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Nach Ausschreitungen im WestjordanlandEr schnappt die Waffe und schießt

Im Westjordanland starben zwei israelische Staatsbürger und vier Palästinenser, mutmaßlich durch israelische Patronen. Seitdem eskaliert die Gewalt.

Angefangen hat es mit einer sogenannten Trekkingtour. Jetzt brennt das Westjordanland. Eine Gruppe israelischer Siedler, unter ihnen auch Kinder, ist mit Rücksäcken, Wasserflaschen und Gewehren über den Schultern ins palästinensische Dorf Tell, südwestlich von Nablus, „spaziert“. Tell erstreckt sich über alle drei Gebiete des Westjordanlands – A, B und C. Israelis dürfen bis auf wenige Ausnahmen grundsätzlich nicht ins Gebiet A und brauchen für Gebiet B eine Sondererlaubnis. Diese hatte die Gruppe nicht.

Neben der Moschee des Dorfs entzündete sich Tumult. Am Ende liegen zwei Israelis und vier Palästinenser auf dem Boden, alle tot. Ein weiterer israelischer und vier palästinensische Männer sind verletzt, mutmaßlich durch israelische Patronen. Was in der Zwischenzeit passiert ist, zeigen Videos teilweise.

Offenbar schießen die Siedler mehrfach in die Luft, die Auseinandersetzung verlagert sich aus dem Dorf heraus, in die Nähe der Siedlung Havat Gilad, die israelische Armee rückt an. Eine israelische Sicherheitskraft hält ein Gewehr in den Händen, zielt auf einen Palästinenser, schubst ihn dann mit dem Gewehr und tritt ihn weg. Dieser schnappt sich die Waffe und schießt.

Ein israelischer Kommandant wird ebenfalls getötet. Die israelischen Sol­da­t:in­nen eröffnen laut Augenzeugen das Feuer auf die Palästinenser, sie töten den Schützen. Ein weiteres Video zeigt mehrere Männer mitten auf einem Feld am Boden. Einige wälzen sich hin und her, als ob sie verletzt wären. Zwei versuchen, aufzustehen.

Ein bewaffneter Mann, einige Meter entfernt, nimmt sein Gewehr und scheint auf sie zu schießen, mehrere Male. Ein Mann fällt, der andere steht auf und geht in Richtung der Soldaten, die am Rande des Feldes stehen, fällt aber ebenfalls zu Boden, unklar, ob angeschossen. Weitere Schüsse sind im Hintergrund zu hören. Menschen schreien.

Nach den Tumulten stürmen einige Dutzend Siedler offenbar die benachbarten Dörfer, auf Videos sind Gruppen von Männern und brennende Gebäude zu sehen, Rauchschwaden verschlingen die Häuser. In einem Fall versuchen sie, ein leerstehendes Haus im Aufbau zu übernehmen.

Razzien in palästinensischen Dörfern

Das israelische Militär behandelt den Vorfall wie einen Terrorangriff und führt Razzien sowie Festnahmen in palästinensischen Dörfern durch, unter anderem in einem Krankenhaus in Nablus, was Menschenrechtsorganisationen kritisieren. Die Streitkräfte bauen Checkpoints und Straßensperren in der Region auf. Laut der NGO Physicians for Human Rights Israel (PHRI) waren zwei Frauen gezwungen, in einem Krankenwagen zu gebären. Andere Pa­ti­en­t:in­nen konnten die Kliniken nicht erreichen.

„Ganze Gemeinschaften abzuriegeln und gleichzeitig zu verhindern, dass Krankenwagen Patienten erreichen oder Verwundete evakuiert werden, bringt das Leben von Zivilisten in unmittelbare Gefahr“, sagt PHRI-Forscher Imran Anati dazu. Nach Angaben der palästinensischen Nachrichtenagentur Wafa erlitt eine Frau am Checkpoint Awarta südlich von Nablus am Montag eine Fehlgeburt.

Das israelische Militär hat die taz-Anfrage dazu bislang nicht beantwortet. Laut Medienberichten wollen Premierminister Benjamin Netanjahu und Verteidigungsminister Israel Katz nach dem Vorfall die Legalisierung von Außenposten vorantreiben und neue einrichten lassen. Auch soll das Haus des Schützen abgerissen werden.

Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir soll sich gewünscht haben, dass palästinensische Dörfer im Westjordanland dasselbe Schicksal wie Beit Hanoun in Gaza erfahren, das größtenteils zerstört wurde. „Für jeden ermordeten Juden sollte der Feind Land und Häuser verlieren. Das ist die Sprache des Nahen Ostens“, so der rechte Politiker. Finanzminister Bezalel Smotrich plädiert dafür, die Dörfer in die Flüchtlingslager von Tulkarem zu verwandeln. Diese stehen seit anderthalb Jahren leer und sind größtenteils beschädigt, nach einer großangelegten militärischen Operation.

Streitkräfte sind am Wochenende aus Gaza und Libanon abgezogen und ins Westjordanland entsandt worden. 24 Bataillone befinden sich derzeit dort. Trotzdem gingen die Auseinandersetzungen weiter. In Susiya im südlichen Westjordanland ist ein Israeli durch Steinwürfe verletzt worden, während Siedler ein palästinensisches Haus in der Nähe umzingelt und scharf geschossen haben. Verteidigungsminister Katz hat am Dienstag angekündigt, noch ein Flüchtlingslager stürmen zu wollen. Welches oder wann hat er nicht mitgeteilt.

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