Leistungsdruck während Corona: Offener Brief gegen Klassenarbeiten

Kaum öffnen Niedersachsens Schulen langsam wieder, kündigen einige Leh­rkräfte Klausuren an. Schü­ler­ver­tre­te­r*in­nen wehren sich.

Ein Corona-Selbsttest liegt am Platz eines Schülers in einem Klassenraum der Robert Bosch Gesamtschule Hildesheim

Klassenarbeiten nach monatelangem Distanzunterricht? Klassenraum einer Hildesheimer Schule Foto: Julian Stratenschulte/dpa

HANNOVER taz | Fünf lange Monate haben die meisten Schü­le­r*in­nen in Niedersachsen ihre Schule nicht von innen gesehen. Nun geht es hier langsam wieder los: Ganz vorsichtig, mit Tests und halben Klassen, im Wechselunterricht. Doch offensichtlich haben einige Leh­re­r*in­nen nichts Besseres zu tun, als sofort Klassenarbeiten und Klausuren anzukündigen.

„Wir können schlecht abschätzen, wie viele das insgesamt sind, aber wir haben die Rückmeldungen von einigen Gymnasien erhalten und auch auf Twitter schäumen etliche Eltern darüber“, sagt Florian Reetz, Vorsitzender des Landeschülerrats.

Die 16-Jährige Maite Blum, stellvertretende Schülersprecherin der Humboldtschule Hannover hat deshalb einen offenen Brief an den niedersächsischen Kultusminister Grant Hendrik Tonne initiiert. Sieben Schülervertretungen aus der Region schlossen sich sofort an, auch der Landesschülerrat unterstützt die Initiative.

Die Forderung: Alle Klassenarbeiten, Klausuren und sonstige verpflichtende Ersatzleistungen sollen für die verbleibenden Wochen des Schuljahrs ausgesetzt werden – mit Ausnahme der Prüfungen für Abschlussklassen. Stattdessen sollen die Leistungen des ersten Halbjahrs, die Beteiligung im Homeschooling und die restliche Präsenzzeit für die Ganzjahresnoten herangezogen werden.

Schü­le­r*in­nen „sehr stark belastet“

„Die monatelange Isolation, gepaart mit den teils enormen Anforderungen durch Hausaufgaben, Videokonferenzen und Ersatzleistungen haben viele Schü­le­r*in­nen sehr stark belastet“, schreiben die Initiator*innen. „Viele sind am Rande ihrer Kräfte angelangt und befinden sich in einer schlechten psychischen Verfassung.“ Es solle nun darum gehen, die Schü­le­r*in­nen mit ihren Problemen behutsam abzuholen und eine nachhaltige Wissensvermittlung stattfinden zu lassen.

Florian Reetz glaubt, dass vor allem Verunsicherung die Lehrkräfte zur übereilten Leistungsabfrage treibt: „Viele Leh­re­r*in­nen sagen, sie hätten sonst keine ausreichende Grundlage für die Benotung.“ Diese Unsicherheit müsse Tonne eben per Erlass ausräumen. „Online-Unterricht erfordert doch auch eine ganz andere Art zu lehren und zu lernen, da kann man jetzt nicht mal eben zur gewohnten Leistungsüberprüfung zurückkehren“, so Reetz.

Die Qualität des Distanzunterrichts sei vor allem im ersten Lockdown extrem unterschiedlich gewesen. „Viele Lehrkräfte haben sich zwar Mühe gegeben zu lernen, wie man online unterrichtet, aber es war schon noch sehr ‚Notbetrieb‘.“

Das Kultusministerium äußerte sich bislang nicht. Grant Hendrik Tonne hatte zwar schon einmal an die Lehrer appelliert, nicht gleich mit Leistungsdruck zu starten. Eine verbindliche Regelung hat er sich bisher aber verkniffen.

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