Nachlese zu den Stuttgarter Krawallen: Shopping on the wild side

Auch bei der Protestkultur gibt es eine Umverteilung von unten nach oben. Und die grünen Spitzenpolitiker haben ihre eigene Geschichte vergessen.

Kaputte Schanfensterscheibe eines Schuhgeschäfts

Schlimm. Schlimm-schlimm: einhellige Verurteilung der Stuttgarter Krawalle im Juni Foto: Christoph Schmidt/dpa

Als ich Mitte der 90er Jahre das erste Mal längere Zeit in Stuttgart war, ist mir beim Joggen in den akkurat gepflegten Waldgebieten der Umgebung ein Phänomen aufgefallen, dessen Eigenart unterdessen kein Erstaunen mehr hervorruft. Ein Mann zwischen dreißig und vierzig, eine Frau ähnlichen Alters oder, nicht selten, ein Paar schiebt beim Feierabendlauf einen leichtgängigen Wagen, in dem ein Kind schläft, auf dem asphaltierten Waldweg vor sich her. Praktisch.

Mir kam es damals indes vor, als sollte mit der Maßnahme – Nachwuchs beim Joggen prächtig aufgehoben, zudem schlafend, weil bewegt – noch der allerletzte Time­slot effektiv ausgequetscht werden. Auch heute ist das Verfahren, das längst bis in den letzten Winkel der Republik exportiert worden ist, für mich ein Sinnbild für eine Art zu leben, die ich als „Stuttgarter Modell“ bezeichnen möchte: Aktivität bis zur Nachtruhe, multifunktional und äußerst effizient organisiert.

Ich will das nicht schlecht reden: Wenn die Arbeit okay ist und die Familie sich heimelig anfühlt – bingo. Nicht wenige sind dort angekommen und fühlen sich wohl. Sie bilden das Rückgrat der Gesellschaft – na ja, einen Teil davon, darauf werde ich noch kommen.

Die Partyszene am Schloss und in dessen näherer Umgebung – ob gebürtig in Backnang oder Aleppo oder vielleicht in Split, in Dschalalabad – hat das „Stuttgarter Modell“ weder verinnerlicht noch bisher überhaupt begriffen. Die Anmutung des Bildes: Arbeit im Büro, Häuschen, Familie & gemeinsames Joggen am Bärensee, empfinden viele derer, die am warmen Wochenende die Zeit auf dem Schlossplatz totschlagen, entweder als unerreichbar oder – noch – als Zumutung.

Für die Abkürzung zum neuesten Handy, zur coolen Turnschuh-Kollektion sind sie hingegen häufig durchaus offen.

Womit wir bei der Nacht der Scherben wären.

Schlimm! Schlimm-schlimm!

Die Würdigung des Krawalls in – ausgerechnet! – der schwäbische Metropole war einhellig: Schlimm. Schlimm-schlimm. Und noch viel schlimmer. Zum Verwechseln ähnlich dem medialen Reflex auf die eine oder andere Randale, das eine oder andere vergleichbare Ereignis während der mittlerweile offenbar recht fernen 60er, 70er und 80er Jahre.

Auch die hohen Herren der Regierungen von Land und Stadt machten da keine Ausnahme, obwohl doch gerade die Grüne Partei, die demnächst mit Horst Seehofers CSU koalieren möchte, wie sonst wohl keine in der Republik aus der Krawallkultur quasi geboren wurde.

Sowohl Herr Kretschmann (ehemals: Kommunistischer Bund Westdeutschland, KBW) als auch Fritz Kuhn haben ein Alter, das es ihnen ermöglichen sollte, sich an derlei Geschehen zu erinnern.

Herr Kuhn und Herr Kretschmann

Gut, Fritz Kuhn, schon neoliberal angehaucht, als das Wort noch nicht erfunden war. Gut, der Herr Kretschmann: pastoraler Gestus, der jeden Pastor vor Neid erblassen lässt. Gut, Grüne Partei: heute der Hort von international agierenden Unternehmensberatern (die eine „exklusive Partnerschaft mit der Albright Stonebridge Group in Washington, D. C.“ unterhalten) oder nicht sonderlich erfolgreichen Kinderbuchautoren (die lieber Kanzler werden wollen) – dennoch: „Nulltarif / Nulltarif / sonst biegen wir die Schienen schief“, so der hübsche Slogan unter anderem des KBW in Heidelberg, entsprechend wurde verfahren.

