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Midterms in den USA Die US-Demokratie ist doch noch nicht ganz verloren

Sebastian Moll

Kommentar von

Sebastian Moll

Der Supreme Court hat Trumps Vorhaben, die Briefwahl einzuschränken, gestoppt. Das oberste Gericht holt sich seine Unabhängigkeit teilweise zurück.

D en US-Präsidenten erzürnt zu sehen, ist eine eigene Erfahrung. Einerseits ist etwas geschehen, das seiner Willkür Grenzen setzt oder ihn blamiert. Andererseits machen ihn solche Situationen noch unberechenbarer und bedrohlicher. Genau eine solche Situation ist jüngst eingetreten. Nach dem Urteil des Supreme Court zur Briefwahl war Donald Trump außer sich. „Das Gremium lässt sich von der radikalen Linken zu Entscheidungen drängen, die Amerika um hundert Jahre zurückwerfen. Das sind nicht die Richter, die ich ausgesucht habe, sie sind nur noch ein Schatten ihrer selbst“, polterte er auf Truth Social.

Der Supreme Court, neben dem Präsidenten die mächtigste Institution des Landes, hatte die Anstrengungen der Regierung, die Briefwahl bürokratisch zu erschweren, zurückgewiesen. Der bislang wohl drastischste Versuch Trumps, in die Midterm-Wahlen im Herbst einzugreifen, wurde damit vereitelt. Das fuchst den Präsidenten besonders, weil er lange glaubte, den Supreme Court in der Tasche zu haben.

Die Richter des Verfassungsgerichts werden vom jeweiligen Präsidenten bestellt, und Trump konnte in seiner ersten Amtszeit gleich drei von ihnen auf Lebenszeit nominieren: Brett Kavanaugh, Amy Coney Barrett und Neil Gorsuch. Seither haben konservative Richter im Gremium eine „Supermehrheit“ von sechs zu drei. Trump glaubte es jetzt mit einem Supreme Court zu tun zu haben, der jeglichen Versuch abschmettern würde, ihn juristisch auszubremsen. Lange schien das tatsächlich so zu sein. Das Gericht wies mehr als 30 Versuche, Trumps Exekutivanordnungen zu stoppen, ohne gründliche Prüfung ab.

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Doch Ende des vergangenen Jahres begann der Supreme Court, sich von Trump abzunabeln und sich seine Legitimität teilweise zurückzuholen. Das Gericht verbot ihm, die Nationalgarde in Illinois als Polizeitruppe einzusetzen. Es erklärte Zölle auf Konsumartikel für verfassungswidrig. Es hinderte ihn daran, eine der „Gouverneurinnen“ der US-Notenbank Federal Reserve zu feuern. Auch hinderte das Gericht ihn daran, das Geburtsrecht auf Staatsbürgerschaft aufzuheben. In der vergangenen Woche enttäuschten die Richter dann gleich zweimal: zuerst mit dem Urteil zur Briefwahl, das es Trump unmöglich macht, Bürgern die Wahl zu erschweren. Kurz darauf schmetterte das Gericht den Versuch des Bundesstaats Missouri ab, die Grenzen der Wahlbezirke zugunsten der Republikaner neu zu ziehen.

Je verzweifelter Trump ist, desto unberechenbarer und gefährlicher wird er

Was vielen Amerikanern nun die Hoffnung auf einen noch gesunden Kern der US-Demokratie macht, lässt den Präsidenten wüten. Zum einen fühlt er sich vom Supreme Court verraten, zum anderen sieht er seine Möglichkeiten schwinden, die Midterms zu manipulieren. Denn die drohen für ihn und seine Partei zum Debakel zu werden.

Studien belegen keinen Vorteil

Dabei war der Vorteil, den sich Trump von der Erschwerung der Briefwahl versprach, ohnehin dubios. Nachgewiesen ist tatsächlich, dass demokratische Wähler eher als republikanische geneigt sind, das Briefwahlverfahren in Anspruch zu nehmen. Ebenso, dass Demokraten von einer hohen Wahlbeteiligung tendenziell profitieren. Dennoch konnten Studien keinen eindeutigen Vorteil einer hohen Nutzungsrate des Briefwahlverfahrens für eine der beiden Parteien finden.

So enthüllt Trumps Versuch, die Briefwahl zu erschweren, vor allem eines: Trumps Angst, in der Novemberwahl eine Schlappe zu erleiden. Deswegen ist er bereit, jede nur erdenkliche Möglichkeit auszuschöpfen, um sie zu manipulieren. Das ist der Aspekt, vor dem man Angst haben sollte: Je verzweifelter Trump ist, desto unberechenbarer und gefährlicher wird er.

