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Musik in der UkraineKrieg ist eine äußerst komplexe Störung der Realität

Gianmarco Del Re hat für sein Buch „Ukrainian Field Notes“ mehr als 300 Interviews geführt. Sein Werk ist Grundlagenforschung zum Sound des Krieges.

Mit dem Krieg habe ich jedes Verlangen nach Musik verloren. Ich hatte einfach weder Zeit noch Energie für Kunst. Am Anfang der Großinvasion war Kunst etwas sehr Entferntes für mich“, sagt die ukrainische Komponistin und Violinistin Katarina Gryvul während eines 2022, im ersten Jahr der russischen Vollinvasion, geführten Gesprächs. Sie habe dann später wieder mit der Musik begonnen, aber es sei ihr sehr schwer gefallen.

Der ukrainische Ambient-Musiker Ocheret schildert, er habe Probleme damit, seine Projekte abzuschließen: „Die Zukunft ist verschwommen, also versuche ich, im Hier und Jetzt zu leben, meine Träume und Wünsche zu erfüllen weil ich wirklich nicht weiß, was im Laufe der kommenden Woche passieren wird.“

Die beiden Zitate stammen aus einem den psychologischen Folgen des Krieges gewidmeten Kapitel des Buchs „Ukrainian Field Notes. Sound, Music, and Voices from Ukraine After the Full-Scale-Invasion“ von Gianmarco Del Re, vor kurzem beim Londoner Verlag Velocity Press erschienen. Genaugenommen ist es der dritte Band einer Serie des italienischen Autors, der bereits 2023 und 2024 Zwischenergebnisse und begleitende Compilations veröffentlicht hatte.

Das Buch

Gianmarco Del Re: „Ukrainian Field Notes. Sound, Music and Voices from Ukraine After the Full-Scale Invasion“, Velocity Press, London 2026, 535 Seiten, ca 12 Euro.

Del Re, der sich selbst einmal bescheiden als „sporadisch tätiger Künstler und Filmemacher mit einer gesunden Neigung zur Prokrastination“ beschrieb, hat vier Jahre lang Gespräche mit Menschen aus der Experimentalmusikszene des überfallenen Landes geführt und sich intensiv mit der ukrainischen Kultur, Geschichte und Lebenswirklichkeit befasst. Seine über 500 Seiten umfassende Studie versteht er als „Einladung an die Leser, genauer hinzuhören“ versteht – und zwar „nicht nur der Musik, sondern auch den Stimmen und Erfahrungen dahinter“.

Zunächst ein Podcast

Angefangen hat das Projekt mit Del Res Interviews für den experimentellen Musikblog „A Closer Listen“, woraus ein monatlicher Podcast beim Londoner Community-Radiosender Resonance FM wurde. „Ich begann damit, weil es das war, was ich selbst lesen und hören wollte: Die Stimmen derjenigen, die diese Ereignisse durch das Prisma des Sounds durchleben“, schreibt Del Re. Bis Ende 2025 hatte er über 300 Interviews mit Menschen aus dem Musikbereich über Krieg und Sound geführt – nicht nur mit Musikern, sondern auch mit DJs, Produzenten, Labelbetreibern und Aktivisten.

Dabei wählte Del Re seine Gesprächspartner nicht nach Bekanntheitsgrad aus, sondern versuchte, ein möglichst breites Spektrum abzudecken, wobei er sich auf experimentelle und elektronische Musik fokussierte: Ambient, Drone, Noise.

Er sprach mit Personen aus verschiedenen Regionen des Landes, mit Zivilisten und Soldaten und gezielt mit queeren Personen – auch mit unbekannten Künstlern, auf die er über Bandcamp, SoundCloud oder durch Empfehlungen aufmerksam wurde. Die meisten Gespräche wurden online geführt, einige persönlich während seiner Reisen in die Ukraine.

In seinem Buch versammelt Del Re, thematisch geordnet, klassische Interviews und zusammenfassende Abschnitte, in denen verschiedene Meinungen zu lesen sind und er das Gesagte analysiert. Dafür streifte er auch durch die sozialen Netzwerke, die Presse und auch die ukrainische Kultur im Ganzen, wodurch seine Nachforschungen in der Musikszene in einen größeren Kontext eingebettet sind.

So zitiert er im Kapitel über die psychologischen Kriegsfolgen etwa aus dem Memoir des ukrainischen Journalisten und Schriftstellers Stanislaw Assjejew, der nach Beginn der russischen Aggression im Jahr 2014 zunächst in seiner Heimatstadt Donezk blieb, um von dort zu berichten und später zweieinhalb Jahre von prorussischen Separatisten gefangengehalten wurde. Im Buch zitiert Del Re Assjewjews Erinnerungen aus dem Isoljazija-Foltergefängnis, das früher einmal ein Kunstzentrum gewesen war: Wie merkwürdig es gewesen sei, den Verkehrslärm an diesem Ort zu hören.

Sound als Kontrollinstrument

Oder dass zuvor im Keller, in dem er zunächst festgehalten worden war, das Geräusch des Aufzugs dazu diente, die vergangene Zeit zu messen. Der Aufzug sei das einzige, was dort zu hören war, schreibt Assjejew. Del Re reflektiert auch die Verwendung von Sound als Folter- und Kontrollinstrument: Laute Rockmusik werde angestellt, wenn jemand geschlagen wird, und Wärter zwingen die Gefangenen während der Folter dazu, sowjetische Lieder zu singen.

In einem zentralen Kapitel widmet sich der Autor den verschiedenen Sounds des Krieges – beginnend mit dem wohl offensichtlichsten Geräusch, den Alarmsirenen, die jeden Tag in den ukrainischen Städten erklingen, unmittelbar, bevor die Russen angreifen.

Dabei warnt er auch vor der Gefahr der Exotisierung, etwa im Fall des Albums „Under Certain Light and Atmospheric Conditions“ (2025) des australischen Star-Komponisten und -Produzenten Ben Frost, auf dem eine Mischung aus Live-Shows, Field Recordings und Soundcheck- Improvisationen zu hören ist. Del Re kritisiert, hier sei zwischen Auftritten in China und Kuba mal eben eine Sirene aus Kyjiw hineingerutscht, das wirke wie ein „akustischer Kühlschrankmagnet“.

Es kämen ethische Fragen auf, selbst wenn solche Gesten als Zeichen der Solidarität intendiert sind. Das sieht Sasha Andrusyk, die die kuratorische Plattform Ukoh Music und das Indielabel Kyiv Dispatch betreibt, ähnlich. Krieg sei eine äußerst komplexe Störung der Realität – eine Störung von Sprache, Zeit und Bedeutung.

„Der Versuch, ihn anhand von Luftschutzsirenen zu beschreiben, wirkt wie eine Abkürzung, die sich auf die unmittelbarsten Assoziationen stützt – sie sind laut und schockierend (und dokumentarisch akkurat), aber auch ziemlich oberflächlich.“

Auch für Le­se­r:In­nen mit wenig Vorwissen ist das Buch im Allgemeinen gut verständlich, hätte aber die interviewten und erwähnten Personen ausführlicher vorstellen können. Dies mag dem Umstand zu geschuldet sein, dass Del Re mit „Ukrainian Field Notes“ wirklich tief in seinen Forschungsgegenstand eingetaucht ist. Aber während alle in der Ukraine den legendären, 2015 verstorbenen Rockmusiker Andrij Kusmenko kennen, der mit seiner Band Skryabin eine Art ukrainischen Depeche-Mode-Sound prägte, ist das außerhalb des Landes nicht unbedingt der Fall.

„Ukrainian Field Notes“ ist ein wertvolles Dokument der ukrainischen Experimentalmusik-Szene und zugleich eine breitgefächerte wie intensive, man könnte sagen phänomenologische Reflexion über die komplexe und bedrohliche Klanglandschaft des Krieges – in der Ukraine und im Allgemeinen. Ein Stück Grundlagenforschung.

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