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Mostar und das Erbe Ex-JugoslawiensTraurig, aber normal

In Mostar ist was los. Und ältere Intellektuelle beneiden die Jungen manchmal um ihre Unbedarftheit. Denn in vielen Köpfen ist der Krieg nicht vorbei.

Blick über Mostar mit der alten, wieder aufgebauten Brücke, die während des Krieges zerstört wurde Foto: Samar Jordamovac/AA/imago

E s ist Bayram in Mostar. Im alten Teil der Stadt rund um die alte Brücke drücken sich Touristen und Einheimische durch die engen Gassen. In einem der Aufgänge in die obere Stadt singt eine Band bosnische Schlager, die Stimmung ist ausgelassen.

Auf der die Altstadt umlaufenden Straße, die immer noch „Marschall Tito“ heißt, flanieren Frauen mit Kopftuch, Männer in kurzen Hosen, Frauen in eng anliegenden, viel Haut freilassenden Kleidern. In den Männercafés weiter unten sitzen alte Männer beim Bier und tratschen, der Muezzin singt ein Lied, noch schiefer als der Schlagersänger auf der Treppe.

Zwischen dem Bekleidungsgeschäft „Bosnian Kingdom“ und der Botschaft Saudi-Arabiens sammeln sich im Laufe des Abends immer mehr junge Leute in einem Café, das einstmals die Gebetsschule der Moschee war. Die Kellner tragen Zahnspange und Bart, die weiblichen Besucher enge Jeans und T-Shirt.

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An einem Tisch sitzen zwei Schriftsteller und unterhalten sich über das anstehende Literaturfestival in Mostar. Ein Schriftsteller aus Banja Luka, den sie eingeladen hätten, habe in letzter Minute abgesagt. Traurig, aber normal. Selbst in der Kulturszene sei die Trennung zwischen den Entitäten verfestigt. Es gäbe ein Literaturfestival in Banja Luka, der Hauptstadt des serbischen Landesteils von Bosnien und Herzegowina, eines in Sarajevo, der Hauptstadt des bosniakischen Teils, und eben das in ihrer Stadt Mostar, der Hauptstadt des herzegowinischen, kroatischen Teils.

Die beiden vergleichen Mostar mit einer Ampel

Doch anders, als man meinen könnte, sei der Austausch zwischen den Literaten der drei Festivals sehr bescheiden. Keiner der beiden Schriftsteller aus Mostar war je auf einem der beiden anderen Festivals, dafür aber schon in halb Europa auf ähnlichen Veranstaltungen eingeladen worden. Beide Männer waren als Kinder vor dem Krieg in Mostar mit ihren Familien geflüchtet. Der eine wuchs in Deutschland, der andere in der Türkei auf.

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Dass der UN-Hauptkommissar Christian Schmidt seinen Rücktritt erklärt hat und das mit den politischen Spannungen im Land und den Einflüssen seitens der USA und Russlands begründet hat, kommentieren die beiden so lakonisch wie die Absage des Schriftstellers aus Banja Luka: traurig, aber normal. Die beiden vergleichen Mostar mit einer Ampel: die Neretva, der eiskalte, reißende grüne Fluss, der die Stadt teilt, sei die Kulturgrenze zwischen Ost und West und die Bewohner Mostars regulierten den Verkehr zwischen den Kulturen. Naturgemäß komme es zwar trotzdem hier und da zu Chaos, aber im Großen und Ganzen verstehe man sich hier darauf, das hohe Verkehrsaufkommen unfallfrei zu steuern.

Es dauert nicht lange, dann kommt das Gespräch auf die aktuellen Kriege, die eigentlich nur eine Überleitung zu dem eigenen der 1990er-Jahre ist. Einer der beiden erzählt, dass er mit seiner Mitte 20-jährigen Freundin kürzlich den Film „Quo Vadis, Aida?“ geguckt habe, der das Massaker von Srebrenica zum Thema hat. Nach den ersten Minuten habe die Freundin ganz ohne Sarkasmus gesagt: „Ich fürchte, der Film geht nicht gut aus“. „Natürlich geht er nicht gut aus, was hast du denn gedacht?“

Er beneidet sie um ihre Unbedarftheit. Natürlich wisse sie, was in Srebrenica passiert ist, aber schalte nicht sofort auf Panikmodus um. „Ich habe entschieden, mit ihr nicht mehr über unseren Krieg zu sprechen. Ich will sie nicht mit meinem Trauma vergiften“, sagt der Autor.

Geht das? „Ja“, sagen beide Autoren. Sie seien es lange überdrüssig, über „ihren“ Krieg zu reden, auch als Schriftsteller. Würden sie aber nicht über „ihren“ Krieg schreiben, würden sie in Europa nicht ernst genommen.

„Reden wir über Armut“, sagt einer der beiden. „Reden wir darüber, dass selbst in Mostar nur noch Wohnungen für die Elite gebaut werden, dass selbst hier der Massentourismus das normale Leben vernichtet. Wir haben die gleichen Probleme wie alle anderen.“ Traurig, aber normal.

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Doris Akrap
Redakteurin
Ressortleiterin | taz zwei + medien Seit 2008 Redakteurin, Autorin und Kolumnistin der taz. Publizistin, Jurorin, Moderatorin, Boardmitglied im Pen Berlin.
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