Medizingeschichte: Als gegen Malaria ein Kraut gewachsen war
Die Chinesin Tu Youyou isolierte als Erstes einen Wirkstoff gegen Malaria. Die Erkenntnisse erschienen anonym, ihren Nobelpreis erhielt sie nachträglich.
S ie ist Medizinnobelpreisträgerin, hat aber keinen Doktortitel. Die Chinesin Tu Youyou hat nie im Ausland geforscht, hat keine große Karriere im westlichen Wissenschaftsbetrieb gemacht, und doch hat sie Millionen Leben gerettet. Ihr war es gelungen, Artemisinin zu isolieren: einen Wirkstoff gegen Malaria, gewonnen aus dem Einjährigen Beifuß, einer Pflanze, die in der traditionellen chinesischen Medizin seit Jahrhunderten verwendet wird.
Als Tu Youyou 2015 den Nobelpreis für Medizin erhielt, war sie 84 Jahre alt. Ihren Anfang nahm Tus Geschichte bereits Ende der 1960er-Jahre: Während des Vietnamkrieges erkranken immer mehr nordvietnamesische Soldaten an Malaria. Der damalige Präsident Ho Chi Minh bittet den Verbündeten, die Volksrepublik China, um Hilfe. Mao Zedong reagiert und ruft ein geheimes Militärprojekt ins Leben: Projekt 523, benannt nach seinem Startdatum, dem 23. Mai 1967.
Forschung ist ein schwieriges Unterfangen zu dieser Zeit in China, denn im Land wütet die Kulturrevolution. Universitäten sind geschlossen, Intellektuelle und Wissenschaftler:innen werden verfolgt. „Fast jedes Institut war betroffen und Projekte wurden angehalten“, wird Tu Youyou 2015 auf der Nobelpreis-Webseite zitiert. Trotz der Umstände wurden Hunderte Forschende für das Projekt 523 rekrutiert. Letztlich beauftragt die Regierung die Chinesische Akademie für traditionelle chinesische Medizin in Peking, wo Tu seit 1965 arbeitet.
Gemeinsam mit ihrem Team durchforstet sie alte medizinische Schriften nach Hinweisen auf mögliche Malariaheilmittel. Zu diesem Zeitpunkt ist sie alleinerziehend, ihr Ehemann wurde im Zuge der maoistischen Kampagnen in ein Arbeitslager geschickt. Um sich auf die Forschung zu konzentrieren, muss Tu ihre vierjährige Tochter in ein Kinderheim geben, während die einjährige Tochter bei ihren Eltern bleibt.
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„Eine Handvoll Qinghao in zwei Liter Wasser einweichen“
Der medizinische Durchbruch erfolgt 1971. Im „Handbuch der Notfallrezepte“, verfasst im 3. oder 4. Jahrhundert nach Christus von dem chinesischen Alchemisten Ge Hong, stößt Tu auf einen unscheinbaren Satz: „Eine Handvoll Qinghao in zwei Liter Wasser einweichen, den Saft auspressen und vollständig trinken.“
Qinghoa ist die chinesische Bezeichnung für die Pflanze Einjähriger Beifuß. Das Projekt-523-Team hatte die Pflanze wie üblich erhitzt und dabei nur mäßige Erfolge erzielt. Tu Youyou ändert nun das Verfahren und senkt die Temperatur. Der Wirkstoff bleibt stabil. Die Extrakte zeigen erstmals eine hohe Wirksamkeit gegen den Malariaerreger.
Die Ergebnisse werden zunächst nur intern weitergegeben, die Forschung unterliegt militärischer Geheimhaltung. Klinische Tests erfolgen zuerst an Tieren. Tu Youyou und zwei weitere Forscher:innen nehmen das Mittel freiwillig selbst ein, um den menschlichen Versuch zu starten.
So wurde Artemisinin zur Grundlage der heute weltweit eingesetzten Malariatherapien. Tu Youyous Name aber blieb lange unbekannt. Die Veröffentlichungen erschienen anonym, individuelle Leistungen spielten im kommunistischen China keine Rolle. Erst Jahrzehnte später, als Artemisinin längst Leben rettet, rückt die Frau hinter dem Wirkstoff ins Licht. Der Nobelpreis wirkt da fast wie eine nachträgliche Korrektur.
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