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Moshpit ganz zärtlichAls wären wir in Luftpolsterfolie

Moshpit steht für Chaos und die Freiheit, die ich im Alltag oft vermisse. Trotzdem traute ich mich nicht, bis die Macker mal draußen blieben.

W enn ich das Wort Moshpit höre, suche ich eigentlich schnell das Weite. Bloß nicht in einer Traube springender Männer zerdrückt werden. Ich bin nicht die Größte, 1,60 Meter, die Ellenbogen durchschnittlich großer Männer befinden sich auf der Höhe meines Kopfes. Im Moshpit würde ich zwischen all den Oberkörpern eh nichts sehen und hätte Achseln im Gesicht.

Dabei steht das Wort Mosh für starke Emotionen, für Chaos und dafür, alles aus sich rauszulassen – was ziemlich verlockend klingt und nach der Freiheit, die ich im Alltag manchmal vermisse. Wann schreit man schon mal rum, lässt der negativen Energie freien Lauf und schafft stattdessen einen positiven, gemeinsamen Moment? Außerdem lautete die erste Regel in jedem Moshpit: Wenn jemand hinfällt, wird der Person sofort hochgeholfen. Trotzdem traute ich mich bisher nicht mitzumachen.

Dann war ich auf meinem Lieblingsfestival. Am Nachmittag spielt die Berliner HipHop-Band PA69, bekannt für Lieder wie „Biertornado“ – und für ihren Hang, die Meute zu Moshpits anzustiften.

Auf dem Mainfloor ist es brechend voll, als die drei Sänger mit ihren rosa Skimasken auf die Bühne stürmen. Neben ihnen tanzt eine gelbe Sonne, die an die Teletubbies erinnert. Die nächste Stunde kommt mir wie ein Fiebertraum vor. Der ganze Floor grölt gemeinsam „Fuck die AfD“, Mittelfinger fliegen durch die Luft. Es dauert nicht lange, dann wird der erste Moshpit eröffnet.

Und jetzt ohne Macker

„Aber irgendwie sind hier in der Mitte noch zu viele Männer“, sagt unerwartet eine der pinken Sturmhauben ins Mikro. Stimmt, ich habe gar nicht infrage gestellt, dass meine männlichen Freunde mal wieder fröhlich in der Mitte rumspringen, während ich aus sicherer Entfernung zugucke. „FLINTA*-Moshpit!“, ruft der Sänger da in die Menge. Wir schauen uns an, das habe ich noch nie gehört: ein Moshpit ohne Macker – da wollen wir dabei sein.

Schnell drücken meine Freundinnen und ich den Männern unsere Taschen in die Hand und schlängeln uns durch die Menge Richtung Bühne. In der Mitte tut sich ein kreisrunder Fleck auf, der staubige Boden wird sichtbar.

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Als der Beat droppt, springen wir aufeinander zu, unsere Körper prallen gegeneinander, wir hüpfen gedrängt im Kreis, die Masse bewegt sich wie ein Strudel gegen den Uhrzeigersinn.

Trotzdem fühlt sich das Schubsen sanft an, als wären wir in Luftpolsterfolie gewickelt. Ich bekomme weder Ellenbogen gegen den Schädel, noch werde ich eingeklemmt. Und das Beste: Ich kann weiter als bis zum nächsten T-Shirt sehen, weil alle großen Männer am Rand stehen und zugucken müssen. Bis zum anderen Ende der Menge blicke ich in breit grinsende Gesichter.

J. und ich halten uns an den Händen gegenseitig fest, während wir auf und ab springen und kaum noch Luft kriegen vor Lachen. Letztens saßen wir noch zusammen in einem Bob auf einer Sommerrodelbahn in den Alpen und haben ähnlich geschrien, als wir bergab rauschten. Ich vorne „bremsen, bremsen“, J. hinten lachte sich kaputt, das Adrenalin schoss durch unsere Körper und wir durch die engen Kurven. Dieser Moshpit löst einen ähnlichen Rausch in uns aus.

„Ich will alles XXL, wir sind die größte Band der Welt“, grölt der Sänger. Unsere Gesichter sind dreckig vom Staub, der von unseren Füßen aufgewirbelt wird, die Beine zwei Hauttöne dunkler. Ich wusste nicht, dass ein Moshpit XXL so ein Spaß ist.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Sophie Fichtner

Sophie Fichtner Redakteurin

Seit 2022 Redakteurin im Zukunftsteil der wochentaz, aktuell im Ressort Reportage und Recherche. Sie hat die Deutsche Journalistenschule in München besucht und Politikwissenschaften in Berlin und Lissabon mit Schwerpunkt auf Menschenrechten studiert.
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