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Misshandlung von Aktivisten„Das tat fürchterlich weh. Ich konnte nur noch hüpfen“

Engin Dogan ist deutscher Staatsbürger und fuhr auf der Gaza-Flotilla mit. Gegen das israelische Militär erhebt er gegenüber der taz schwere Vorwürfe.

Aktivisten der Global Sumud Flotilla, die von israelischen Streitkräften festgesetzt worden waren, bei ihrer Ankunft am Flughafen in Istanbul am 21. Mai Foto: Murad Sezer/reuters

Aus Athen

Ferry Batzoglou

Auch der jüngste Versuch der Aktivisten der Global Sumud Flotilla (GSF), Gaza auf dem Seeweg zu erreichen, scheiterte. Die Hilfsmission endete für die Aktivisten in „Misshandlungen, Übergriffen und Folter“ durch Soldaten der israelischen Streitkräfte. So lauten jedenfalls die Vorwürfe der GSF-Organisatoren, die sie in diesen Tagen immer deutlicher gegen Israel erheben.

Was ist passiert? Israels Außenministerium hatte in der Nacht auf den 20. Mai offiziell mitgeteilt, es habe die aus 51 Booten bestehende Gaza-Hilfsflotte vor Zypern „vollständig gestoppt“ und „alle 430 Aktivisten auf israelische Schiffe verbracht“. Sie kämen nach Israel, „wo ihnen die Möglichkeit gegeben wird, Kontakt zu konsularischen Vertretern aufzunehmen“, hieß es dazu weiter. Die GSF war zuvor von Marmaris in der Türkei aus in See gestochen. Seit der Machtübernahme durch die militante Hamas 2007 gibt es eine anhaltende Seeblockade des Küstenstreifens.

Mittlerweile sind alle GSF-Aktivisten aus verschiedenen Ländern aus Israel ausgeflogen worden. Zunächst kamen sie nach Istanbul und berichteten gleich, was ihnen auf einem der beiden israelischen Marineschiffe, die an der Operation im östlichen Mittelmeer teilnahmen, und anschließend auf israelischem Boden widerfahren ist: Gummigeschosse seien „aus nächster Nähe“ auf sie abgefeuert worden. Soldaten hätten mit elektrischen Tasern in die Gesichter von festgenommenen Aktivisten und auf deren Oberkörper gezielt. Sie hätten außerdem Blendgranaten „in Gruppen von Gefangenen“ geworfen.

Stundenlang hätten die Aktivisten „Folterpositionen unter grellem Licht einnehmen“ müssen. Obendrein seien muslimischen Aktivistinnen gewaltsam die Kopftücher abgenommen worden. Ferner hätten die israelischen Soldaten „verschiedene Formen sexueller Gewalt“ ausgeübt, darunter „demütigende Leibesvisitationen, sexuelle Verspottung, Begrabschen und Ziehen an den Genitalien sowie Vergewaltigung“. 67 Personen hätten so schwere Verletzungen erlitten, dass sie weiterhin einer Behandlung im Krankenhaus bedürften, so die GSF-Organisatoren.

Bundesregierung: „Vorwürfe müssen aufgeklärt werden“

Insbesondere das israelische Marineschiff „INS Nahshon“ sei mit einem provisorischen Gefängnis aus Stacheldraht und Metallcontainern ausgestattet gewesen. Dort habe es intensive Gewalt gegeben, so die Vorwürfe der Gaza-Aktivisten. Auf dem „Folterschiff“, wie die GSF das Schiff nennt, seien die Aktivisten „registriert“ und in abgedunkelte Container gebracht worden. Dort hätten israelische Soldaten dann Mitglieder der Flotte misshandelt. Die Gewalt habe sich nach der Ankunft im Hafen der Stadt Aschdod sowie in einem Gefängnis in Israel fortgesetzt, so GSF.

Für weltweite Empörung und Disput auf diplomatischer Ebene – unter anderem zwischen Berlin und Tel Aviv – hatte jedenfalls ein Video mit Israels rechtsradikalem Polizeiminister Itamar Ben-Gvir als Protagonist gesorgt. Das besagte Video aus Aschdod zeigt Ben-Gvir, eine israelische Flagge schwenkend, zwischen gefesselten und knienden GSF-Aktivisten. „Willkommen in Israel, wir sind hier die Hausherren“, ruft er in dem Video.

Das Auswärtige Amt erklärte dazu auf taz-Anfrage: „Zu den Vorgängen um die Global Sumud Flotilla ist das Auswärtige Amt mit der israelischen Seite weiter, auch hochrangig, in Kontakt. Es ist die klare Erwartung der Bundesregierung, dass die teils erheblichen Vorwürfe aufgeklärt werden müssen. Die menschenwürdige Behandlung unserer Staatsangehörigen hat für uns oberste Priorität.“

Verletzungen an Fuß und Bein

Das betrifft zum Beispiel Engin Dogan. Er sei einer der Gaza-Aktivisten, die in Aschdod vor Ben-Gvir knien mussten, sagt er. Er ist deutscher Staatsbürger, Streetartkünstler aus dem bayrischen Aschaffenburg. Sein Profilbild bei Instagram ist ein rotes Dreieck. Den einen gilt es als Hamas-Symbol, andere behaupten, es stelle lediglich das rote Dreieck auf der palästinensischen Fahne dar. Am 18. Mai, seinem 42. Geburtstag, sei er auf einem Schiff der Flotte von „superschwer bewaffneten“ israelischen Streitkräften festgenommen worden, sagt er der taz. Er sei dann auf die „INS Nahshon“ gebracht worden.

„Ich war die Nummer 136. Diese Zahl werde ich niemals vergessen“, sagt er der taz. Auf dem Schiff sei er in einen dunklen Container gebracht worden. Dort hätten „fünf oder sechs israelische Soldaten“ die Aktivisten, auch ihn, „mit Faustschlägen“ angegriffen und „mit ihren schweren Militärstiefeln getreten“. Bis heute habe er davon Schmerzen. Zwei „Horrortage“ habe er auf dem Folterschiff verbracht. „Die haben uns fertiggemacht“, klagt er.

Sein linker Fuß sei von einem Gummigeschoss und sein rechtes Bein am Schienbein von einer Schrotpatrone getroffen worden, sagt er. Die verletzten Körperteile seien zudem mit Elektroschocks malträtiert worden, immer wieder hätten die israelischen Soldaten gezielt auf die Wunden getreten. „Das tat fürchterlich weh. Ich konnte nur noch hüpfen“, so Dogan zur taz. Von Verletzungen an Fuß und Bein sendet er der taz Fotos.

Gewalt auch an den Flughäfen in Bilbao und Wien

Glück im Unglück hatte der Flotilla-Aktivist Till-Mateo Schröder. Zwar wurde der 25-jährige deutsche Staatsbürger ebenfalls von den israelischen Streitkräften vor Zypern festgenommen. Der Düsseldorfer sei jedoch nicht auf das nun berüchtigte Schiff „INS Nahshon“ gekommen, sondern auf das zweite an der israelischen Operation teilnehmende, sagt er der taz. Er sei unverletzt geblieben, fügt er hinzu. „Nur meine Handgelenke taten wegen der Handschellen weh.“

Er habe sich, so Schröder weiter, wie andere Aktivisten aber „mehrmals vor den israelischen Soldaten ausziehen“ müssen. Für Schröder reiner Psychoterror. Die Gewalt, die gegen ihn und die weiteren Aktivisten verübt worden sei, sei aber nicht „mit dem unermesslichen Leid“ der Palästinenser zu vergleichen: Die würden „seit Jahrzehnten systematisch durch Israel unterdrückt, gefoltert und sogar getötet. Wir leben.“

Zu Gewalt gegen die GSF-Aktivisten kam es auch bei deren Rückreise an den Flughäfen im österreichischen Wien und spanischen Bilbao. Eine Videoaufnahme zeigt, wie Polizisten mit Schlagstöcken auf bereits auf dem Boden Liegende einschlagen, sie über den Boden schleifen. In Wien wurde ein Aktivist von Polizisten überwältigt, fixiert und aus dem Terminal getragen.

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