aufgebaut wird, könnte genauso schiefgehen wie davor der Aufbau Keir Starmers. Sollte Burnham die Nachwahl gewinnen und Starmer geräuschlos beerben, stünde er vor denselben Problemen, die Starmer zu Fall brachten.
Aber sollte Burnham die Nachwahl verlieren, wären nicht nur seine Ambitionen dahin. Wenn Labour mit ihrem beliebtesten Politiker einen ihrer bisher sichersten Wahlkreise einbüßt, sind alle Siegeschancen bei den nächsten Parlamentswahlen gleich Null. Und unmittelbar würde sich Labour in einem Machtkampf zerfleischen, zwischen Wes Streeting auf dem rechten Flügel und der ehemaligen Vizepremierministerin Angela Rayner, die seit ihrem erzwungenen Rücktritt 2025 auf Rache sinnt und den linken Flügel repräsentiert.
So oder so: Es wird bald einen neuen Labour-Premierminister in 10 Downing Street geben. Aber ob er mehr Glück hat als Keir Starmer – das ist keineswegs sicher.
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