piwik no script img

Lateinamerikanisch-karibische StaatenUneins über den US-Imperialismus

Lateinamerika ist in der Bewertung des US-Angriffs auf Venezuela gespalten. Brasiliens Rechte wünscht sich eine US-Intervention auch in ihrem Land.

Übt scharfe Kritik an Trump und berief Lateinamerika-Treffen ein: Brasiliens Präsident Luis Inácio Lula da Silva Foto: Adriano Machado/Reuters
Christine Wollowski

Aus Salvador Da Bahia

Christine Wollowski

Nach dem US-Angriff auf Venezuela hat Brasiliens Präsident Luis Inácio Lula da Silva am Sonntag ein Treffen der Minister der lateinamerikanischen und karibischen Celac-Staaten einberufen. Er hatte bereits am Samstag die Militäraktion der USA verurteilt. Sie überschreite eine Grenze, sei inakzeptabel und verletze die Souveränität Venezuelas. Es handele sich um einen Präzedenzfall, der für die internationale Gemeinschaft extrem gefährlich sei.

Das Treffen sollte, so Lulas Hoffnung, zu einer gemeinsamen Verurteilung durch die Staaten des gesamten Kontinents führen. Im Celac-Block sind seit 2010 alle 33 Entwicklungsländer des amerikanischen Kontinents vereint.

Doch Lulas Rechnung ging nicht auf: Die Videokonferenz endete nach zwei Stunden ergebnislos, da man sich nicht auf eine gemeinsame Position einigen konnten. Brasilien, Mexiko, Chile, Kolumbien, Uruguay und Spanien hatten immerhin Stunden zuvor gemeinsam ihre Besorgnis über den Vorfall formuliert: „Der Versuch, Regierungskontrolle auszuüben, ist nicht mit internationalem Recht zu vereinbaren.“

Lula blieb bei seiner Verurteilung der Militär-Intervention und erkannte außerdem, ebenso wie Kolumbien, die venezolanische Vizepräsidentin Delcy Rodríguez als Interimspräsidentin an. Eine widersprüchliche Entscheidung, da Brasilien ursprünglich die Wahl Maduros nicht anerkannt hatte. Auf X erklärte Lula: „Länder in offener Verletzung des internationalen Rechts anzugreifen, ist der erste Schritt in eine Welt der Gewalt, des Chaos und der Instabilität, in der das Recht des Stärkeren sich gegen den Multilateralismus durchsetzt.“

Argentiniens Milei gegen gemeinsame Erklärung

Venezuelas Außenminister Yván Gil bezeichnete den Angriff während der Konferenz als „feige und kriminell“. Es handele sich um eine Attacke auf ganz Lateinamerika und die Karibik. Argentiniens Präsident Javier Milei hingegen begrüßte die Festnahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro als „Fortschritt der Freiheit“. Milei war es auch, der sich gegen eine gemeinsame Erklärung der Celac-Staaten einsetzte.

Maduro soll sich in den USA unter anderem wegen Drogenterrorismus vor Gericht verantworten. Die brasilianische Linke sieht die Kontrolle über die venezolanische Erdölförderung als wahres Motiv der US-Invasion. Brasilien als Land mit dem weltweit zweitgrößten Vorkommen an seltenen Erden könne künftig ebenfalls Ziel eines US-Angriffs werden, so die Befürchtungen.

Mehrere brasilianische Rechtsaußen-Politiker feierten den Angriff und die Festnahme Nicolás Maduros hingegen euphorisch als „Rettung Venezuelas“. Unter Anhängern des Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro ist die Auffassung verbreitet, dass die USA durch eine Militär-Intervention für Ordnung in Brasilien sorgen sollten. Der seit Februar 2025 in den USA lebende Eduardo Bolsonaro, Sohn des früheren Staatschefs, hat schon mehrfach eine US-Intervention in Brasilien gefordert.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

14 Kommentare

 / 
  • Eine neue Sicht der Fakten rekurriert auf Fiona Hill und 2019.



    Dazu bei tagesspiegel.de



    "Venezuela für Trump, Ukraine für Putin?: Jetzt bekommt eine Aussage aus dem Jahr 2019 neue Brisanz



    Schlägt Russlands Präsident Wladimir Putin nach der US-Intervention in Venezuela nun umso härter in der Ukraine zu? Moskau hat Washington angeblich einst einen solchen Deal vorgeschlagen: Caracas für Kiew."



    Es geht um ❗2019



    "Hill sagte damals, Russland habe der US-Regierung in jenem Jahr über informelle Kanäle angeboten, seine Aktivitäten in Venezuela und die Unterstützung für den dortigen Machthaber Maduro einzustellen, sofern die USA im Gegenzug Moskau in seiner eigenen Einflusssphäre freie Hand ließen. Sprich: Ihr kriegt Venezuela, wir die Ukraine. Dies geschah bereits Jahre vor der russischen Invasion des Nachbarlandes von 2022."



    Dementsprechend wären auch weitere Aussagen zu den größeren Zusammenhängen durchaus interessant, auch bezüglich China oder Ex-Staatschefs wie Bolsonaro.

  • Formulierungen wie

    "Brasilien, Mexiko, Chile, Kolumbien, Uruguay und Spanien hatten immerhin Stunden zuvor gemeinsam ihre Besorgnis über den Vorfall formuliert"

    kann man eigentlich kaum treffen, wenn auch technisch natürlich richtig. Eigentlich müsste man schreiben:

    "Die linken Regierungen von [...] hatten immerhin Stunden zuvor gemeinsam ihre Besorgnis über den Vorfall formuliert"

    Die Positionierungen haben NULL mit dem entsprechenden Land, deren Kultur, deren Gesellschaften usw. selbst zu tun und alles mit dem Choleur der Regierungen der entsprechenden Länder. Diese ändert sich alle 4-5 Jahre, und es gibt her auch keine strukturellen Lager.

    Es ist doch absolut klar warum in der Liste nicht Portugal, Peru oder gar Argentinien stehen.

  • Wir dürfen uns darauf einstellen, dass das neue "verbrecherische" "Links", wenn es nach den Konservativen und Rechten geht, von der Partei Die Linke bis zu den CDUCSUFDP-Arbeitnehmerflügeln reicht. Denen drohen Verleumdung, wirtschaftliche Vernichtung, hohe Gefängnisstrafen. Dahinter beginnen die Ultraneoliberalfaschisten von Schwarz bis Blau, nebst deren schleimigen Mitläufern. Schade, dass ich meinem (neoklassischen) Prof nicht mehr sagen kann, dass ich leider recht haben dürfte. In der Haut von denen, die künftig als linksterroristisch angesehen werden könnten, möchte ich nicht stecken, denn zumindest droht ihnen jenseits der Demokratie, wie wir sie heute noch erleben, lebenslänglich.

  • Politik schlägt Recht, wie immer.



    Kaum jemand kann die Intervention der USA rechtlich rechtfertigen, die Trump-Regierung versucht das auch schon gar nicht mehr. Man glaubt, die Macht zu haben, also macht man es.



    Aber selbst politisch ist das Eis sehr dünn: der Durchschnittsamerikaner soll es gut finden, dass auf seine Steuerzahlerkosten die Ölindustrie in Venezuela den großen Reibach macht. Da kann man selbst außerhalb der MAGA-Blase die Frage nach dem ureigensten nationalen Interesse stellen.



    Dass es um Freiheit oder das Wohl der Menschen in Venezuela geht behaupten höchstens dümmliche Unions-Landräte in Deutschland. Die offenkundige Dreistigkeit und die fortschreitende Enthemmung der Trump-Clique stellt die Frage, wann der Orangene sein Blatt überreizt.

    • @FtznFrtz:

      "Aber selbst politisch ist das Eis sehr dünn: der Durchschnittsamerikaner soll es gut finden, dass auf seine Steuerzahlerkosten die Ölindustrie in Venezuela den großen Reibach macht."



      Ich hatte es so verstanden, dass alle Kosten aus d. Gewinnen beglichen werden könnten, also gewissermaßen Venezuela in Rechnung gestellt werden, vielleicht schon verrechnet mit d. Ladungen der beschlagnahmten (vs gekaperten) Öltanker.



      Außerdem sollen amerikanische Firmen in Venezuela investieren, sie verfügen auch über das Know-how, wie das dortige Öl verarbeitet werden kann.



      "Methoden der Dampfstimulation im Zusammenhang mit der thermisch unterstützten Ölförderung wurden häufig für die Produktion verschiedener Qualitäten von unkonventionellem Öl eingesetzt, das sich vor allem durch hohe Dichte und Viskosität auszeichnet. Im industriellen Maßstab sind diese Methoden bei der Gewinnung von bituminösem Öl (Ölsand), Schwerstöl oder Kerogenöl (Ölschiefer) weit verbreitet und haben eine API-Dichte von weniger als 10o und eine Viskosität von oft mehr als 10.000 Centipoise. Das Aussehen dieser Ölsorten unterscheidet sich erheblich vom herkömmlichen Öl und nimmt manchmal exotische Formen an."



      Quelle aenert.com

  • „Länder in offener Verletzung des internationalen Rechts anzugreifen, ist der erste Schritt in eine Welt der Gewalt, des Chaos und der Instabilität, in der das Recht des Stärkeren sich gegen den Multilateralismus durchsetzt.“

    ... sagte Lula in Bezug auf den Angriff Russlands auf die Ukraine... nicht.

    • @Heckenschere:

      Lukas hat auch den Angriff auf die Ukraine verurteilt (einmal googeln reicht, um das rauszufinden...).

      • @O.F.:

        Ich meine natürlich Lula - elende Autokorrektur...

    • @Heckenschere:

      Mit Moral kommt man da nicht weiter. Die Ukraine ist weit weg - Venezuela ist nah!

  • "Argentiniens Präsident Javier Milei hingegen begrüßte die Festnahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro als „Fortschritt der Freiheit“."



    Darf daraus geschlussfolgert werden, Senor Milei hätte auch kein Problem damit, wenn man ihn selber gewaltsam aus dem Amt entfernt?

    • @Encantado:

      Wieso? Milei foltert und ermordet nicht tausende seiner Landsleute und hat - soweit mir bekannt - auch keine Wahlen gefälscht. Er kam an die Macht, weil die argentinische Linke ihre Unfähigkeit nur zu deutlich unter Beweis gestellt hatte.

      • @Emmo:

        Hat damit nichts zu tun. Wer gewaltsame Entführung durch eine ausländische Macht gut findet, muss sich an diesem Maßstab messen lassen.

        • @Encantado:

          Ja, unter dem Aspekt haben Sie natürlich recht.