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Label Moloko Plus aus Sachsen-AnhaltNoiserock-Internationalismus und Beatliteratur von unten

In Schönebeck/Elbe sitzt das kleine, aber feine Label Moloko Plus, zugleich auch Verlag. Die Compilation „Elmsfeuer“ setzt seine Underground-Tradition stilbewusst fort.

Das Ost-West-Album der Stunde kommt aus Sachsen-Anhalt. Mit der Doppel-CD „Elmsfeuer“ feiert das Label Moloko Plus aus Schönebeck an der Elbe seinen 30. Geburtstag. Der Titel bezieht sich auf ein Licht- und Wetterphänomen, das als Elektrizitätsentladung an Schiffsmasten auf schwerer See vorkommt.

„A Serious Collection Of Doom Shanties & Broken Ballads“ hat Herausgeber Rex Joswig, Sänger der Dub ʼnʼ Poetry-Formation Herbst in Peking, seine Zusammenstellung von insgesamt 34 aufgewühlten Liedern genannt. Sie stammen aus mehreren Jahrzehnten und kommen aus Ost-Berlin, Hamburg und der australischen Exklave West-Berlin. „Elmsfeuer“ ist Internationalismus von unten, also der einzige, welcher den Namen auch verdient.

Moloko Plus-Gründer Ralf Friel, er hat sein Label mit einem Bürojob im ostdeutschen Anlagenbau finanziert und ist jetzt Rentner, meint über das Geburtstagspaket, „es soll einerseits unterhalten und zum anderen auch zum Hinhören und Nachdenken anregen“. Tatsächlich enthält „Elmsfeuer“ hauptsächlich Rockmusik, allerdings solche mit Pfiff, also circa die Linie Stooges – Stranglers – The Fall, und dazu kontrastierend Industrial- und Elektronikanklänge.

Moloko Plus

Verschiedene: „Elmsfeuer. A Serious Collection Of Doom Shanties & Broken Ballads“ (Moloko Plus)Bert Papenfuß: „Empörung und Entrüstung (Moloko Print)

Albumtaufe, 12.9.2026, „Roadrunners“ Berlin mit Herbst in Peking, Tarwater, Lillevan (Video Art) und DJ Alexander Pehlemann (Zonic Zound System)

Dem Titel gemäß beginnt „Elmsfeuer“ mit einer poetischen Wettermeldung. In „Weather-Wise“ kombiniert der Musiker Alex Doc Dorsch eine Komposition auf dem Steel-Cello des Instrumentenbauers und Künstlers Bob Rutman mit einer Originaleinspielung von Milner Place, der nach einem abenteuerlichen Leben, Erwerbsarbeit hinterm Tresen, auf dem Feld und unter Tage Schriftsteller wurde.

Glück und Schönheit

Dem Werk des Weltreisenden Place entnommen sind auch die Texte der beiden Beiträge des Berliner Elektronikduos Tarwater, „Log Of The Sloop“ und „The Evening Pilgrims“. Wer mehr von Milner Place lesen möchte, wird bei Moloko Plus ebenfalls fündig. Ralf Friel, der Moloko Plus ausdrücklich auch als Verlag betreibt und sich darum in Zukunft auch mehr kümmern möchte, hat zwei Bände von Place herausgebracht. Friel hält es mit Büchern, in denen Glück und Schönheit keine Werbefloskeln sind.

Besonders angetan haben es ihm der Expressionismus und die nordamerikanische Beatliteratur. Momentan arbeitet er an einer Publikation von Allen Ginsberg, der von dem New Yorker Noise-Musiker Kramer, bekannt durch die Arbeit mit Bands wie Shockabilly und Half Japanese, vertont wird. Schriftsteller mit DDR-Sozialisation wie Kai Pohl, Peter Wawerzinek und Wolfgang Hilbig haben bei Friel und Joswig ihren Platz neben einem Enfant Terrible der BRD wie Kiev Stingl.

Die Weltläufigkeit der Provinz

Der Dichter und Sänger ist ebenfalls auf „Elmsfeuer“ vertreten mit „Ozean“, einem Stück, das Produzent Achim Reichel Ende der Siebzigerjahre als kommerziell wenig erfolgversprechend unveröffentlicht ließ. Das Programm von Moloko Plus steht für die Weltläufigkeit der Provinz. Der „Elmsfeuer“-Beitrag „Suiman“ des Musikers und Schriftstellers Alexander Krohn, ein Stück kratziger, perkussiver Folk, ist in Kuala Lumpur, Malaysia aufgenommen und einem Album Krohns entnommen, das darüber hinaus in Indien, Thailand, Italien und Australien entstanden ist.

Überhaupt die Australier: „Elmsfeuer“ erinnert mit mehreren Stücken an die Band Once Upon A Time, die mit dem Sänger und Songwriter Bruno Adams in den frühen Neunzigerjahren Schmutzblues à la Nick Cave spielten. „Anrüchige Känguruhs“ titelte die Tageszeitung Junge Welt damals. Geschwister im Geiste sind Infamis, denen es mit der Live-Aufnahme „Auf Grund“ gelingt, das Publikum als Ambient-Tonspur agieren zu lassen.

Infamis waren eine der erklärten Lieblingsbands von Bert Papenfuß. Der Schriftsteller hat für die Compilation den wahrscheinlich ersten und einzigen Werbetext seines Lebens geschrieben. Nachzulesen ist er in der letzten Publikation, die Papenfuß zu Lebzeiten beenden konnte. Ihr Titel „Empörung und Entrüstung“ sollte so programmatisch wie doppeldeutig verstanden werden.

Papenfuß schreibt darin respekt-, aber nicht lieblos über die Musik, die für ihn relevant war; er schont weder Koryphäen wie die britischen Anarcho-Punks Crass noch den Jazzrock-Linken Robert Wyatt. In einer Fußnote versteckt er das Lieblingsalbum von Wolfgang Grams. Über die Compilation, die Papenfuß „umgehauen hat“, sagt er einen Absatz später: „Von revolutionärer Unrast kündet das ‚Elmsfeuer‘ allerdings nicht, sondern von herbeikommerzialisierter Bedrohung und der allgegenwärtigen Gefahr von diesem und jenem.“

Die Wahlumfragen des Jahres 2026 muss Bert Papenfuß, ein Anarchist, der auch schon mal wählen ging, nicht mehr lesen. Seinem Verleger Ralf Friel verschlägt der 6. September in Sachsen-Anhalt erst einmal die Sprache, bis er vorsichtig sagt: „Wer jetzt ‚linksgrün und versifft‘ im Mund führt, hätte damit im Herbst 1989 die Demonstranten gemeint und selbst hinter der Gardine gestanden.“ Friel weiter: „Freiheit heißt auch Verantwortung und Eigeninitiative.“ Sein Autor Papenfuß unterschied übrigens genau zwischen „Freiheit“ und „Befreiung“.

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