Lügde-Untersuchungsausschuss : Schweigen macht mitschuldig
Jugendamtsmitarbeiter ignorierten wohl Hinweise auf eine Kindeswohlgefährdung. Jetzt verweigern sie die Aussage.
Foto: Guido Kirchner/dpa
W er den Lügde-Prozess wegen massenhaften sexuellen Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz in Nordrhein-Westfalen verfolgt, mit Anwält*innen gesprochen und die Aussagen von Polizist*innen im Gerichtssaal vernommen hat, der fragte sich am Ende immer wieder: Wie konnte das passieren? Wie konnten zwei Männer so lange und unter den Augen der Öffentlichkeit so viele Kinder in ihre Gewalt bringen und ihnen sexuelle, körperliche und psychische Gewalt antun?
Zwar besitzen viele Täter die Gabe, ihre Taten gut zu verschleiern und zu verstecken. Insbesondere Menschen, die Gewalt an Kindern verüben, präsentieren sich im Alltag nicht selten als verständnisvoll, empathisch, vertrauenerweckend. Doch irgendwann verrät sich jedeR einmal. Das hat auch Andreas V., einer der beiden Lügde-Haupttäter, getan. Sogar mehrfach. Nur haben die Behörden nicht ernsthaft reagiert. Wären sie schon vor 20 Jahren dem nachgegangen, was ihnen Eltern erzählt haben, wäre es nicht zu den weiteren Tagen gekommen.
Auch Mitarbeiter*innen des Jugendamts Hameln-Pyrmont nahmen Warnungen bezüglich einer Kindeswohlgefährdung wohl nicht ernst – Kolleg*innen des Jugendamts Lippe hatten zuvor nach einem „Hausbesuch“ von Andreas V. als Pflegevater dringend abgeraten. Das Behördenversagen füllt dicke Ordner: Akten wurden manipuliert, Beweismaterial ist verschwunden, Aussagen wurden nicht weitergegeben.
All das muss dringend aufgeklärt werden, die „Causa Lügde“ ist mit der Verurteilung der Täter noch lange nicht beendet. Ein Untersuchungsausschuss im Düsseldorfer Landtag versucht nun, politisch zu klären, wie das „System Lügde“ funktionieren konnte. Doch Zeuginnen des Jugendamts Hameln-Pyrmont wollen da nicht mitmachen und ihre Aussage vor dem Ausschuss verweigern – vermutlich, um sich selbst und andere zu schützen. Juristisch ist das ihr gutes Recht, moralisch hingegen höchst problematisch. Denn Schweigen bedeutet in Fällen wie Lügde ein System zu schützen, das Missbrauch fördert, zumindest aber zulässt.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert