Leben auf dem Mars: Red New World

Unter Kuppeln auf dem Mars liegen weiße Häuser, grüne Parks und klare Seen. Doch nicht alle können daran teilhaben. Ein Szenario für das Jahr 2057.

Ein Mann in einem Raumanzug steht in einem Einkaufswagen

Auf der Erde werden die Nahrungsmittel knapp, doch der Mars floriert Foto: Vasily Pindyurin

Stille und Dunkelheit im Raum, zu den Füßen die Erde. Die Flying Whale IV hängt in der Leere, angedockt an die Raumstation United States Space Station Obama. Es ist der 19. August 2057. Die Station, zehn Mal größer als die ISS, dient verschiedenen Raumschiffen als Tankstelle, Raststätte und zur Warenannahme. Sie erinnert an eine überdimensionale Nachttischlampe.

Jedes Schiff, das eine Genehmigung der US Space Force hat, darf hier andocken. Eine Regelung aus alten Tagen. Während seiner Präsidentschaft erklärte Barack Obama die USA zur internatio­nalen Weltraumverwaltung, die allein Genehmigungen für Flüge ins All ausstellen oder verweigern darf. Aktiv wurde die Regelung erst mit der Gründung der US Space Force durch Präsident Donald Trump. Sein Vermächtnis aus zweiter Amtszeit.

„Sie kennen das Prozedere. Sobald die letzte Versorgungskapsel andockt ist, haben Sie zwei Stunden zum Umladen auf Ihr Schiff. Dann sind Sie weg.“ In der Luftschleuse der Flying Whale IV stehen zwei Beamte, die bis gerade das Schiff von Joe Saito inspiziert haben. „Natürlich, wie vor einem Monat. Oder den Monat davor. Oder den Monat davor“, antwortet Joe, sichtlich genervt.

Um die Mitte des Jahrhunderts ist Schluss. Planet und Menschheit haben den Point of no Return erreicht, eine unbewohnbare Erde führt zum Zusammenbruch von Zivilisation und internationaler Ordnung – wenn wir nicht radikal umsteuern.

So steht es in dem Bericht [pdf], den der australische Thinktank Breakthrough National Centre for Climate Restoration veröffentlicht hat.

Wir wollen diese Prognose zum Anlass nehmen, im Rahmen einer Reihe darüber nachzudenken, was bis 2050 passieren wird, passieren kann – und was passieren muss, um das Unheil noch abzuwenden.

Wir wollen wissen, wie man sein Leben bis zum Untergang bestreitet, und wir möchten über eine komplexe und potenziell schönere Zukunft der Menschheit nachdenken – eine, die wir voraussichtlich verpassen werden.

Alle Texte aus der Serie, finden Sie hier.

Zwar ist das sein erster Flug zum Mars. Davor hat er jedoch zahlreiche Male Erze von Asteroiden-Minen zur Mondbasis transportiert. Den längeren Mars-Job hat er angenommen, weil er mehr Geld gibt. Seit seine Mutter aufgrund der Luftverschmutzung an Lungenkrebs erkrankt ist, muss er seinen Eltern bei den Behandlungskosten unter die Arme greifen.

Versorgungsflüge zur Marskolonie

Er selbst leidet an chronischem Husten. Neben dem Geld bekommt er auch die Chance, die erste menschliche Kolonie im Weltraum zu bewundern. Wenn die Werbung stimmt, ist sie das Paradies. Dort sollen auch die besten Ärzte sein. Vielleicht kann er sich von einem behandeln lassen.

Joe fliegt eins der zahlreichen Groß-Transportschiffe, die von Elon Musks Raumfahrtfirma SpaceX im Weltraum zusammengesetzt werden. Wegen ihrer enormen Masse können sie nicht in die Erdatmosphäre eintreten. Die Wale, wie sie liebevoll genannt werden, sehen aus wie massive Zylinder von 400 Metern Länge und 130 Metern im Durchmesser, haben einen Buckel und werden zum Antrieb hin schmaler.

Diese Transporter sind aufgrund ihres riesigen Ladevolumens beliebt für Versorgungsflüge zur Marskolonie. Deshalb schicken die USA Versorgungskapseln zur USSS Obama, wo ihr Inhalt mithilfe von Maschinen auf die Schiffe umgeladen wird. Joe schaut aus dem Cockpit und sieht, wie die letzte Kapsel in seine Richtung schwebt. Dahinter sieht er die Erde, erhellt in den Strahlen der Sonne.

Unter ihm befindet sich die Heimat seiner Eltern, Japan. Inzwischen ist die Hälfte des früheren Territoriums des Inselstaates unter Wasser. Seine Familie ist vor zehn Jahren in die USA geflohen. Joe war in der Pilotenausbildung bei der japanischen Weltraumbehörde JAXA. Als diese aufgelöst wurde, gab er sich den Namen Joe, um bei den Amerikanern besser anzukommen. Seit der massenhaften Klimaflucht sind viele Menschen im Westen Einwanderern gegenüber skeptischer denn je.

Weideflächen und industrieller Rauch

In den USA schulte sich Joe zum Transporterpiloten. Die Transporter brauchen Piloten nicht zum Fliegen, aufgrund der hochentwickelten KI ihrer Bordcomputer. Die menschlichen Piloten sind viel mehr Ingenieure, die das Schiff warten, die Be- und Entladung bewachen und in Notfällen eingreifen sollen.

„USSS Obama an Flying Whale IV, Ihre Ladung ist nun an Bord und die Ladeluken verschlossen. Wir wünschen Ihnen eine gute Reise.“ Joe dockt das Schiff ab. Es steuert sich selbstständig mit den Luftdüsen in ein paar Kilometer Entfernung, bevor Joe den Antrieb zündet. Das wenigstens darf er selbst machen. Als kleine Starthilfe umkreist der Wal die Erde einige Male, um mithilfe ihrer Gravitationskraft zu beschleunigen: Das sogenannte Sling­shot-Verfahren.

Joe blickt dabei hinab zur Erde, die er einen Monat lang nicht sehen wird. Dort wo früher der Amazonas alles in ein saftiges, gesundes Grün hüllte, befinden sich heute nur Sojafelder, Weideflächen und industrieller Rauch. Die Polarkappen sind beinahe komplett geschmolzen. Im Nahen Osten steigt der Rauch brennender Ölfelder in den Himmel. Das Schiff tritt aus der Rotationsbahn aus und schießt Richtung Mars.

29. August 2057. Joe hat Augenringe, Gelenkschmerzen, Kopfschmerzen und fühlt sich einsam. Solange er den Kurs hält, wechselt nicht mal der Bordcomputer ein Wort mit ihm. Alles, was ihn halbwegs bei Laune hält, sind die Sehnsucht nach dem Mars und sein Tablet. Er schwebt damit zu seinem Schlafsack, klemmt sich ein und sieht sich alte Fotos und Videos seiner Eltern an.

Saftig grüne Bäume

Auf einem Video rennt ein kleiner Junge durch einen Wald voll riesiger, gesunder Bäume. Die Sonne scheint durch ihre saftig grünen Blätter. „Jurou, bleib stehen, ich erwisch dich gar nicht“, ruft die weibliche Stimme hinter der Kamera. Der Junge bleibt stehen und grinst mit seinen Milchzahnlücken in die Kamera. Joe schaltet das Video aus und wischt sich über seine feuchten Augen. Stattdessen klickt er auf eine Videoreportage über die Marskolonie, die SpaceX herausgegeben hat. Auch hier saftig grüne Bäume.

