Männertreff in Bremerhaven: Der Schuppen für Oldies
Ein Konzept aus Australien nun auch in Deutschland: In Männerschuppen treffen sich Männer fortgeschrittenen Alters zum Werkeln, Reden und Kaffeetrinken. Ein Besuch.
Auf der Terrasse des Altbürgerhauses haben sie sich bei schönstem Sonnenschein eingefunden. Es gibt Kaffee – heute kostenlos, weil die Presse dabei ist –, selbst gemachten Kuchen, Kekse und andere Süßigkeiten. Sie, das sind die Mitglieder des Männerschuppens Bremerhaven-Lehe. Einmal die Woche nutzen sie hier die Räumlichkeiten. Wenn sie nicht in der Sonne sitzen und schnacken, werkeln sie in ihrer selbst hergerichteten Werkstatt im Schuppen nebenan.
Männer bauen Autokratien auf, Männer bilden Manosphären, Männer üben Gewalt gegen Frauen aus. Aber: Männer leisten auch mehr Care-Arbeit als früher, Männer supporten Frauen, Männer gehen sogar in Therapie (manchmal). Alte Männlichkeitsbilder geraten ins Wanken, zugleich klammern sich manche Männer um so mehr ans Patriarchat und verklären die Vergangenheit. Ein Schwerpunkt über Manfluencer und Maskulinismus, Körperlichkeit und Vater-Sohn-Beziehungen, männliches Altern und diverse Männeridentitäten. Alle Texte der Ausgabe erscheinen unter taz.de/männertaz
Doch was ist überhaupt ein Männerschuppen? „Ein Puff!“, vermutet eine Freundin. So richtig bekannt ist das Konzept in Deutschland noch nicht. Ein anderer denkt erst an eine Krankheit. Kommt dann aber drauf: ein Treffpunkt für Männer.
Männerschuppen sind offene Treffpunkte für Männer über 50. Sie bieten Raum für gemeinsame Aktivitäten und Austausch – gerade weil ältere Männer solche Angebote seltener nutzen und oft schwerer Anschluss finden.
Das Konzept stammt ursprünglich aus Australien und hat sich von dort in viele englischsprachige Länder verbreitet. In Deutschland ist es noch vergleichsweise neu. Die meisten existierenden Männerschuppen in Deutschland gehen auf ein Modellprojekt der Universität Bremen zurück, in dessen Rahmen acht Schuppen gegründet worden sind. Gefördert wurde das Projekt vom Bundesministerium für Gesundheit.
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„Wir können sagen, dass ein großes Interesse da ist“, sagt Martin Gruber, der rund eineinhalb Jahre an dem Projekt mitgearbeitet hat. In Australien stehe stärker das gemeinsame Arbeiten im Vordergrund, um ins Gespräch zu kommen. In Deutschland habe sich gezeigt, dass die Männer auch ohne diesen Umweg gut ins Gespräch finden. Ziel des Projektes war es, etwas Langfristiges zu etablieren. Die Förderung für das Projekt lief im März 2025 aus. „Von den acht Schuppen sind noch sieben am Laufen“, sagt Gruber.
Die meisten der Männer in Bremerhaven sind deutlich älter als 50 Jahre. Der Senior der Gruppe ist der 83-jährige Gerhard Niebuhr. Der ehemalige Textilienhändler hat mit seinen drei Geschäften die Stadt noch mitgeprägt, als es in Bremerhaven etwas besser lief. 50 Geschäfte seien damals in einer Straße gewesen, jetzt seien es nur noch 2 oder 3.
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Worum es beim Männerschuppen geht? Jemanden zum Reden zu haben. „Es ist gut, wenn man mal rauskommt“, sagt Helmut Hormann. Der 71-Jährige hat früher im Hafen gearbeitet. In der Gruppe ist er jetzt für das Handwerk und die KI-Unterstützung zuständig. So hat er ein Bild der Gruppe im Stil von Ernie und Bert angefertigt, das jetzt in der Werkstatt hängt. Und er hat einen Song über die Freundschaft im Männerschuppen produziert.
„Viele soziale Kontakte hatte ich eh nie, weil ich immer auswärts gearbeitet habe“, erzählt Odo Thom. Heute wohnt er nur zehn Minuten entfernt. Der Männerschuppen ist für ihn zu einem festen Anlaufpunkt geworden. Neben Gesprächen spielt praktische Hilfe eine wichtige Rolle. Werner Schneider hilft Gerhard Niebuhr mit seinen Computerproblemen, Helmut Hormann übernimmt auch mal kleinere Reparaturen. Gewerkelt wird allgemein viel und gerne. Sie bauen Futterhäuser für Vögel und Möbel, etwa einen Tisch aus einer alten Kabeltrommel.
Der Grundgedanke: keine festen Anleitungen
„Wir sind hier alle gleich“, sagt der andere Helmut, Helmut Wohlers. Der 70-Jährige gilt als Organisator der Gruppe, er wolle sich aber nicht in den Vordergrund drängen, sagt er. Es gibt keinen festen Leiter.
Das entspricht dem Grundgedanken der Männerschuppen: Sie werden von den Teilnehmern selbst gestaltet, ohne feste Verpflichtungen. „Die Männer wollen nicht als einsam, sozial isoliert oder als Problem gesehen werden“, sagt Gruber. Eine Anleitung von außen sei daher nicht Teil des Konzepts.
Gerhard Niebuhr, 83, Mitglied des Männerschuppens
Finanziell ist die Gruppe auf Spenden angewiesen. Die Räume können sie kostenlos nutzen, doch Material, Kaffee und Verpflegung kosten eben Geld. Über Kontakte, etwa zu einem Baumarkt, kommen immer wieder Sachspenden zusammen.
Wie unterschiedlich die Lebenswege sind, die hier zusammenkommen, zeigt sich auch an einzelnen Biografien innerhalb der Gruppe. Werner Schneider, 69 Jahre alt, ist vor zwei Jahren spontan in den Norden gezogen. „Ich hab hier Anschluss gefunden und Freundschaften geknüpft“, sagt er mit süddeutschem Akzent.
In ihrer Zusammensetzung bleibt die Gruppe dennoch recht homogen. Männer mit Migrationshintergrund sind nicht dabei. „Das liegt an der Sprachbarriere“, sagt Rieke Kupfer. Sie ist Gesundheitsfachkraft im Quartier und bietet niedrig schwellige Aufklärung zu Gesundheitsthemen an. Bei den Treffen im Männerschuppen ist sie manchmal dabei. Kupfer betreut auch eine Gruppe von Männern mit Migrationshintergrund. Kontakt zwischen den Gruppen gibt es keinen.
Offen gibt man sich hier im Männerschuppen aber schon. Diskussionen gibt es etwa darüber, wie inklusiv die Gruppe sein soll. Eine Debatte über queere Menschen im Schuppen habe durchaus unterschiedliche Reaktionen ausgelöst, berichtet Helmut Wohlers.
Auch die Frage nach Frauen im Schuppen wird ambivalent gesehen. Wohlers selbst hätte nach eigener Aussage weniger ein Problem damit, wobei es schon die Gesprächsatmosphäre verändern könne. Andere werden konkreter: „Männergesundheit, Prostata und so“, sagt Gerhard Niebuhr, „würde ich nicht gerne mit einer Frau besprechen.“ Odo Thom und Werner Schneider vermuten ebenfalls, dass sich die Gesprächskultur verändern würde. „Ich finde es angenehm, mal unter sich zu sein“, sagt Werner Schneider.
Rieke Kupfer bringt trotz der Bedenken einiger auch gesundheitliche Themen in den Schuppen. Sie spricht etwa mit den Männern über Vorsorgefragen. Derzeit planen sie einen Termin mit einem Notar, um über Patientenverfügungen zu sprechen. „Andere haben sich auch mit Ernährung beschäftigt oder einen Schwimmkurs gemacht“, sagt Martin Gruber.
Solche Angebote sollen künftig noch stärker ausgebaut werden. An der Universität Bremen ist ein neues, vom Europäischen Sozialfonds gefördertes Projekt gestartet, das weitere Männerschuppen aufbauen und bestehende stärker in Bildungsangebote einbinden soll.
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