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Mixed Martial ArtsUnterste Gürtellinie

Lange war Mixed Martial Arts eine unglaublich spannende Kampfsportart. Nicht erst seit dem bevorstehenden Kampf vor dem Weißen Haus ist MMA verloren.

E s ist zum Kotzen. Seit 2009 hab ich versucht, taz-Leser*innen den MMA-Sport nahezubringen. Ein toller Kampfsport, vielseitig, intelligent, anspruchsvoll, der damals in Deutschland nahezu geächtet war. Heute ist er im Mainstream angekommen, aber es ist ein Trauerspiel, was daraus geworden ist.

Damals, vor 17 Jahren, kam die Ultimate Fighting Championship (UFC) zum ersten Mal nach Deutschland. Dana Whites aus den USA stammende weltweit führende MMA-Organisation füllte die Kölner Lanxess-Arena. In Deutschland wusste kaum jemand, was MMA, also Mixed Martial Arts, überhaupt war, die Assoziationen gingen Richtung Underground und Regellosigkeit. Die Springer-Medien schrieben von „Blutboxen“ und überall hieß es, das sei etwas ganz Schlimmes und gehöre verboten.

Das passierte auch: Im Dezember 2009 platzte ein in Berlin geplanter Kampfabend, weil dem Veranstalter kurzerhand die Halle wieder gekündigt wurde. Im März 2010 verbot die Bayerische Landesmedienanstalt MMA-Übertragungen im Fernsehen, und es dauerte Jahre, bis das aufgehoben wurde.

2009 also fuhr ich für die taz zum ersten UFC-Event nach Köln, um mir selbst ein Bild davon zu machen, was es damit nun eigentlich auf sich habe. Nach einem Abend ganz nah am Ring und Gesprächen mit Kämpfern, Trainern und Zuschauern – tatsächlich nur Männern – kam ich mit der Erkenntnis zurück, dass MMA nicht die Suche nach dem nächsten, noch brutaleren Kick ist, sondern ein unglaublich spannender und technisch, taktisch und körperlich extrem anspruchsvoller Kampfsport, dessen Ächtung einfach populistischer Quatsch war.

wochentaz

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Ich sah mich in der deutschen Szene um, durfte Athleten in ihrer Vorbereitung und bei Kämpfen begleiten, verfolgte in der kleinen Berliner Universal Hall die Anfänge der „We Love MMA“-Reihe mit. Ich schrieb darüber, wie der Wurzener Kämpfer Benjamin Brinsa wegen seines Backgrounds als Nazi-Hool von Kampfveranstaltungen ausgeschlossen wurde, wie selbst die UFC einen Vertrag mit ihm deshalb wieder kündigte. Ich schrieb über Liz Carmouche, die erste offen lesbische UFC-Kämpferin, die mit einem Regenbogen-Mundschutz antrat.

Von inklusiv zu rechtsextrem

Das ist alles passé. Inzwischen ist die UFC voll mit Kämpfern, die offen Propaganda im Sinne des rechtsextremen Kulturkampfes betreiben. Sean Strickland etwa, mit dem sich auch Donald Trump gerne ablichten lässt, postete kürzlich zum Beginn des Pride Month ein mit KI erstelltes Video, in dem er eine Transfrau zusammenschlägt.

UFC-Chef Dana White trat schon beim Republikanischen Parteitag 2016 für Donald Trump ans Rednerpult und gehört seither zu Trumps Inner Circle.

Joe Rogan, kenntnisreicher TV-Kommentar von UFC-Kämpfen, verbreitet in seinem Podcast – dem reichweitenstärksten weltweit – durchaus charmant toxische Männlichkeitsbilder. Seine Unterstützung Donald Trumps wenige Tage vor der Wahl 2024 dürfte nicht wenige Männer zwischen 20 und 35 an die Urnen getrieben haben.

Wer in den USA heute zu einer UFC-Veranstaltung geht, geht zu einem MAGA-Event. Ganz besonders diese Woche: Am kommenden Sonntag findet „UFC Freedom 250“ statt, in einer temporär errichteten Arena auf dem Rasen des Weißen Hauses, zu Ehren von 250 Jahren USA, vor allem aber zum 80. Geburtstag von Donald Trump.

MMA ist Teil der misogynen Manosphere geworden. In Deutschland lässt sich Hells Angel und Bordellbetreiber Christian Eckerlin als Star der Eventreihe Oktagon feiern und füllt Stadien, live übertragen bei RTL. Das wäre vor 17 Jahren undenkbar gewesen. Ich mag den Sport immer noch. Aber er ist unrettbar verloren.

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Bernd Pickert

Bernd Pickert Auslandsredakteur

Jahrgang 1965, seit 1994 in der taz-Auslandsredaktion. Spezialgebiete USA, Lateinamerika, Menschenrechte. 2000 bis 2012 Mitglied im Vorstand der taz-Genossenschaft, seit Juli 2023 im Moderationsteam des taz-Podcasts Bundestalk. Bluesky: @berndpickert.bsky.social In seiner Freizeit aktiv bei www.geschichte-hat-zukunft.org
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10 Kommentare

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  • Hier passt wohl eine Erinnerung an "Es lebe der Sport " von Reinhold Fenrich aus Österreich.

  • Das ist kein Sport. Es ist brutale Show und keineswegs beachtenswert. Macho-Gehabe mit allen negativen Folgen für Teilnehmer und Betrachter.

    • @Perkele:

      MMA war laut des Artikels eine "unglaublich spannende Kampfsportart" - vielleicht, solange sie in der Öffentlichkeit stattfand.



      Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Grenzen zur Menschlichkeit aufgrund rasant wachsender Brutalität und allgemeiner Wohlstandsverwahrlosung durch Individuen wie Trump endgültig aufgelöst werden.



      Wie es ausgehen wird, zeigt die Geschichte.

  • Rechts hin oder her - der "Sport" war schon immer, wie Boxen, von maskulinistischen, machistischen und sexistischen Mehrheiten (Männern) besetzt. Er ist jetzt dort, wo er schon immer war und hingehört. Entlarvt!

  • Die Artikel zur Männlichkeit im Zuge des Ulmen Skandals hier im taz habe ich noch vor dem inneren Auge. Ich Frage mich wie die ganzen Erwartungen der hier im taz zu diesem Thema beitragenden, diese Entwicklungen im gesamten sehen, da das meiste von dem was sie verlangen, diametral den Entwicklungen entgegengesetzt ist.

    Ist es dann nicht lächerlich bzw. schädlich für die Anliegen auf Maximalforderung zu setzen, dabei mit Pauschalisierungen noch die nicht-toxischen Männer zu verprellen?

  • Also wem das nicht klar war, dass solche Kloppereien mit wenigen Regeln von rechtsextrimistischen Sozialdarwinisten gekapert werden. Selbst beim Boxen fängt das schon an, man muss sich doch auch nur anschauen wo Boxen im ÖR TV läuft, bei Sport im Osten, dort wo sich rechtsextremistische Mehrheiten abzeichnen freut man sich offensichtlich darüber, das es aufs Maul gibt.



    Sich jetzt darüber zu wundern, dass dieser Nichtsport instrumentalisiert wird ist schon ziemlich naiv.

    • @Axel Schäfer:

      Trump ist immerhin noch zivilisiert genug, "nur" MMA und keine Kämpfe zwischen Hunden und Bären stattfinden zu lassen. Vielleicht hebt er sich das aber als Highlight für den nächsten Besuch Putins im Weißen Haus auf.

  • "Das ist alles passé. Inzwischen ist die UFC voll mit Kämpfern, die offen Propaganda im Sinne des rechtsextremen Kulturkampfes betreiben"



    Was denken denn die Protagonist*innen der Tradwives zu diesen protegierten maskulinen "Kampfmaschinen", die sich offensichtlich vor den Karren des POTUS spannen lassen?



    Mir ist diese Bewegung schon von Ansatz her äußerst suspekt.



    Lieben die MAGA-Frauen rechte Schläger "in echt"?

  • Ich frage mich ehrlich: kann der Autor wirklich so blauäugig sein? Dass etwas wie MMA zwangsläufig den Weg zum Sammelbecken für rechte und und rechtsextreme Machos einschlagen würde, war ganz klar abzusehen - wie alles, was auf Gewalt als Unterhaltung setzt.

    • @Heideblüte:

      Offensichtlich gibt es außer unseren Meinungen noch andere:



      "Erst ab 1918, mit der Weimarer Republik, wurde das Boxen legal, sowohl das der Männer als auch das der Frauen. Den männlichen Widerstand schmälerte das nicht. 1920 schrieb das Fachblatt Boxsport : "Wenn Damenboxen überhaupt eine Berechtigung hat, dann sollte derartiges, ähnlich den Damenringkämpfen, in den Vorstadtvariétes stattfinden; dort ist der richtige Platz." Dort fand es auch meist statt, aber nie ganz ohne sportliche Ambitionen. 1922 beispielsweise forderten die Boxerinnen des Berliner Friedrichstadtpalasts die Boxerinnen eines anderen Variétes heraus, um beweisen zu können, dass sie es wirklich können.



      1921 jedoch verbot der Amateurboxverband das Treiben, 1925 zogen die Berufsboxer nach. Aber das Verbot wirkte nicht so, wie sich die Herren das erhofften. Bekannte Künstlerinnen der Weimarer Republik wie Marlene Dietrich, Carola Neher, Vicky Baum oder auch Leni Riefenstahl fingen an zu boxen. Die "Boxsport" musste 1927 zugeben: "Und so wird Boxen zu einem wichtigen Faktor im Emanzipationskampfe der Frau".



      zeit.de



      Der Titel:



      "Raus aus der Schmuddelecke"



      Vorreit_er:



      Verein zur Förderung feministischer Bewegungskultur