Maßnahmen gegen digitale Gewalt: Erhöhte Handlungsbereitschaft
Nach der Demo von Sonntag diskutiert die Berliner Landespolitik über digitale Gewalt: Ein neues Projekt soll Schutzunterkünfte besser vorbereiten.
Der Fall Collien Fernandes beschäftigt jetzt auch die Berliner Landespolitik. Nach einer Demo am Brandenburger Tor am Sonntag und Wortmeldungen aus dem schwarz-roten Senat befasst sich am Donnerstag auch das Abgeordnetenhaus auf Antrag von Grünen und Linken mit dem Thema digitale Gewalt.
Zuvor hatte etwa Berlins Gleichstellungssenatorin Cansel Kiziltepe Konsequenzen gefordert: „Der Fall erschüttert mich sehr und zeigt, wie tief digitale Gewalt in das Leben von Betroffenen eingreift“, sagte die SPD-Politikerin. „Das dürfen wir nicht hinnehmen.“ Auch der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) hatte sich auf X zu Wort gemeldet: „Es reicht nicht, nur über häusliche Gewalt zu sprechen – wir müssen den digitalen Raum in den Blick nehmen“, schrieb Wegner.
Die Moderatorin und Schauspielerin Collien Fernandes hatte vergangene Woche schwere Vorwürfe gegen ihren Ex-Partner, den Schauspieler Christian Ulmen, erhoben. Er soll im Internet Fake-Profile, sogenannte Deepfakes, mit pornografischen Inhalten über sie erstellt haben.
Bundesjustizministerin Stefanie Hubig hat bereits ein Gesetz angekündigt, das Strafbarkeitslücken schließen und das Strafmaß verschärfen soll. Zuspruch kam am Wochenende von Berlins Innensenatorin Iris Spranger (SPD): „Der Rechtsstaat darf hier nicht länger hinterherlaufen“, erklärte sie. Nötig seien klare Eingriffsbefugnisse, damit Täter schnell identifiziert, Straftaten nachgewiesen und Inhalte im Netz konsequent gelöscht werden könnten.
Collien Fernandes ist kein Einzelfall
Unterdessen forderten am Sonntagnachmittag Tausende Menschen bei einer kurzfristig organisierten Demonstration in Berlin-Mitte ein Ende der Straflosigkeit im Netz. Aufgerufen hatten das Bündnis Feminist Fight Club gemeinsam mit der Initiative Nur Ja heißt Ja. Auch Collien Fernandes hatte den Aufruf geteilt.
Cansel Kiziltepe (SPD), Senatorin für Gleichstellung
Die Redner*innen betonten, dass die mutmaßlichen Erlebnisse der Schauspielerin kein Einzelfall sind. Die Aktivistin Theresia Crone etwa schilderte, wie in ihrem Deepfake-Fall ein Urteil nicht wegen der sexualisierten Gewalt, sondern infolge einer Urheberrechtsverletzung ergangen sei. Das sei Ausdruck des deutschen Rechtssystems.
Josephine Ballon von HateAid kritisierte, Deepfakes würden bislang als „Bagatelldelikt“ gelten. Nach Anzeigen bekämen Frauen häufig Post von der Staatsanwaltschaft, die „kein öffentliches Interesse an der Strafverfolgung“ bekunde. Ein Profilbild auf Instagram reiche bereits aus, um Deepfakes von einer Person zu erstellen, berichtete Ballon.
Auch Tech-Szene im Fokus
Auch die Klimaaktivistin Luisa Neubauer sprach bei der Demonstration. Sie könne das Thema digitale Gewalt nicht ignorieren. Zu persönlich, zu erdrückend sei es auch für sie geworden. „Tech-Oligarchen machen Profit zum Preis unserer Körper. Männer im Internet erfinden einen Knopf, um mich auszuziehen“, sagte Neubauer. Es stelle sich die Machtfrage: „Wer kontrolliert den digitalen Raum?“ Solange Männer das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung als „Nice-to-have“ abtäten, bleibe die Straße der einzige Ort der Gegenwehr.
Aus dem Senat hieß es, man sei unabhängig vom Bund bereits tätig geworden. „Unser Ziel ist klar: Niemand darf mit digitaler Gewalt allein bleiben“, sagte Gleichstellungssenatorin Kiziltepe. In dem Zusammenhang verwies sie auf ein neues Projekt gegen digitale geschlechtsspezifische Gewalt aus dem sozialen Umfeld, das kürzlich gestartet sei. Mit Fortbildungen und technischer Beratung sollen Beratungsstellen und Schutzunterkünfte in Berlin unterstützt werden, damit betroffene Frauen schneller Hilfe bekommen.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert