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Nach dem Anschlag auf den CSDDer mutmaßliche Täter ist tot, die Debatten gehen los

Abdoul B. wurde am Sonntagabend von der Polizei erschossen. Derweil ist das Todesopfer identifiziert, eine Frau aus Warschau. Islamverbände verurteilen die Tat.

Zwei Tage nach dem mutmaßlich islamistischen Anschlag auf den Berliner CSD ist die Identität des Opfers bekannt. Es soll sich um eine 65-jährige Frau aus Warschau handeln, die gemeinsam mit ihrer Tochter wegen des queeren Straßenfests nach Berlin gereist war. Die Tochter soll den Anschlag, bei dem ein Mann einen Van in eine Menschenmenge unweit des Festivalgeländes im Tiergarten steuerte, verletzt überlebt haben.

Der mutmaßliche Täter, ein 21-jähriger Deutscher mit libanesischen Wurzeln, ist ebenfalls tot: Am Sonntagabend wurde er in einer Kleingartenkolonie im Berliner Bezirk Spandau von Spezialeinsatzkräften erschossen. Er soll sich in einer ungenutzten Parzelle der Anlage versteckt haben. Als die Polizei ihn dort gegen 18 Uhr ausfindig machte, soll er mit einer „Stichwaffe“, wie es in der Pressemitteilung der Berliner Polizei heißt, auf die Einsatzkräfte zugerannt sein – die hätten daraufhin geschossen. Wie oft das SEK auf den Mann schoss, ist unklar. In jedem Fall scheiterten laut Polizei Wiederbelebungsversuche vor Ort

Spekulationen hatte es um einen möglichen zweiten Tatverdächtigen gegeben. Wie die Bundesanwaltschaft am Montag mitteilte, sei ein zunächst festgenommener Mann aber wieder freigelassen worden. Zeugen hatten offenbar zunächst berichtet, dass sich der Mann nach dem Anschlag am Samstagabend von dem Tatort entfernt habe.

Verletzte außer Lebensgefahr

Die Berliner Charité teilte indes am Montag mit, dass von den vier Schwerverletzten des Anschlags niemand mehr in Lebensgefahr schwebe. Die Personen hätten „vor allem Stichverletzungen, zum Teil aber auch mehrere Knochenbrüche infolge des Zusammenstoßes mit dem Fahrzeug“ erlitten, heißt es in einer Mitteilung der Klinik auf X. Insgesamt hatte es neben dem Todesopfer 29 Verletzte gegeben.

Noch am Sonntagabend hatte es einen Trauergottesdienst in der Marienkirche auf dem Alexanderplatz für die Opfer und die Angehörigen gegeben. Neben der evangelischen Kirche waren auch Vertreter der katholischen und muslimischen Gemeinden vor Ort. Norbert Verse, Leiter der Psychosozialen Notfallversorgung des Erzbistums Berlin, begrüßt den ökumenischen Gedanken des Gottesdienstes.

Die psychische Verfassung der Augenzeugen und Betroffenen beschreibt Verse am Sonntagabend als sehr unterschiedlich. „Es war ja ein sehr tiefer Fall von einem freudigen Tag mit hervorragendem Wetter hin zum Anschlag.“

Nach dem Gottesdienst ziehen die Menschen weiter in einem langen Zug zum Brandenburger Tor. Dort bilden sie einen Kreis, legen in ihrer Mitte Blumen nieder und zünden Kerzen an. Manche wischen sich die Tränen von den Wangen. Niemand sagt etwas. Unterbrochen wird die bedächtige Stimmung nur vom Geräusch eines Baustellenfahrzeugs: Am Brandenburger Tor wird noch die Bühne des CSD-Fests abgebaut.

„Wie eine Familie“

Die queere Community, das zeigt sich hier deutlich, steht zusammen – wie eine Familie: „Das hätte mein Sohn sein können. Das hätte meine Tochter sein können. Das hätte jeder aus der Familie sein können“, sagt eine Frau über die Betroffenen. Und: „Man kriegt uns wahrscheinlich leiser, aber nicht ganz stumm“, eine andere.

Farbe bekennen sei wichtig, Stärke zeigen und sich nicht unterkriegen lassen, so eine Teilnehmerin. „Wir sind noch da.“ Dabei sei sie nicht ohne Angst hier: „Man fühlt sich ständig ein bisschen bedroht, obwohl das hier natürlich alles sehr gut abgesichert ist. Aber die Angst, dass noch mal was passiert, ist auf jeden Fall da“.

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Natalie Pawlik (SPD), hat unterdessen mehr Schutz vor Radikalisierung von Jugendlichen im Internet gefordert. „Kinder und Jugendliche müssen in der Lage sein, extremistische Propaganda zu erkennen, sie kritisch einzuordnen und ihr zu widerstehen, sowohl auf dem Schulhof als auch im digitalen Raum“, sagte Pawlik der Rheinischen Post.

Linke: Queere Rechte ins Grundgesetz

Linken-Chef Luigi Pantisano erneuerte seine Forderung – wie schon zuvor die Berliner Spitzenkandidatin für die Abgeordnetenhauswahl im September, Elif Eralp – queere Rechte ins Grundgesetz aufzunehmen. „Anstatt die Axt an soziale Projekte zu legen, muss die Politik das Fundament legen, um queeres Leben zu sichern in diesem Land“, spielte er auf die geplanten Kürzungen für Demokratieförderprogramme durch die Merz-Regierung an.

Anstatt die Axt an soziale Projekte zu legen, muss die Politik das Fundament legen, um queeres Leben zu sichern in diesem Land

Luigi Pantisano, Linke-Chef

Verschiedene Islamverbände äußerten sich am Montag entsetzt und verurteilten die Tat. „Wo Menschen aufgrund ihrer Identität oder ihrer Lebensweise zur Zielscheibe von Gewalt werden, werden die Grundwerte unseres Zusammenlebens angegriffen“, erklärte der Zentralrat der Muslime in Deutschland. Ähnlich äußerte sich der Ditib-Bundesverband (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion). Auch die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş, die teilweise vom Verfassungsschutz beobachtet wird, verurteilte den „abscheulichen“ Angriff. „Wer Menschen angreift, ermordet oder in Angst versetzt, handelt nicht im Namen des Islams, sondern folgt einer menschenverachtenden Wahnideologie“, erklärte Generalsekretär Ali Mete am Sonntagabend.

In den kommenden Wochen sind in Deutschland weitere CSDs geplant. Die nächsten in Bonn und Hamburg am Samstag. Bisher wollen alle daran festhalten. Aus Erfurt (5. September) heißt es seitens der Veranstalter „jetzt erst recht“.

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