Dort wo früher der Amazonas alles in ein saftiges, gesundes Grün hüllte, befinden sich heute nur Sojafelder, Weideflächen und industrieller Rauch. Die Polarkappen sind beinahe komplett geschmolzen

30. August 2057. „Hier spricht Captain Wen Fong, von der Niú III. Sie betreten chinesisches Hoheitsgebiet. Bitte übermitteln Sie uns umgehend Ihre Kennung, den Zweck Ihres Flugs und ihre Frachtliste.“ Überrascht, fast schon panisch greift Joe beim Klang der fremden Stimme zu seinem Headset. „Hier spricht Captain Joe Saito von der Flying Whale IV. Ich lade Ihnen meine Daten hoch. Ich fliege für SpaceX im Auftrag der USA Versorgungsgüter von der Erde zur amerikanischen Marskolonie. Laut meiner Karte befinde ich mich allerdings auf einer amerikanischen Handelsroute.“

Joe ist besorgt. Stimmt sein Bordcomputer nicht? „Flying Whale, Ihre Daten sind angekommen. Wir haben auch ihr Schiff gescannt. Alles sauber. Die chinesische Regierung reagiert auf die letzten amerikanischen Strafzölle, indem sie seit heute diese Handelsroute blockiert. Bitte drosseln Sie ihre Geschwindigkeit und fliegen Sie zu unserer Raumstation, die Koordinaten habe ich Ihnen gerade übermittelt. Zwei Jäger werden Sie eskortieren, sie sind bereits unterwegs zu ihrer Position. Wir werden Ihre Fracht noch einmal persönlich kontrollieren. Sobald wir fertig sind und Sie die Mautgebühr bezahlt haben, dürfen Sie weiter.“

Joe schlägt mit der Faust auf die Armlehne des Sessels. Nachdem der Handel auf der Erde durch eine ungedeckte Nachfrage an Nahrungsmitteln, hohe Zölle und unsinnige Freihandelsabkommen zusammengebrochen ist, tragen die Großmächte ihren Handelskrieg nun also im Weltraum aus. „Mir bleibt wohl nichts anderes übrig Niú III.“

Glaskuppeln und Metallgerüste

4. September 2057. „Guten Morgen Captain. Wir erreichen die USSS Trump in 30 Minuten. Leite Bremsung ein.“ Die nichtbinäre Stimme der KI weckt Joe aus dem Schlaf. Er schlüpft aus seinem Schlafsack, wobei er in der Schwerelosigkeit an eine hilflose Raupe erinnert, schwingt sich dann aber souverän durch das Schiff in Richtung Cockpit und schnallt sich an seinen Sessel. Endlich. Vor ihm wird der Mars immer größer und die Raumstation ist auch schon als kleiner glänzender Punkt zu erkennen.

Auf der ihm zugewandten Seite ist es Nacht. Auf der dunklen Oberfläche des Planeten leuchten einige Punkte, so nah beieinander, dass sie beinahe wie ein Klecks wirken. „Willkommen, Flying Whale, aufgrund der chinesischen Blockade ist nicht viel los. Sie können also zwei Tage hier bleiben, die Andockluke wird so schnell nicht gebraucht.“ Anstatt noch mal die Ladung durchzugehen, geht Joe auf seinem Tablet aufgeregt die Liste aller Hotels und Ärzte auf dem Mars durch.

Kaum ist das Schiff angedockt, begibt sich Joe zum Teleskop der Station und blickt auf die Marsoberfläche, die inzwischen in das Licht der Sonne gehüllt wird. Aus der staubigen Oberfläche ragen riesige Glaskuppeln, getragen durch monströse Metallgerüste. Darunter befinden sich moderne Häuser in sauberem Weiß mit Swimmingpools, grüne Parks mit streng parallel zueinander stehenden Bäumen und riesige Seen voll klarem Wasser.

Joe fragt einen Offizier, unter welcher Kuppel er seine zwei Tage Urlaub verbringen darf, und klingt aufgeregt. Der Offizier schaut ihn mitleidig an und antwortet ihm schließlich: „Es tut mir leid, aber nur Bewohner oder Touristen mit einem Ticket dürfen den Mars betreten. Sonst niemand. Allerdings haben wir auf der Station ein Zimmer für Sie, von dem aus Sie einen tollen Blick auf den Mars haben.“

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