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Medienkompetenz als Festival„Die Meinung ins Handy brabbeln, ist kein Journalismus“

Von Zeitung zum Twitch-Stream: Das Jugendmedienfestival in Bad Segeberg spiegelt den Wandel der Medienbranche, sagt Crew-Mitglied Katharina Dushe.

So könnte es auch auf dem Festival aussehen: Jugendlichen schneiden selbst einen Radiobeitrag Foto: Oliver Berg/dpa

Interview von

Giosue Tolu

taz: Frau Dushe, auf dem Jugendmedienfestival machen 14- bis 22-Jährige vier Tage am Stück Medien. Können die sich überhaupt so lange konzentrieren?

Katharina Dushe: Ja klar! Das Festival ist ja keine Schule. Wer mal eine Pause braucht, kann zum Beispiel Yoga machen oder einen Make-up-Workshop. Aber die Arbeitsbereitschaft ist hoch: Die haben schon freiwillig Nachtschichten eingelegt, um ihre Beiträge für den großen Abschluss fertigzustellen. Die haben also richtig Bock.

taz: Wie läuft das konkret ab?

Dushe: Wir haben Redaktionen für Radio und Podcast, Live-TV, kreatives Schreiben, Musik und Video, Film und Foto. Dafür holen wir mit Transportern professionelles Equipment ran. Die Jugendlichen können dann frei wählen und sich ausprobieren.

taz: Warum braucht es dafür ein Festival? In den sozialen Medien kann sich heute doch jeder pausenlos ausprobieren.

Dushe: Das ist ja das Problem. Leute machen heutzutage einen Podcast und sagen die ganze Zeit nur ihre Meinung, ohne irgendwelche Fakten. Bei uns legen die Teilnehmenden nicht einfach blind los, wir schulen sie erst mal in Workshops. Auch im Umgang mit KI: Man kann nicht alles in ChatGPT reinballern, aber man kann es als Tool nutzen. Zwischendurch kommen auch Ex­per­t:in­nen aus dem Medienbereich. Das Festival ist also nicht nur eine Spaßveranstaltung. Sie sollen auch lernen, wie man journalistisch arbeitet. Einfach die Meinung ins Handy zu brabbeln, ist kein Journalismus.

Bild: Mihanta Fiedrich
Im Interview: Katharina Dushe

23, studiert Medien- und Kommunikationsmanagement in Köln. Vor drei Jahren nahm sie selbst am Festival teil, inzwischen gehört sie zum dritten Mal zur Orga-Crew. Außerdem macht sie gerade ein Praktikum in der Redaktion der ZDF-Sendung „Bares für Rares“.

taz: Wollen die Jugendlichen denn überhaupt noch Jour­na­lis­t:in­nen werden oder doch lieber Content Creator?

Dushe: Interessanterweise wird die Social-Media-Redaktion auf dem Festival gar nicht so gut angenommen. Ich dachte immer, die müssten sich doch darum reißen, zu erfahren, wie sie Influencer werden. Für viele ist das Festival vor allem die erste Praxiserfahrung. Wer zum Beispiel zum Radio möchte, kann bei uns mit einem professionellen Mikrofon einen Beitrag machen.

taz: Das Jugendmedienfestival gibt es seit 1999, früher hieß es noch Jugendpressefrühling.

Dushe: Damals lag der Fokus auf Pressearbeit. Aber durch den digitalen Wandel war das nicht mehr zeitgemäß, deswegen die Umbenennung. Es geht mehr ums Erlebnis, das Festival-Feeling.

Jugendmedienfestival

„Auf Spurensuche – Wie bringen wir Licht ins Dunkel?“, Jugendmedienfestival Bad Segeberg für 14- bis 22-Jährige, 14. bis 17. Mai, ausgebucht.

Im kommenden Jahr wird das Festival vom 6. bis 9. Mai stattfinden, wer möchte, kann sich hier eintragen und wird dann benachrichtigt, sobald die Anmeldung im Frühjahr 2027 möglich sein wird.

taz: Was hat sich konkret über die Jahre verändert?

Dushe: Das Festival spiegelt echt den Trend der Medienbranche wider. Früher war alles auf Print ausgelegt. Vor zehn oder fünfzehn Jahren gab es noch eine morgendliche Zeitung. Die wurde ausgedruckt und beim Frühstück gelesen.

taz: Ein fast schon historisches Konzept.

Dushe: Die Radioredaktion hat den ganzen Tag live gesendet. Heute produzieren wir Podcasts. Und in diesem Jahr überlegen wir, einen Stream zu machen, wie bei Twitch. In der TV-Redaktion haben wir früher klassische Berichterstattung gemacht, heute machen wir Live-TV mit Regie, Aufnahmeleitung, Kamera, Moderation. Die Formate sind heute kreativer, die Teilnehmenden können auch einen Werbespot drehen oder einen Sketch.

taz: Klingt nicht gerade journalistisch.

Dushe: Es geht eben auch darum, Kreativität zu fördern. Gleichzeitig wollen wir die Medienkompetenz stärken. Die Jugendlichen wollen wissen, wie sie Fake News erkennen. Dieses Jahr richten wir noch mehr den Fokus darauf, warum Medien wichtig für die Politik sind. Dafür arbeiten wir mit dem Landesbeauftragten für politische Bildung zusammen. Die Crew arbeitet übrigens komplett ehrenamtlich.

taz: Und trotzdem gibt es Probleme mit der Finanzierung.

Dushe: Seit Corona ist es schwieriger geworden, Unterstützer zu finden. Dabei ist das Festival sehr beliebt: Wir sind mit 84 Leuten restlos ausgebucht – mehr passen nicht in die Jugendherberge.

taz: Wie ist denn die Stimmung auf dem Festival?

Dushe: Bei aller Produktivität – total entspannt. Freitags gibt es immer einen Partyabend mit Band, aber natürlich ohne Alkohol. Wir hatten noch nie einen Skandal, obwohl da Jugendliche ein Wochenende zusammen unterwegs sind. Da hängt auch keiner in der Ecke am Handy. Das sind tolle, interessierte Menschen.

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