Untersuchungsausschuss nach Lügde-Fall: Zeugen wollen nicht aussagen

Im Prozess um sexuelle Übergriffe auf Kinder auf einem Campingplatz bei Lügde sind die Täter längst verurteilt. Aber es gibt noch viele offene Fragen.

Luftballons vor dem Fenster eines Wohnwagens

Hinter verschlossenen Wohnwagentüren in Lügde: massenhafte sexuelle Gewalt an Kindern Foto: Friso Gentsch/dpa

BERLIN taz | Wenn am Montag der Untersuchungsausschuss zur „Causa Lügde“ im Landtag von Nordrhein-Westfalen erneut zusammenkommt, dürfte es interessant werden. Oder auch nicht. Denn die drei Zeuginnen, die das Gremium zum hundertfachen Kindesmissbrauch auf einem Campingplatz in Lügde vernehmen will, verweigern die Aussage. Das berichtet die Süddeutsche Zeitung. Die Zeugen lassen sich durch eine gemeinsame Anwältin vertreten, die dem Blatt zufolge den parlamentarischen Untersuchungsausschuss davon in Kenntnis gesetzt hat, dass ihre Mandant*innen von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen würden. Rechtlich sei das legitim, wenn sich jemand durch eigenen Aussagen selbst belasten würde.

Befragt werden sollen laut Ausschussvorsitzendem Martin Börschel (SPD) drei frühere Mitarbeiterinnen des Jugendamtes Hameln-Pyrmont. Das Jugendamt war unter anderem dafür zuständig, dass Andreas V., einer der beiden Haupttäter im sogenannten Lügde-Prozess trotz fragwürdiger Zustände in seiner Behausung auf dem Campingplatz nahe nordrhein-westfälischen Kleinstadt ein Pflegekind zugesprochen bekam.

Im Lügde-Prozess, der im vergangenen Sommer vor dem Landgericht Detmold verhandelt wurde, sind die beiden Hauptangklagten Andreas V. und Mario S. zu 13 beziehungsweise 12 Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt worden. Damit ist die juristische Seite des Verfahrens beendet. Trotzdem bleiben Fragen: Wie kann es sein, dass ein Mann, der von manchen Campingplatzgästen zwar als „kinderlieb und freundlich“ beschrieben wurde, aber bei genauerer Betrachtung keinerlei pädagogische Fertigkeiten aufweist, ein Kind in Obhut nehmen konnte? In einen zugemüllten, dreckigen Campingwagen?

„Für Süßigkeiten macht sie alles“

Ungeachtet dessen hatten Eltern schon früher beobachtet und gemeldet, dass Andreas V. sich Kindern gegenüber sexuell geäußert und sie beim Spielen, beispielsweise beim Heben auf seine Schultern, an deren Genitalien berührt habe. Der Verdacht, Andreas V. sei pädosexuell, stand also schon schon länger im Raum. Einer Mitarbeiterin des Jobcenters gegenüber hat V. sogar offene Andeutungen gemacht, dass er seiner Pflegetochter sexuelle Gewalt antut. Er soll Sätze gesagt haben wie „Für Süßigkeiten macht sie alles.“ Die Mitarbeiterin hatte das zuständigen Behörden gemeldet, sei aber nicht gehört worden, hatte sie im Unterausschuss ausgesagt.

Beim Behördenversagen, das im Zuge des Prozesses sowohl Polizei als auch Jugendämtern vorgeworfen wurde, spielt das Jugendamt Hameln-Pyrmont eine weitere unrühmliche Rolle. Eine Mitarbeiterin hatte nach Bekanntwerden des Skandals Aktenvermerke gelöscht, die Hinweise auf die pädosexuelle Neigung von Andreas V. gaben. Vermutlich wollte sie sich nicht selbst belasten oder das Jugendamt grundsätzlich schützen. Solche Fragen soll unter anderem der Unterausschuss klären. Tjark Bartels, damals Landrat von Hameln-Pyrmont hatte die Mitarbeiterin gekündigt und eine umfassende Aufarbeitung des Falls angekündigt. Im Herbst 2019 hat er sich jedoch von seinem Amt zurückgezogen – wegen einen Burn-outs, wie er damals sagte. Und wegen der Anfeindungen, die er im Zuge der „Causa Lügde“ zu ertragen hatte.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben