Landkonvoi für Gaza: Abgefangen in Zentrallibyen
Pro-Palästina-Aktivisten, die auf dem Landweg nach Gaza wollten, werden in Libyen festgehalten. Sie sind auch Opfer des innerlibyschen Machtkampfes.
Zehn in Richtung Gaza gestartete internationale Menschenrechtsaktivisten bleiben nach der Entscheidung eines Gerichtes im libyschen Bengasi weiterhin in Haft. Die mehrheitlich aus Europa und Südamerika kommenden Teilnehmer des „Global Sumud“-Konvois waren zusammen mit 190 Mitstreitern in einem Konvoi auf den Weg nach Gaza.
Die Lastwagen und Busse waren in Algerien gestartet und über Tunesien nach Libyen gekommen. Ziel war der ägyptische Grenzort Rafah, wo bereits tausende Tonnen Hilfsgüter von Organisationen lagern, denen die israelischen Behörden die Erlaubnis entzogen hat, im Gazastreifen zu arbeiten.
Zunächst hatte ein in Spanien gestarteter Schiffskonvoi versucht die israelische Blockade zu brechen. Doch israelische Spezialeinheiten kaperten im Mai die mehr als 50 Boote, entführten die Besatzungen nach Israel und deportieren sie nach brutalen Verhören nach Istanbul.
Gleichzeitig hatten die Planungen begonnen, auch mit einem Landkonvoi mediale Aufmerksamkeit für die Lage in Gaza zu schaffen und zumindest symbolische Hilfe für die Zivilbevölkerung zu leisten.
Vor einem Jahr war dies in der geografischen Mitte des gespaltenen Libyens bereits gescheitert. Soldaten hatten damals den Konvoi auf offener Landstraße festgesetzt und ihn schließlich zur Rückkehr nach Tunesien gezwungen.
Haftars Soldaten fangen den Konvoi ab
An fast derselben Stelle, östlich der Hafenstadt Sirte, tauchten am Montag Uniformierte in Militärfahrzeugen auf, stoppten die „Global Sumud“-Fahrzeuge und zerrten die Menschen auf die Landstraße.
Die unter dem Befehl von Ostlibyens Machthaber Khalifa Haftar stehenden Soldaten zwangen einige Sumud-Teilnehmer auf die Ladeflächen ihrer Pick-ups, andere mussten in ihren Fahrzeugen folgen oder in das Gebiet der in Tripolis herrschenden Einheitsregierung zurückkehren. Die nun in Haft sitzenden Teilnehmer sollen als „illegale Migranten“ abgeschoben werden, ist aus Armeekreisen zu hören.
Libyen ist derzeit zweigeteilt. Im Westen regiert die international anerkannte Regierung von Abdul Hamid Dabaiba, im Osten und Süden hat Khalifa Haftar das letzte Wort, der in der Provinzhauptstadt Bengasi jahrelang gegen den „Islamischen Staat“ und andere radikale Milizen kämpfte. Seitdem sind Vertreter des politischen Islams in Ostlibyen unerwünscht. Das gilt auch für die religiös-konservative Hamas.
„Libyen ist einer von vielen Beweisen dafür, dass Netanjahus Behauptung, die gesamte arabische Welt stehe hinter Gruppen wie der Hamas, schlichtweg falsch ist“, sagt Moutaz Mati, ein Journalist aus Tripolis.
Libysche Medien warnten vor islamistischer Unterwanderung
Das Vorgehen der israelischen Armee in Gaza sehen Libyer im ganzen Land als Kriegsverbrechen. Doch nach dem Krieg in Bengasi und der anhaltenden Herrschaft von Milizen in Tripolis sieht man auf den israelisch-palästinensischen Konflikt mit Distanz. Zum Verhängnis wurde den Sumud-Aktivisten, dass die humanitäre Lage in Gaza für den Machtkampf von einigen der ehemaligen Kriegsparteien politisch missbraucht wird.
Radikale Gefolgsleute um den obersten Muftih, Sadiq Ghariani, hatten sich dem diesjährigen Sumud-Konvoi angeschlossen und die internationalen Teilnehmer im Mai motiviert, mit ihnen nach Bengasi und Ägypten zu reisen. In libyschen Medien warnten die ostlibyschen Behörden bereits vor einer „islamistischen Unterwanderung“ von Sumud.
Ghariani unterstellte daraufhin Haftar, mit Israel gemeinsame Sache zu machen. „Die Grenze mit Israel verläuft nicht bei Tel Aviv, sondern Sirte“, konterte Ghariani.
Der oberste Religionsführer aus Tripolis lehnt einen derzeit laufenden US-amerikanischen Versuch, das Land wieder zu vereinen, strikt ab. Und setzt auf Konfrontation mit Haftar, der mit den Vereinigten Arabischen Emiraten verbündet ist.
„Den westlibyschen Organisatoren war klar, dass der Sumud-Konvoi in Sirte gestoppt wird, und sie wollten es aus auch. Damit Haftar schlecht dasteht“, sagte ein lieber anonym bleibender libyscher Journalist. „Nur die internationalen Teilnehmer wussten dies nicht.“
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