Oder, zum Beispiel, die Schlacht um den Bauplatz von Grohnde, 1977, oder die illegalen 100.000, die sich Ende Februar 1981 auf den Weg nach Brokdorf machten und erst durch den massiven Einsatz von Tränengas, das aus Hubschraubern verschossen wurde, vom Zaun des AKW abgedrängt werden konnten – die eine oder andere maoistische Vorfeldorganisation der Grünen Partei hatte ihre Finger mit Gewissheit in nicht geringem Umfang immer mit im Spiel.

Alte Zeiten, zugegeben.

Trotzdem kann ein bisschen Geschichtsbewusstsein oder Erinnerungsvermögen hilfreich zur Beurteilung bestimmter Phänomene sein.

„Hier ging es sehr stark ab“

Ein Krawall wie der Stuttgarter wird nicht nur durch diejenigen ermöglicht, die zur Aktion schreiten, sondern vor allem auch durch die, die mitlaufen, die dabei bleiben, die die Angelegenheit, und sei es durch bloße Anwesenheit, befeuern.

Aufschlussreich in dem Zusammenhang der kaum volljährige Jüngling mit blond-modischer Frisur, der sich in der 20-Uhr-„Tagesschau“ vom 21. Juni äußern darf, später aber aus dem Video entfernt worden ist, und mit einer Stimme, der man noch die Verblüffung anhört und das Wissen, vorsichtig in der Wortwahl sein zu müssen, die jedoch von keinerlei Distanzierung gefärbt ist, die wenigen Worte äußert: „Hier in Stuttgart … ging es sehr stark ab.“ Im Hintergrund lächelt ein Mädchen.

Bei der Einordnung der Ereignisse wurde zunächst auf drei Aspekte abgestellt: kein politisches Motiv; Hälfte der Verhafteten ohne deutschen Pass; Testosteron.

Hinweis auf Testosteron

Dass die Hälfte der Festgenommen nicht den fraglichen Pass besitzt, lässt keinen Rückschluss auf die Gemengelage zu. Ob es stimmt, dass kein Motiv mit Gehalt vorliegt, möchte ich untersuchen. Der Hinweis aufs Testosteron – oft bemüht, stets debil – hat etwa die Qualität der Feststellung, dass beim Rumor nahezu alle Beteiligten über zwei Beine verfügen.

Drei Jugendliche und eine Polizistin in Stuttgart

Die Woche gehört denen, das Wochenende uns: Kontrolle von Jugendlichen nach der Krawallnacht Foto: Max Kovalenko/imago

Michael Wildenhain ist Schriftsteller und lebt in Berlin. Sein neuer Roman, „Die Erfindung der Null“, der Ende Juli herauskommt (Klett-Cotta), wird in Stuttgart spielen.

Mit Gewissheit werden bei jedem Aufruhr, selbst bei den auch in Württemberg gern gefeierten Erhebungen der Bauernhaufen um 1525, junge Männer eine Rolle gespielt haben – Frauen oft eher indirekt. Testosteron und Alkohol, ach so.

Plötzlich jedenfalls wird etwas sichtbar (aufgepasst, PR-Strategen: Sichtbarkeit, ein Begriff der aktuell unheimlich Konjunktur hat!), dessen Existenz vorher gar nicht in Erwägung gezogen wurde. Kritik, nein, sogar Empörung, das zielte doch auf: richtiges Reden, richtiges Schreiben, richtiges Essen und richtigen Tonfall, Haut (und deren Pigmentierung), die eine oder andere Großbaustelle.

