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Landtagswahl in Sachsen-AnhaltWas die AfD von der Macht fernhält

Die AfD spielt acht Monate vor der Wahl in Sachsen-Anhalt schon die Siegerin. Aktuell regiert eine nervöse CDU. Doch es gibt auch Gegenwehr.

Erst Kreuzchen, dann Kippchen: Wahllokal in Wolferode, Sachsen-Anhalt, bei der Bundestagswahl 2025 Foto: Heiko Rebsch/dpa
David Muschenich

Aus Leipzig

David Muschenich

Fünf Bundesländer wählen in diesem Jahr ihre Landtage neu. Vor allem Sachsen-Anhalt steht im Fokus. Nirgendwo ist die Zustimmung für die AfD so hoch wie dort. Ulrich Siegmund, der AfD-Spitzenkandidat, hat die absolute Mehrheit als Ziel gesetzt.

Acht Monate vor der Wahl wirken die AfD-Anhänger:innen schon siegestrunken. Bundesweit glauben laut einer repräsentativen Umfrage vier von fünf AfD-Wähler:innen, dass ihre Partei in diesem Jahr einen Regierungschef stellen wird. Doch selbst in Sachsen-Anhalt gibt es einige Faktoren, die das verhindern könnten.

Etwa 1,7 Millionen Menschen sind am 6. September wahlberechtigt. Wenige tausend Stimmen können da schon ein Prozent mehr oder weniger ausmachen. Die letzten repräsentativen Umfragen sind schon etwas her. Im Herbst gaben rund 40 Prozent an, sie würden ihre Stimme der AfD geben. Bei der CDU würden demnach weniger als 30 Prozent ihr Kreuz setzen.

Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) klingt entsprechend beunruhigt. Bei der Wahl gehe es „um die Systemfrage“, betont er. Entweder Demokratie oder AfD, beides gehe nicht. Seit fast 15 Jahren ist Haseloff Landesvater. Kein anderer Politiker ist so bekannt und beliebt wie er. In diesem Jahr tritt er nicht mehr an.

An der CDU-Spitze steht in diesem Jahr Sven Schulze. Der Wirtschaftsminister ist deutlich unbekannter. Zwar verspricht er, dass seine politischen Vorstellungen mit denen von Haseloff übereinstimmen. Er setzt auf Alltagsthemen statt auf Migration, grenzt sich von der AfD ab, ohne ständig von ihr zu sprechen.

AfD will absolute Mehrheit

Kein Spitzenkandidat kann sich dieses Jahr also auf den Amtsbonus verlassen. Das ist anders als 2021. Damals lag die Union in den Umfragen mit der AfD gleich auf, aber bei der Wahl bekam sie 17 Prozentpunkte mehr. Die Sorge vor einem AfD-Sieg trieb viele Wäh­le­r:in­nen zur CDU. Ob ein solcher Sprung in der letzten Sekunde auch in diesem Jahr klappen könnte, ist ungewiss.

Und damit kommen wir zum „Was wäre wenn“. Erreicht die AfD keine absolute Mehrheit, wäre Schulzes CDU für eine Regierung auf andere Parteien angewiesen. Wenn es so kommen würde, wie es die Umfragen andeuten, blieben ihm nur das BSW und die SPD mit je 6 Prozent. Die Grünen und die FDP würden an der 5-Prozent-Hürde scheitern. Die Linke bekäme zwar 11 Prozent, aber eine Koalition mit ihr ist für viele CDU-Wähler:innen und -Politiker:innen undenkbar. Hieße also: Regieren ohne Mehrheit, wie in Sachsen und Thüringen.

Jede Partei weniger im Parlament bedeutet für Ulrich Siegmund und seine AfD einen Schritt näher an die absolute Mehrheit. Rutschen auch die SPD und das BSW unter die 5-Prozent-Hürde, bekäme die AfD mit 40 Prozent der Stimmen 43 von 83 Sitzen im Landtag und damit die absolute Mehrheit.

Andersherum rückt jede weitere Partei im Parlament die AfD von der absoluten Mehrheit weg. Schaffen es Grüne und FDP in den Landtag, bekäme die AfD mit angenommenen 40 Prozent nur 34 Sitze.

Um die Wähler in Sachsen-Anhalt zu überzeugen, dürfe der AfD nicht der ländliche Raum überlassen werden, mahnt der Magdeburger Rechtsextremismusexperte David Begrich, zuletzt im Interview beim Freien Radio Corax. Die AfD sei gut darin, die öffentliche Wahrnehmung zu dominieren. Es gelte, dem etwas entgegenzusetzen. Überall im Land gebe es Protest gegen die AfD. Es sei wichtig, diesen zu unterstützen und ihm Aufmerksamkeit zu geben. So sieht das nicht nur Begrich. Die Kampagnenplattform Campact sammelt Spenden, um einen Anti-AfD-Wahlkampf zu finanzieren und Vereine in Sachsen-Anhalt unterstützen.

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11 Kommentare

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  • Demokratie ist eben nicht nur Wahlen abzuhalten. Demokratie bedeutet Machtwechsel um Filz und Vetternwirtschaft einzugrenzen. Deswegen sind die USA die grösste Demokratie der Welt: Da wird alle 8 Jahre komplett neu umgestellt. Nicht so wie in Bayern wo seit 80 Jahren die CSU regiert !

    • @Timelot:

      Sorry aber wenn ich dieses Zweiparteiensystem der USA mit Milliardenausgaben im Wahlkampf sehe denke ich nicht an ein Vorbild für Demokratie.

      • @Zippism:

        Jedes mal wenn ich in den Staaten bin, ueberrascht mich wie dort Demokratie gelebt wird. Egal wann, es sind immer Plakate an den Strassen weil wieder irgendwer gewaehlt wird.



        Eine maximale Amtszeit von 8 Jahren wuerde unserer Demokratie auf jeden Fall gut tun.

  • Also ich sehe das etwas entspannter. Wenn die AfD die Regierung stellt, dann wird sich zeigen aus welchem Material die gemacht sind. Die Grünen haben es doch gerade vorexerziert: Durch ihre Regierungsbeteiligung bzw die grobe Unfähigkeit die sie dort voexerziert haben (ich erinnere nur an Habeck´s mangelndes Wissen darüber was eine Insolvenz ist oder Berbocks Kriegserklärung an Russland) haben die aus einer 25% Partei mit Kanzlerkandidatin eine 11% Partei im Sinkflug gemacht.



    Wer hier jetzt die AfD mit aller Macht und einer fatal an die "Nationale Front" der DDR erinnernde Parteienkoalition verhindern will garantiert der AfD die absolute Mehrheit bei den nächsten Wahlen. Weil die Parteien der demokratischen Mitte nämlich kaum etwas gemeinsam haben und insbesondere die CDU wieder ihren Wählern A verspricht und dann das B der SPD, Linken ud Grünen liefert. Am Ende könnte das das Ende der CDU bedeuten. Wollen wir das??

  • Da es der Linken ja um das Laufen der Geschäfte und sinnvolle Politik geht, kann auch eine Minderheitenregierung funktionieren. So, wie es in Thürigen ist und wie man das Verhalten ja auch im Bundestag sehen kann.



    Mit einer cdU oder AfD wäre das natürlich nicht möglich. Die cdU hat ja auf Bundesebene mehr als bewiesen, dass es ihnen nur um das Stören der Regierung geht wenn sie in der Opposition sind. Dafür nehmen sie auch Schaden am Land in Kauf, kein Problem für sie (Schuldenbremse etc.).



    Aber es wird eben immer enger, da niemand etwas gegen die Gründe des Erstarkens der Ultrarechten unternimmt. Eine Koalition aus BSW, sPD und cdU ist schon so eine extrem wackelige Sache, selbst wenn es keine Minderheitenregierung wäre.



    Und ein Versagen einer solchen Koalition stärkt dann das Misstrauen in "die da Oben" noch mehr und ist Treibstoff für die Rechtsextremen. Wie man auch am Versagen der Ampel durch die Sabotage der fDP gesehen hat.



    Ich sehe nicht mit einem guten Gefühl auf die nächsten Wahlen. Schon die Bundestagswahl hat mir jede Hoffnung geraubt.

    • @Jalella:

      Die Diagnose greift zu kurz, weil sie Verantwortung fast ausschließlich bei „den anderen“ sucht. Minderheitsregierungen funktionieren nicht wegen moralischer Überlegenheit, sondern nur bei klaren Mehrheiten für einzelne Projekte – und genau daran fehlt es zunehmend. Opposition ist in einer Demokratie kein „Stören“, sondern Kontrollfunktion; auch harte Blockade kann legitim sein, wenn grundlegende finanz- oder ordnungspolitische Differenzen bestehen (z. B. Schuldenbremse).

      Das Erstarken der Rechten allein auf Koalitionsversagen oder „Sabotage“ zurückzuführen, blendet strukturelle Ursachen aus: Vertrauensverlust durch jahrelange Reformunfähigkeit, fehlende Prioritätensetzung und Politik, die oft an Alltagsrealitäten vorbeigeht. Wenn jede Kritik als destruktiv delegitimiert wird, verstärkt das genau das Gefühl von „die da oben“.

      Instabile Mehrparteienbündnisse sind nicht per se das kleinere Übel – sie können Handlungsunfähigkeit zementieren. Demokratische Resilienz entsteht nicht durch Abwehrbündnisse, sondern durch klare Programme, Verlässlichkeit und messbare Ergebnisse.

    • @Jalella:

      Ich kann Ihren Kommentar nur unterstreichen!

      Hinzu kommt noch, dass sich die Union im September wohl bewusst auf dieses Szenario vorbereitet.



      Aus "Der Standard":

      "In Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt wird 2026 gewählt. Die AfD liegt in Umfragen klar auf Platz Eins.



      EPA/RONALD WITTEK



      Der Spiegel berichtet, Spahn philosophiere in kleinen Führungszirkeln der Union durchaus über eine konservative Mehrheit im Bundestag. Zitiert wird ein hochrangiger CDU-Mann mit den Worten, dass Spahn "definitiv" in dieser Frage "zweigleisig" fahre."



      Trübe Aussichten.

  • Aktivisten hatten mal darum geworben, dass die 5% -Hürde auf 3% gesenkt wird. Damit eben nicht mit 41% schon die absolute Mehrheit möglich ist, sondern die halb-kleinen Parteien auch noch in den Landtag kommen.

  • "Demokratie oder AfD, beides gehe nicht." Habe wohl langsam Gedächtnislücken, weswegen war die Union nochmal gegen ein Verbotsverfahren?

  • Vielleicht waere es langfristig besser, die AFD wuerde die absolute Mehrheit bekommen. Dann koennen sich die AFD-Waehler endlich davon ueberzeugen, dass die AFD nicht die Alternative fuer Deutschland ist.

    • @elektrozwerg:

      Wenn man sie dann noch abwählen kann.