Nach Messerattacke in Australien: Ermittler suchen nach Motiv
Laut der ermittelnden Polizeichefin habe es der Täter „offensichtlich“ auf Frauen abgesehen gehabt. Fünf der sechs Getöteten sind weiblich. Und nun?
ap/taz | Nach dem tödlichen Messerangriff in einem großen Einkaufszentrum in der australischen Küstenmetropole Sydney gehen die Ermittler der Frage nach, warum der Täter überwiegend Frauen attackierte. Karen Webb, die Polizeichefin des Bundesstaats New South Wales, sagte am Montag, im Bemühen, Näheres über ein mögliches Motiv zu erfahren, werde die Familie des 40-jährigen Angreifers Joel C. befragt. Überwachungsaufnahmen aus dem Einkaufszentrum Westfield Bondi Junction, das in der Nähe des weltberühmten Bondi Beach liegt, hatten gezeigt, wie C. Frauen angriff.
„Die Videos sprechen für sich, oder nicht?“, sagte Webb. „Es ist für mich und für die Ermittler offensichtlich, dass dies ein Bereich ist, der von Interesse ist: Der Täter hatte es auf Frauen abgesehen und mied die Männer.“ Bei dem Messerangriff am Samstag wurden sechs Menschen getötet, fünf davon Frauen. Mehr als ein Dutzend weitere Menschen wurden verletzt. Eine Polizistin erschoss den Angreifer. Die Polizei hat einen terroristischen Hintergrund ausgeschlossen und erklärt, der 40-Jährige sei psychisch krank gewesen.
Das mögliche Tatmotiv Frauenhass erinnert an einen ähnlichen Fall in Kanada: Vor bald vier Jahren erstach in Toronto ein Jugendlicher eine 24-Jährige, in seiner Tasche fand sich ein Dokument, das Gewalt gegen Frauen befürwortete. Er wurde schließlich Ende 2023 wegen Terrorismus verurteilt. Kanadische Behörden stuften die „Incel-Bewegung“, zu der er sich rechnete, als „gewalttätig-extremistische Bewegung“ ein.
Der einzige Mann, der bei dem Angriff getötet wurde, war ein pakistanischer Flüchtling, der in der Mall als Wachmann arbeitete. Er war unbewaffnet. Auch die meisten der überlebenden Opfer waren Frauen. Acht von ihnen befanden sich am Montag noch im Krankenhaus, darunter auch die neun Monate alte Tochter einer Frau, die im Krankenhaus ihren Stichverletzungen erlag. Der Zustand des Babys habe sich am Sonntag über Nacht verbessert, teilten die Gesundheitsbehörden mit – von einem kritischen zu einem ernsten Zustand.
Am Montag wehten die Flaggen vor Regierungsgebäuden in Australien auf halbmast, nachdem die Behörden einen landesweiten Trauertag ausgerufen hatten, um die Opfer zu ehren. Die Polizei hatte das Einkaufszentrum am Sonntagabend wieder den Betreibern übergeben. Wann es wieder geöffnet werden sollte, war noch unklar. Die Polizistin Amy Scott, die dafür gerühmt wurde, durch die Erschießung des Angreifers viele Leben gerettet zu haben, sollte am Dienstag von Ermittlern befragt werden.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert