Lesung junger Autor:innen in Berlin: Ein Bienennest summt in der Brust
„Die Zeit heilt alle Hündchen“ lautete der Titel einer Lesung im Literarischen Colloquium Berlin, auf der junge Autor:innen eigene Texte vorstellten.
Am Donnerstagabend wirbeln vor dem Literarischen Colloquium in Berlin-Wannsee Staubpartikel, getaucht in das Licht der Sommersonne, durch die Luft. Tauben gurren und bei geöffneter Tür Richtung Wannsee beginnt die von dem Autor und Gastprofessor Matthias Nawrat geleitete Lesung „Die Zeit heilt alle Hündchen“. Zeit, um den Texten junger Autor:innen zu lauschen.
Diese dreizehn Autor:innen trafen sich über ein Semester hinweg, tauschten sich über Texte, das Leben als schreibende Person, über Politik aus. Dabei entstand etwa die Erzählung von Pia Kujat über die etwas skurrile Figur Spucke. „Spucke will wissen, wie es ist, eine Zunge zu haben. (…) In der Mitte krümmt sich ein Läppchen. Nee, ein Regenwurm. Er glitzert in der Höhle und wagt sich nicht raus.“
Vor Torbögen und der roten Leuchtschrift „Authentic“ lauscht man zudem mancher sehr lebensnahen Erzählung über komplizierte Beziehungen, obdachlose Väter oder psychische Probleme. Zu Letzterem schreibt Emma Wittkopp in dem berührenden Text „Die Sonne scheint nur in der Psychiatrie“. Sie liest: „Dein Körper gehört nicht in diese Welt …Vielleicht glauben sie dir, dass du schön bist. Doch das Leben ist nicht schön … und du schreist. Aber die Frage ist wozu? Und das ist vielleicht nicht krank genug.“
Stav Szir wiederum entführt das Publikum mit tiefer Stimme in eine Art Traumwelt. Durch höher oder tiefer gelegene Dörfer, hin zu einem schmalen Haus mit überwuchertem Garten. Dort herrschen strikte Regeln: „Immer musste jemand schlafen, … die Zeiten, in denen wir wach waren, nannten wir Tag, … die Zeiten des Schlafs nannten wir Nacht … Ich will nur noch aufwachen, doch die Vorschrift ist älter.“
Der Körper als ein riesiges Haus
Aufwachen möchte man als Zuhörende hingegen nicht, lieber noch den gekonnten Formulierungen etwa von Maria Egert lauschen. In „in der Ferne ein schlagendes Herz“ berichtet sie von Buchstaben des Straßenschilds, die an einer Protagonistin vorbeifliegen, oder von einem Bienennest, das in deren Brust summt. Auch Cundrie Harthun schreibt schöne Sätze wie: „Sie hat geglaubt, als Mann der Worte würde er die Stummheit von ihr nehmen. Sie dachte, er würde ihr einen Namen geben in einer Sprache, die das Wort ‚Frau‘ nicht kennt.“Originell ist die Sprachwelt von Louise Kleynheier, die ein lyrisches Ich dem Halbmond ihrer Fingernägel hinterhertrauern und, wenn sie im Bett die „Augen fest schließe“, sich vorstellen lässt, wie ihr Körper „ein riesiges Haus“ ist, das sie sich „gemütlich einrichten darf“.
Auch Alexa Dietrich erzählt von Körpern, genauer Körperteilen und noch genauer den Beinen einer Großmutter: „Aber Omi, du hast mir doch heute erst erzählt, was deine Beine schon durchmachten … über die Grenzen, über die Trümmer … und heute von der Küche auf den Pott fast stündlich und an all die Orte, von denen du noch erzählen musst … meine Omi, meine Königin … Kannst du nicht stolz auf diese Beine sein?“
Zum Höhepunkt des Abends, der gleichzeitig allmählich ausklingt, schwirren höfliche, etwas merkwürdige Fragen durch den Raum: „Dürfen wir Sie bitten, einfach mal aufzuhören?“, „Dürfen wir anbieten, jetzt Schluss mit Ihnen zu machen?“, „Dürfen wir Sie duzen?“. Nur zu, aber erstmal „Auf zur Bar“.
Gesagt, getan. Die Szene verlagert sich nach draußen unter die alten Eichen. Dort schippern Bötchen über den Wannsee, den die Sonne in gleißendes Licht taucht. Junge Menschen stoßen an, schießen Selfies, rauchen Zigaretten. Sprachfetzen des Alltäglichen, wie ein Gespräch über das nächste Praktikum, sind zu vernehmen. Und die zuvor angesprochenen schweren Themen? Die sind weit hinfort gerückt, ins Land der Poesie verdammt, wo sie bleiben dürfen, bis die Sonne weg ist.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert