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Musik der iranischen Diaspora in LASehnsucht, Schmerz und Hoffnung auf den Neuanfang

Die Compilation „Tehrangeles Vice (Iranian Diaspora Pop 1983–1993)“ wirft ein Schlaglicht auf den upliftenden Sound der iranischen Exilgemeinde von Los Angeles.

Die Islamische Revolution und der Sturz des Schahs von Persien im Jahr 1979 stellten einen radikalen Bruch im Leben der Menschen in Iran dar. Wer konnte, verließ das Land – vor allem viele Musikerinnen und Musiker flohen aus Iran. Viele von ihnen zog es an die Westküste der USA, vor allem in den Großraum Los Angeles.

Dort entwickelte sich, während Iran unter dem Regime des Ayatollahs und Anfang der 1980er Jahre unter dem Ersten Golfkrieg ächzte, eine bis heute einzigartige Szene, die im Exil einen völlig neuen Sound kreierte. Diesem Sound ist nun, viele Jahre später, eine verdienstvolle Compilation mit insgesamt zwölf Songs gewidmet: „Tehrangeles Vice (Iranian Diaspora Pop 1983–1993)“.

Alle Songs klingen nach Heimat und Fremde zugleich: nach unbändiger Sehnsucht und Schmerz und einem hoffnungsvollen Neuanfang im Exil. Der Sound dieses Neuanfangs wird in den zehn Jahren, die die Compilation des in Los Angeles sitzenden Labels Discotchari abbildet, völlig neu gestaltet.

Aber zunächst ein kurzer Rückblick – denn auch wenn es heute schier unvorstellbar scheint: Noch in den 1970er Jahren gab es in Iran unter dem repressiven Regime von Schah Reza Pahlavi eine blühende Musikszene. Sängerinnen wie etwa Googoosh wurden mit einem Sound aus Funk und Disco zu internationalen Stars. Mit der Revolution änderte sich das schnell. Als der Schah und dessen Monarchie 1979 gestürzt und vom streng religiösen Ayatollah Khomeini abgelöst worden war, verboten die neuen Machthaber westliche Rock- und Popmusik vollständig.

Orchester aufgelöst, Musikschulen geschlossen

Stattdessen wurde eine Rückbesinnung zur traditionellen persischen Musik propagiert, weibliche Stimmen waren fortan tabu: Frauen ist es seit 1979 verboten, zu singen – und die, die es vorher getan hatten, wurden von den Regime-Schergen verhaftet oder mit lebenslangen Auftrittsverboten belegt. Aus der fundamentalistischen Sicht der neuen religiösen Staatsführung verleiten Frauen, die auf der Bühne stehen und singen, Männer zu sündhaften Blicken und Gedanken. Aber auch viele Orchester und Musikschulen wurden nach der Revolution in Iran aufgelöst und geschlossen.

Zwar galt die Musik der in die USA emigrierten Künst­le­r:in­nen in der alten Heimat als verboten und verrucht. Dennoch fanden ihre Songs den Weg zurück nach Iran, auf teils eigenhändig kopierten Kassetten. Auf dieselbe Art hatte der Ayatollah Ruhollah Chomeini noch vor der Revolution in den 1970ern seine Botschaften aus dem französischen Exil heraus in Iran verteilt. Doch die von Chomeini ausgelöste Islamische Revolution setzte der goldenen Ära des iranischen Pop kein Ende. Sie verlagerte die Szene, die sich den Mund nicht verbieten lassen wollte, ins US-Exil.

Und dort, im fernen Kalifornien, trifft der Sound armenischer, jüdischer, assyrischer und persischer Gemeinschaften aufeinander. All diese Einflüsse – und teilweise sogar lateinamerikanische Klänge, wie etwa im Lied „Ghesmat“ von Shahram Shabpareh und Shohreh Solati, verschmelzen zum besonderen Sound von „Tehrangeles Vice“: Da stehen klassische 80er-Jahre- und 90er-Jahre-Disco-Grooves neben breiten Synth-Flächen, experimentieren elektronische Beats mit traditionell klingenden persischen Balladen.

Tehrangeles Vice

Verschiedene KünstlerInnen: „Tehrangeles Vice (Iranian Diaspora Pop 1983-1993)“ (Discochari Records/Bandcamp)

Der Sampler deckt weitaus mehr ab als bloße Nachtclub-Vibes. Und auch die Musik, die aufs erste Hören in ihrer Disco-Manier vielleicht oberflächlich daherkommen mag, schabt weitaus tiefer als bloß an der Oberfläche. Hier lohnt sich auch ein Blick in das mehr als umfassende Booklet, das fast wie eine musikwissenschaftliche Einordnung der Tehrangeles-Szene daherkommt und die Songtexte in englischer Übersetzung liefert.

Die Straße endet als Sackgasse

Der Künstler Sattar zum Beispiel singt in „Khaak“ (Engl.: Homeland) von der Schwere des Lebens im Exil und der Suche nach einer neuen Heimat – verpackt in scheinbar super-fröhlich klingende Disco-Beats: „There where the soil was truly mine/You saw the road ended in a dead end/Here where I am, I have no peace/Again, I must pack for a journey. (…) Oh, what things I have lost/Their pain always remains in my heart“, so der Text. Auch viele Liebeslieder finden sich auf der Compilation, etwa „Man Va To“ (Englisch: Me and You) von Shahrok.

Generell sprudelt der Diaspora-Sound vor Lebensfreude – auch wenn die Songtexte manchmal vom Gegenteil zeugen. Die Zusammenstellung der Musik zeigt aber genau damit, dass sich die aus Iran vertriebene Szene dieses nicht hat nehmen lassen: den engen Bezug zur Heimat, wenn auch aus der Ferne. Und den Willen, weiterzumachen, sich die Freude am Leben nicht nehmen zu lassen und vereint gegen das Grauen des Mullah-Regimes anzusingen.

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