Nachhaltigkeit in Kiel: „Der Nutzen wird erst morgen sichtbar“
Warum die sozialökologische Transformation in Städten beginnt und welche Hürden Kiel meistern muss, erklärt Nachhaltigkeitsexperte Christian Berg.
taz: Herr Berg, warum findet für Sie die sozialökologische Umwandlung vor allem in den Städten statt?
Christian Berg: In den Städten werden die großen globalen Herausforderungen konkret und sie können dort auch konkret adressiert werden. Ob der Staat funktioniert oder nicht, entscheidet sich oft nicht in Brüssel oder Berlin, sondern ganz konkret vor Ort: Fährt ein Bus? Komme ich abends noch nach Hause? Fühle ich mich sicher und wohl in meiner Umgebung? Viele Themen der Nachhaltigkeit sind in Städten auf engem Raum verbunden: Wie wir wohnen, arbeiten, uns fortbewegen und unser Miteinander organisieren. Städte bieten hier viele Chancen – für Ressourcenschonung, für soziales Miteinander, aber auch für Bürgerbeteiligung, die auf kommunaler Ebene viel leichter möglich ist.
taz: Wie bewerten Sie die Entwicklung der Stadt Kiel in diesem Zusammenhang?
Berg: Mir gefällt an Kiel die langfristige Orientierung, die regelmäßige Überprüfung der Ziele und die Einbindung der Bevölkerung. Kiel hat sich schon 2017, also kurz nach der Verabschiedung der UN-Nachhaltigkeitsziele, darauf festgelegt, sich an diesen zu orientieren. Es gib dort ein regelmäßiges Monitoring, in dem über den Fortschritt berichtet wird. Und es wurden Bürgerinnen und Bürger eingebunden, um sinnvolle Indikatoren auszuwählen, um diesen Fortschritt zu messen. Außerdem verbindet Kiel ökologische und soziale Themen – etwa in den Bereichen Kinderarmut und Schulverpflegung.
ist Keynote-Speaker, Referent und Berater. Er lehrt als Gastprofessor an der Universität des Saarlandes und als Honorarprofessor an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und der TU Clausthal. Seit mehr als 25 Jahren beschäftigt er sich mit Zukunftsfragen, vor allem nachhaltiger Entwicklung.
taz: Was können die politischen Entscheidungsträger*innen tun, um solch eine Transformation zu fördern?
Berg: Zunächst muss die Politik die Notwendigkeit einer sozialökologischen Transformation überhaupt erkennen – und dann ein Bewusstsein dafür schaffen und die Menschen einbinden. Dazu ist es wichtig, Ziele zu setzen – und zwar auch langfristig. Die sozialökologische Transformation ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Sie dauert länger als eine Legislaturperiode. Deswegen ist es wichtig, dass man unabhängig von politischen Akzentsetzungen erkennt, dass wir die globalen Herausforderungen längerfristig adressieren müssen.
taz: Warum ist diese Transformation so schwierig?
Berg: In vielen Bereichen in der Gesellschaft, in der Wissenschaft, aber auch in der Verwaltung, arbeiten wir in Silos. Wir beschäftigen uns mit Mobilität, mit Wohnen, mit Bildung oder mit Wirtschaft – aber jeder Sektor handelt für sich allein. Dumm nur, dass viele Herausforderungen sektorübergreifend sind. Deshalb brauchen wir integrative, systemische Lösungen, die auf vielen Ebenen Win-win-Situationen schaffen. Wenn man zum Beispiel ein gutes Verkehrskonzept mit guten Radwegen und einem guten ÖPNV hat, dann wird die Stadt leiser, hat bessere Luft, die Menschen bewegen sich mehr, werden gesünder und so weiter.
taz: Welche Widerstände müssen bei dieser Umwandlung überwunden werden?
Berg: Vielfach sind heute Investitionen nötig, deren Nutzen erst morgen sichtbar wird. Das ist politisch schwierig, weil wir gerade erleben, dass Populisten die Oberhand haben, die völlig unrealistische und widersprüchliche Versprechungen machen. In der Fachwelt sind sich da alle einig, dass viele dieser Versprechen Blödsinn sind, aber leider gehen die Menschen ihnen zum Teil auf den Leim. Und dann muss man ehrlich zugeben, dass Veränderungen immer auch unbequem sind und nicht nur Gewinner haben.
Vortrag und Podiumsdiskussion „So steht es um die Nachhaltigkeit in Kiel“: Do, 24.9., 19 Uhr, Ratssaal des Kieler Rathauses, Fleethörn 9
taz: Und welche Städte haben solch eine Entwicklung besonders nötig?
Berg: Handlungsbedarf ist vor allem dort gegeben, wo es rasche Veränderungen gibt – etwa durch Zuzug oder Wegzug, wenn große Arbeitgeber wegfallen und viele Menschen arbeitslos werden. Außerdem ist natürlich ein Problem, dass Infrastrukturen über sehr lange Zeiträume geplant und umgesetzt werden und es entsprechend lange dauert, das wieder zu ändern. In den 1960er und 1970er Jahren gab es zum Beispiel das Ideal der „autogerechten Stadt“. Solche Sünden der Vergangenheit holen uns bedauerlicherweise auch noch viele Jahrzehnte später ein.
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