Protestkultur der Bessergestellten

Wenn man ganz vorn dabei sein wollte, wedelte man auf der Demo (jetzt im Stream – wow!) mit einer goldenen Rettungsdecke (um im Jargon zu bleiben: Wie ungemein peinlich ist das denn?) oder folgte einem medial Eins-a-inszenierten Hobbit aus Schweden.

Längst okkupiert von einer Schicht der tatsächlich (manchmal nur: vermeintlich) Bessergestellten, hat auch die Protestkultur eine rapide Umverteilung von unten nach oben erfahren: Quoten bis in die Vorstandsetagen, herrschaftsfreie Diskursgesänge, Gender und Sternchen in möglichst jeder Akademie, und nicht zu vergessen: satt Suppenküchensolidarität auf sämtlichen Ebenen, für das reine Gewissen oder das gute Gefühl.

Und plötzlich tauchen da Leute auf, die machen Fensterscheiben kaputt, beulen sich mit der Polizei – in Schwaben, in Stuttgart: Fuck you, was soll das?

Risse durch die Gesellschaft

Wenn man an den Wochenenden vor der Scherbennacht durch die Partyecke Stuttgarts schlenderte, war eine zunehmende Anspannung mit den Händen zu greifen. Es war warm geworden. Die Abschottung wegen Corona hatte die Jungs und Mädels, die rings um den Schlossplatz abhingen, langsam kribbelig werden lassen. Blöd bloß, das die sinnentleerten Surrogatfunktionen „Stadion“ und „Club“ weiterhin geschlossen waren. Die Überdruckventile für Freitag-Samstag-Sonntag blieben leider zu.

Einer der, vielleicht wesentlichen, Risse durch die Gesellschaft besteht zwischen denen, die nicht nur im „Modell Stuttgart“ angekommen sind, sondern in ihrer Tätigkeit zudem einen Sinn sehen (firmiert dann in der Regel unter dem, etwas albernen, Begriff der Selbstverwirklichung), und denen, die, wenn überhaupt, arbeiten, um ihren Lebensbedarf zu decken und: um zu konsumieren.

Für die Plebejer aller Schattierungen, denen der herrschende Zustand vor allem Zumutung ist, heißt der Job: knechten & shoppen – knechten, um zu shoppen.

Die Maschine muss laufen

Allein die Bezeichnung „Shoppen“, das dekadente Defilieren durch zumeist zweckfreie Warenbestände sowie deren Erwerb, ist derart aberwitzig, um nicht zu sagen: voll pervers, dass jedem, der es in den Mund nimmt, die Spucke zu Trockeneis gefrieren müsste.

Weit gefehlt. Von der FDP bis zu den Gewerkschaften und, klar, auch Gerhard Schröder, aufrechter Sozialdemokrat, ganz in der Tradition seiner Partei (H. Schmidt: Leningrader Hungerblockade; W. Brandt: Berufsverbote; G. Noske: „Meinetwegen! Einer muss der Bluthund werden“), haben sie alle den Konsum zur nationalen Aufgabe geadelt. Hier mal ein bigottes Bekenntnis zum Verzicht, dort mal ein kleines Krächzen zum Klima, aber: Die Maschine muss laufen. Das heißt: Malochen, um zu kaufen.

Die Mädels und Jungs vom Schlossplatz haben zumindest das längst begriffen: Die Woche gehört denen, das Wochenende uns.

Anhängen und tanzen

Da hängen wir ab, da gehen wir tanzen (so wir den Eintritt aufbringen können), da nehmen wir Drogen, all das Zeug, das sich im Angebot befindet und das die Veranstalter der Festivals (Beispiel: die „Fusion“ – als sie noch stattfand) dazu gebracht hat, eigens Sanitätsstationen zur Nothilfe für die an den Pillen fast Verreckten einzurichten – Tanzen bis zur Dehydrierung; oder eventuell Ketamin, Narkosemittel für Pferde: Beim Rausch muss darauf geachtet werden, dass die starr geöffneten Augen nicht unversehens austrocknen.

Das sind die Alternativen zum „Stuttgarter Modell“.

Das markiert den Unterschied zu den 60er, 70er und 80er Jahren, als Protest wie Aufruhr auf eine radikal veränderte Gesellschaft abzielten.

Als die Grünen noch radikal waren

Kretschmann und Kuhn werden das wissen. Kuhn und Kretschmann kennen die Anfänge der Grünen Partei, den durchaus originellen Umgang mit staatlichen Institutionen, können die drei der (ersten) sieben Grünen-Kandidaten, die 1984 ins Europaparlament gewählt wurden und so Immunität errangen, gewiss noch beim Namen nennen: Brigitte Heinrich, verurteilt unter anderem wegen Waffenschmuggels für ein Anarchistennetzwerk, Benny Härlin und Micha Klöckner, in Haft wegen presserechtlicher Verantwortung für das Erscheinen der nicht genehmen linken Zeitschrift radikal (der Name war Programm).

Kretschmann und Kuhn werden vielleicht eine Ahnung vom enormen Anstieg psychischer Krisen und Therapien bei jungen Menschen zwischen 16 und 30 Jahren haben. Kuhn und Kretschmann werden sich vage daran erinnern, dass die zweite Generation der Roten Armee Fraktion ihre Wurzeln im So­zia­listischen Patientenkollektiv hatte, SPK (vornehmlich Heidelberg), das die Parole kreiert hat: „Aus der Krankheit eine Waffe machen.“

Kuhn und Kretschmann werden zudem ahnen, dass einige Akteure der Scherbennacht nach einer Karenzzeit von ein paar Jahren das Ereignis für eine pfiffige Agentur mit dem Slogan „Shopping on the wild side“ für Stuttgart touristisch vermarkten werden. Und vielleicht wird Kuhn und Kretschmann dunkel die Erkenntnis dräuen, die einst als selbstverständlich galt: des wirklich armen Schluckers Ini­tiative war stets die Rebellion.

Betreuung für Krawallanten

Das Wissen jedoch werden sie lieber für sich behalten und stattdessen einen ­40-köpfigen Untersuchungsausschuss einrichten, bei circa 400 Krawallanten ein durchaus guter Betreuungsschlüssel, besser als in Kitas und Schulen, der einen gewiss gendergerechten Untersuchungsbericht in mühsamer Arbeit erstellen wird (Ran­da­lie­re­r*in­nen?; Ran­da­lie­re­r:in­nen?) und zu dem Ergebnis kommt, dass 17 oder 37 neue Streetworker, fein quotiert, eingestellt werden müssen, um an warmen Wochenenden unauffällig am Eckensee oder auf dem Schlossplatz zu kiffen.

Kein politischer Anspruch, keine kommunizierbaren Forderungen, keinerlei diskursive Qualität können nun die Altvorderen zusammen mit dem gesamten Spektrum der Neo-Konstruktivisten und Neo-Moralisten in einmütiger Eintracht deklamieren und sich, wohl situiert und saturiert, gegenseitig auf die Schultern klopfen, wenn das „social distancing“ wieder aufgehoben ist.

Und wie immer werden die, die ihre Arbeit für sinnvoll halten und als großartig empfinden, das Leben derer erklären, denen der Zugang zu jener eloquenten Klasse, so oder so, verwehrt bleibt.

Dabei ist die implizite Forderung dieser einen Scherbennacht im Quartier der so verführerisch funkelnden Scheiben einer Möchtegern-Metropole nahe­liegend und deutlich vernehmbar, man muss nur halbwegs hinhören können – sie lautet: Gebt unserem Leben endlich einen Sinn.

Konsum als Staatsziel

Zugegeben: Schwer zu erfüllen in einer Gesellschaft, die den bedingungslosen Konsum zum höchsten Staatsziel erklärt hat.

Aber keine Angst: Die Clubs und Stadien öffnen bald wieder, der Nachschub an Drogen bleibt gesichert und der Sektor „Therapie und Soziale Arbeit“ ist ein boomenden Zukunftsmarkt, dessen Überführung in die Sphäre der Verwertung dem glorreichen Kapitalismus wann immer nötig einen Schub verschaffen kann.

Also: Alles in Butter.

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