Nicht Trumps letzter Versuch

Kein Beobachter in den USA glaubt, dass dies Trumps letzter Versuch war, in die Wahl einzugreifen, die vor allem auch ein Referendum über seine Präsidentschaft ist. Welche weiteren Manöver ihm einfallen, bleibt vorerst der Fantasie überlassen. Tatsache ist, dass Wahlhelfer jetzt schon darauf vorbereitet werden, sich am Wahltag mit Mitarbeitern des Justizministeriums herumzuschlagen, die unter irgendeinem Vorwand versuchen, Stimmzettel zu beschlagnahmen.

Dass der Supreme Court im aktuellen Fall standhaft war, ist dabei nur ein milder Trost. Frank Bruni, Kolumnist der New York Times, drückte es so aus: „Die Richter sind vielleicht keine Schoßhunde Trumps. Aber sie sind Pudel, die ihm zu Füßen liegen.“

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Sebastian Moll

Sebastian Moll USA Korrespondent

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6 Kommentare

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  • T-Rom

    Wir sollten uns um die amerikanische Demokratie nicht allzu grosse Sorgen machen, und schon gar nicht vom hohen Ross herab.



    Die amerikanische Demokratie ist deutlich gefestigter - über Jahrhunderte - als unsere hierzulande. Wenn den Amerikanern ein Präsident, Gouverneur oder Senator nicht gefällt, wird der schnell wieder abgewählt. Man sieht ja, wie die Beliebtheitswerte von Trump und seiner Regierung im Moment liegen (das sind fast Merz'sche Zahlen). Die Freiheit liegt den Amerikanern im Blut, da müssen wir uns keine Sorgen machen.

  • Axel Schäfer

    Die Frage ist doch letzlich, wie die Gerichte etwas durchsetzen wollen wenn die Exekutive komplett von Irren kontrolliert wird die nur auf den Oberirren hören.



    Ist ja bei uns schon ähnlich, der Innenminister macht etwas wozu er nicht berechtigt ist und nichts passiert, überall wird fröhlich Recht gebrochen, statt Beschlüsse vom Verfassungsgericht politisch umzusetzen, kriminalisiert man lieber Klimaaktivisten und bei der Suche nach rechtsradikalen Mördern wird ja nicht mal annähernd der Eifer an den Tag gelegt, wie damals bei der RAF.



    Da uns die USA ja angeblich Jahre voraus sind, schönen guten Tag auch.

    • Perkele

      @Axel Schäfer:

      Auf den Punkt genau! Dem ist nichts hizuzufügen. Danke.

  • Carsten S.

    Ich bin ein vorsichtiger Mensch und warte lieber die Feststellung des Wahlergebnisses ab, bevor ich mir dazu eine Meinung bilden.

  • Comerade Aardvark

    Konische Formulierung "seine Legitimität teilweise zurückzuholen". Der SCOTUS ist also nur dann legitimiert, wenn er so entscheidet, wie es uns gefällt? Ein Bisschen Trump in Moll, oder?

    Viel interessanter ist, dass der gerrymandering Plan aus Missouri von Kavanaugh im Alleingang gestoppt wurde, und alle drei Trump-Ernannten in der USPS-Sache die nicht-Anwendung der neuen Regel für die Midterms unterstützt haben.



    Brett Kavanaugh finde ich dabei immer interessanter. Schon bemerkenswert, dass der inzwischen der "mittige" der neun ist. Vielleicht macht er ja eine Entwicklung durch wie Anthony Kennedy.

  • Erwin Roosenberg

    Es ist richtig, daß die Vorhersagen für die Zwischenwahlen in den USA Anfang November 2026 eine erhebliche Steigerung der Anzahl von Abgeordneten der Demokratischen Partei im Repräsentantenhaus und womöglich auch im Senat vorhersagen. Damit ist jedoch die Gefahr für die Demokratie nicht vorüber, wenn am 03. Januar, 2027 das Repräsentantenhaus zum ersten Mal wieder zusammentritt. Der Noch-Vorsitzende Mike Johnson und sein "House Clerk" können den gewählten Abgeordneten der Demokratischen Partei die Zuweisung eines Parlamentssitzes trotz zertifiziertem Wahlergebnis verweigern, z.B. wegen eines fadenscheinigen "Verdacht auf massive Wahlfälschung". Dies löst zwar eine Kette von Gerichtsverfahren aus, bis hin zum Obersten Gerichtshof der USA. Es besteht dabei die konkrete Gefahr, daß sich diese Gerichte für "nicht zuständig" für das Repräsentantenhaus erklären. Auf diese Zusammenhänge weist der ehemalige Bundesrichter Michael Lutig in einem detaillierten Beitrag für die Online-Zeitschrift "New Republic" und in einem längeren Interview hin: newrepublic.com/ar...american-democracy und www.youtube.com/watch?v=sJ2XZoxFj3E .