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Mikropolitik einer FamilieWas gut läuft, fällt nicht auf

Anstatt all der Verrückten sollte man lieber mal meinen Sohn Willi an die Macht lassen. Wobei: Er hat eine eindeutig diktatorische Ader.

B in ich froh, dass ich keine Politikerin bin! Ich kann’s ja schon einem einzigen Mann und zwei Kindern nicht recht machen. Trotzdem würde ich „Deine Mudda“-Wahlen hier wahrscheinlich gewinnen. Eine muss es ja machen.

Immer wenn ich von Politikern Worte höre wie: „Man muss den Leuten das Gefühl geben, dass ihre Sorgen ernst genommen werden“, frage ich mich, ob die mit DEN LEUTEN eigentlich mich meinen? Unsere Volksvertreterinnen sind doch auch Leute, und ein Privatflugzeug vollzutanken kostet ja nun auch eine ganze Menge. Ich fühle mich angesichts solcher Worthülsen auf jeden Fall NICHT ernst genommen. Im Gegenteil. Man muss den Menschen nicht bloß das Gefühl geben: Man muss sie WIRKLICH ernst nehmen!

Sicher ist das keine leichte Aufgabe. Ich weiß das, weil ich Kinder habe. Hätte ich nicht verstanden, dass der Schmerz über den verlorenen Schnuffel-Lappen für meine Tochter absolut existenziell war, hätte ich ihr nicht beistehen können. Zugegeben ist es aber sicher eine noch größere Herausforderung, sich in die Gefühlswelt eines AfD-Wählers hineinzuversetzen als in die einer Vierjährigen.

Ich sehe einige Parallelen zwischen der großen Politik und der Mikropolitik einer Familie. Beispielsweise der frustrierende Umstand, dass Dinge, die gut laufen, niemandem auffallen. Ich kann mich auf jeden Fall nicht erinnern, dass mal jemand gefeiert hat, dass Deutschland von 2003 bis 2012 beim Pisa-Vergleich eine einmalige Aufholjagd hingelegt hat. Genauso ist das mit dem Muttersein. Täglich bin ich mehrere Stunden beschäftigt mit dem Ausräumen der Spülmaschine, dem Füllen von Brotdosen, dem Üben von Vokabeln und dem Kochen von Nudeln – doch keiner merkt’s.

Jammern kommt schlecht an

Stattdessen stöhnt mein Mann über die dreckige Küche, nur weil ich keinen Bock habe, auch noch Arbeitsflächen zu wischen, ständig die Butter wegzuräumen und Teebeutel von Untertassen zu kratzen. Zum Glück geht mein Koalitionspartner klaglos einkaufen, putzt Fenster und saugt Staub. Ein Glück auch, dass wir uns nicht alle vier Jahre neu wählen müssen. Da fällt Ehrlichkeit leichter. Ich kann offen zugeben, dass ich das mit der Küche sicher auch in Zukunft nicht besser hinbekomme, einfach weil es mir nicht wirklich interessiert.

Was gleichermaßen schlecht ankommt – ob als Mutter oder als Bundeskanzler –, ist Jammern. Seit ich nicht mehr rund um die Uhr ein bis zwei Kinder pflege, beklage ich mich aber nur selten. Doch wenn mir jemand unterstellt, ich würde nicht genug arbeiten, dann kann ich ausrasten.

Meinem Sohn Willi würde ich auf jeden Fall keine Regierungsverantwortung geben

Bei weltpolitischen Nachrichten denke ich oft, man sollte anstelle des einen oder anderen Verrückten zur Abwechslung lieber mal einen Menschen mit Downsyndrom an die Macht lassen. Aber natürlich ist das Quatsch. Menschen mit Trisomie 21 sind genauso wenig eine homogene Gruppe wie alle anderen. Meinem Sohn Willi würde ich auf jeden Fall keine Regierungsverantwortung geben. Er würde zwar weder leere Versprechungen machen noch jemals Hass oder Unsicherheit schüren, wäre aber trotzdem eine echte Gefahr für unsere Demokratie: Er hat eine eindeutig diktatorische Ader.

Gelangt er beispielsweise hier zu Hause an die Fernbedienung oder verschafft sich die Gewalt über die Musikanlage, ist es bei uns vorbei mit der Medienfreiheit. Dann gibt es nur noch Blues Brothers und Blasmusik. Auch die Versammlungsfreiheit versucht Willi regelmäßig einzuschränken: Besuch, der sich nicht mit ihm beschäftigt und vielleicht sogar herummeckert, wird von ihm umgehend und unmissverständlich mit einem Fingerzeig gen Haustür und einem vehementen „Tzöß“ rausgeworfen.

Durch Willi merke ich erst, wie oft man sich in Gesprächen immer wieder an Negativem aufhängt. Trotzdem würde ich nicht sagen, dass Willi die Meinungsfreiheit einschränkt. Vielmehr führt er uns vor Augen, das die Welt viel schöner ist, wenn man ihre guten Seiten genießt, statt sich ständig über sie zu beklagen. Ganz viel Liebe, Murmeln und Käsebrötchen. Und alles wird gut.

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Birte Müller

Birte Müller Freie Autorin

Geboren 1973 in Hamburg. Seit sie Kinder hat schreibt die Bilderbuchillustratorin hauptsächlich Einkaufszettel und Kolumnen. Unter dem Titel „Die schwer mehrfach normale Familie“ erzählt sie in der taz von Ihrem Alltag mit einem behinderten und einem unbehinderten Kind. Im Verlag Freies Geistesleben erschienen von ihr die Kolumnensammlungen „Willis Welt“ und „Wo ein Willi ist, ist auch ein Weg“. Ihr neuestes Buch ist das Bilderbuch „Die Kartoffel und der Sinn des Lebens“. Birte Müller ist engagierte Netzpassivistin, darum erfahren Sie nur wenig mehr über sie auf ihrer veralteten Website: www.illuland.de
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