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Motivationslehren beim TischtennisBekämpfe das Feuer doch mal mit Feuer!

Das Wort Flow gehört zum Einmaleins der aufmunternden Sportpsychologie. Doch bisweilen fehlt etwas im ewigen Positivismusterror der Mentalcoachologie.

I n der Sommerpause kam er dann. Der Verein hatte einen Motivationstrainer bestellt, einen jungen Mann Ende 20, der vor Corona einmal österreichischer Bundesligaspieler gewesen war, bevor er sich der Umstände wegen fürs Coaching, besonders fürs mentale Coaching entschied. So wirkte er freundlich, patent, strahlte aber eigentlich kein übergeordnetes Selbstbewusstsein aus. Bis er dann anfing zu reden.

Im Prinzip sagte er ungefähr das, was in allen Aufsätzen im Internet, in Ratgeberbüchern oder in Tutorials auch erfahrbar ist, das Einmaleins der Sportpsychologie: Er sprach vom Flow, in den man im Spiel immer wieder reinmuss, und von den Blockaden, die einen davon abbringen, und wie man durch Bewusstmachen die eine oder andere davon überwindet. Er tischte den Mythos auf, nach dem so eine Spielerlegende auch nur 54 Prozent der Punkte macht – es kommt nur drauf an, welche. Ich habe dieses 54-Prozent-Ding schon verbunden mit dem Namen Timo Boll gelesen, er brachte den Namen Roger Federer ins Spiel, sei’s drum.

Vieles, was er sagte, war hilfreich, und klar, die eine Stunde wäre für uns jetzt nicht der Gamechanger, aber das ein oder andere konnte man mitnehmen und ausprobieren. Selbst dem Punkt, mit dem ich am meisten hadere, konnte ich etwas abgewinnen: das Atmen.

These des Motivationstrainers und vieler anderer aus seinem Metier nämlich: Beeinflusse das, was du beeinflussen kannst. Das Ergebnis kannst du nicht beeinflussen. Was du beeinflussen kannst, ist die Atmung.

Atmen! Atmen!

Wobei, der Teil mit der Atmung stimmt natürlich: Es gibt da so Tricks, wie man sich wieder runterholt, den Puls senkt, die Nervosität dämpft. Atmen, als stehe man kurz vor einer Geburt. Tief einatmen, am besten durch die Nase. Rituale schaffen – Ball auftitschen, Hand am Tisch in Netznähe abtrocknen, deswegen sieht man das dauernd bei den Profis. Sich Zeit lassen. Danach geht das mit den Punkten weiter.

Und jetzt kommt’s: Ich persönlich glaube, dass man durchaus das Ergebnis beeinflussen kann, und nicht nur negativ. Man kommt nicht nur durch diese Mind Games zurück in den Flow. Es stimmt alles, aber es gibt noch einen Trick, ein Mind Game der eher bösen Art, der fehlt in diesem Positivismusterror der Mentalcoachologie.

Ein anderer, mit der Atmung verwandter Topos, der auch immer auftaucht in diesem Kontext, ist der der asiatisch mentalen Kühle. Aber da sind wir bei den Klischees – die natürlich sehr zutreffend sein können: So heiraten europäische Tischtennisspieler öfter Chinesinnen oder Chinesischstämmige, als es Tennisspieler tun, und Ramen schlürfen sie auch alle gerne.

Kunst an der Platte: mit Mind Games zurück in den Flow kommen

Das mit der mentalen Kühle, mit dem Coolbleiben, wenn es heiß wird, hergeleitet aus den fernöstlichen Kampfkünsten, ist sicher nicht falsch, besonders wenn damit besagte Nervosität bezwungen werden kann. Aber manchmal müssen Emotionen raus, und manchmal ist es das Feuer, das einen befeuert.

Beste Beispiele von der Spitze sind Truls Möregårdh, der nie groß hinter dem Berg hält, was seine Gefühle sind am Tisch, oder Tomokazu Harimoto, der jeden Punktgewinn schreiend feiert, als ob er gerade das ganze Match gewonnen hätte.

Beim WTT Finals in Hongkong zeigte auch Félix Lebrun, was ich meine: Im Spiel gegen Hugo Calderano spielte er nicht schlecht, lag aber früh recht weit hinten. Bis es aus ihm herausbrach: „C’est pas possible! C’est pas possible!!!“, schrie er sein Ungenügen heraus – wofür es nicht mal die gelbe Karte gab.

Ab genau dem Punkt lief es dann besser für Félix. Am Ende gewann er ein großartiges Spiel mit 4:2.

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René Hamann

René Hamann Redakteur Die Wahrheit

schreibt für die taz gern über Sport, Theater, Musik, Alltag, manchmal auch Politik, oft auch Literatur, und schreibt letzteres auch gern einmal selbst.
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