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Kunstfestival Manifesta 16 Ruhr eröffnetStaub in der Pantoffelkirche

„This is not a church“ heißt die nun eröffnete Manifesta 16 Ruhr. Sie will mit Kunst leerstehende Kirchen umschreiben. Sehenswert, obwohl es nicht immer gelingt.

Das Ruhrgebiet ist Beton. Auch schöner Beton. Wie der grobe Waschbeton im Lehmbruck Museum Duisburg. Ganze weiße Steine quellen aus ihm heraus. Ihre weichen Rundungen finden sich sogleich in den riesigen konvexen Betonschalen wieder. Mit meterhohen Glasstreifen hat der Architekt Manfred Lehmbruck, Sohn des modernen Bildhauers Wilhelm Lehmbruck, sie verbunden. Das sieht dann so aus, als stünden diese Museumswände frei herum.

Man merkt dem Gebäude an, wie man 1964, als es entstand, versuchte, die Schwere des Zweiten Weltkriegs, die Last der deutschen Vergangenheit und der hiesigen Stahlindustrie durch eine leichte, moderne Architektur wegzuspülen. Innen übersieht man, was außen ist. Auch jetzt noch: die desolate Autostraße gleich hinterm Museum, die eine zerschossene Duisburger Innenstadt umkreist, wo sich heute abgeranzte Kaufhäuser, Ladenleerstand, vereinzelte Altbauten und ewige Baustellen abwechseln. Duisburg, noch immer Sitz der mächtigen Thyssenkrupp Steel Europe AG, hat viele Probleme. Im Stadtteil Marxloh lebten kürzlich 71 Prozent der Minderjährigen in Kinderarmut, schreibt der Stadtplaner Joseph Bohigas.

Duisburg ist neben Bochum, Essen und Gelsenkirchen einer von vier Standorten der Manifesta 16 Ruhr, der nun eröffneten europäischen Wander-Kunstbiennale. Zuvor fand die Manifesta in einzelnen Städten statt – Marseille, Prishtina, zuletzt Barcelona – dieses Mal mit dem Ruhrgebiet in mehreren zugleich. Bohigas spricht lieber von einem „polyzentrischen Gebiet“.

Die Ausstellung

„This is not a church“. Manifesta16 Ruhr, bis 4. Oktober 2026. www.manifesta16.org

Bohigas, den manche von seinen verkehrsberuhigten, wiederbegrünten „Superblocks“ aus Barcelona kennen, ist der sogenannte First Creative Mediator der Manifesta 16 Ruhr. Er hat ihr räumliches Konzept entwickelt – dezentral, zwölf Ausstellungen in zwölf Kirchen der Nachkriegszeit, zumeist in Wohnquartieren an den zersiedelten Stadträndern. Denn die Manifesta-Organisation will nicht nur die Kunst von 107 internationalen Künst­le­r:in­nen zeigen, zusammengestellt von sieben weiteren Kurator:innen. Sie will auch mit einer „Urban Vision“ daherkommen, wie denn dem Strukturwandel, dem Klimawandel, dem allseitigen Wandelwandel im Ruhrgebiet stadtplanerisch zu begegnen sei.

Das scheint auch Politiker wie den SPD-Mann Frank Dudda, Präsident des RVR Ruhrparlaments, überzeugt zu haben, die Wanderbiennale bis Oktober überhaupt an die Ruhr zu holen – und, wie Dudda sagt, 70 bis 80 Prozent ihres rund 10 Millionen Euro hohen Gesamtbudgets bei den hiesigen, allem Niedergang der Montanindustrie zum Trotz doch recht liquiden Firmenstiftungen einzuwerben.

Und so stellt sich auf dieser Manifesta eine Art Ping-Pong-Spiel ein zwischen der städtebaulichen Studie Bohigas, zu der eine ausführliche Publikation erschienen ist, und der ausgestellten Kunst. Mal untermalt die Kunst Bohigas’ Beobachtungen, mal widerspricht sie oder zeigt ganz eigene Blickwinkel.

Die Ewigkeitslast

Für Bohigas ist das Ruhrgebiet eine „organische, dezentrale Struktur“, mit „materiellen Spuren seiner industriellen Vergangenheit“. Wie tief die Spuren sitzen, demonstrieren in der Christ-König-Kirche die langsamen, sterilen Kamerafahrten in einem Video von Niklas Goldbach entlang der Betonwände und mächtigen Maschinen eines Wasserpumpwerks. Wie eine technoide Big-Brother-Dystopie sieht das aus, ist aber Ausdruck eines realen Problems: die Ewigkeitslast. Infolge des jahrhundertelangen Kohleabbaus muss die Region für immer mithilfe massiver Technik entwässert werden, sie würde sonst überflutet. Dass diese Ewigkeitslast schon in spirituelle Sphären hineinragt, zeigt eine schwarze Madonna von Mirosław Bałka aus Kohle und Stahl, die ewig anzubetende.

Bohigas konzentriert sich in seiner Studie mehr auf die soziale Struktur des Ruhrgebiets, in ihr habe sich das Prinzip der Quartiere eingeschrieben. Die ursprünglichen Arbeiterquartiere rund um die Industriewerke, in denen „viele Eingewanderte aus diversen Herkunftsländern“ leben. Hier sei Arbeit lange die „gemeinsame Identität“ gewesen. Wie ignorant aber die öffentlichen Stellen ebenso lange gegenüber dieser gewesen sein müssen, verdeutlicht Pinar Öğrenci in ihrer Videocollage „Glückauf Deutschland“. Vergeblich suchte die Künstlerin im Archiv des Ruhr Kunst Museums Essen nach Darstellungen von Migrant:innen, die doch spätestens seit den Anwerbeabkommen der 1960er Jahre die Ar­bei­te­r:in­nen­kul­tur im Ruhrgebiet prägten. Erst ab den 1980ern konnte Öğrenci sie auch in den Mediensammlungen finden.

Aber bei diesen Quartieren setzt Bohigas an, hier ließe sich umsetzen, was mit dem beliebten Claim „Recht auf Stadt“ gefordert wird: ein gemeinschaftliches Gestalten des Wohnumfelds. Und hier kommt auch wieder die leichte, vergangenheitsvergessene Architektur der Nachkriegsmoderne ins Spiel. Denn das städtebauliche Zentrum dieser Quartiere ist – zumeist autogerecht hinter einem Parkplatz versteckt – eine Kirche.

„Pantoffelkirche“ ist das Konzept. Das hatte der erste katholische Bischof im Ruhrgebiet, Franz Hengsbach, eingeführt, der nach dem Krieg die neu zu bauenden Gotteshäuser eben so nahe an den Wohnungen der Leute haben wollte, dass man sich nur die Pantoffeln anziehen musste, um sie zu erreichen. Heute sind sie häufig leer und entweiht. Sie gehören zu den 20.000 Kirchen, die in den nächsten Jahren deutschlandweit funktionslos herumstehen werden. Die Kirchenfrage wird mittlerweile rege in Stadtplanung und Denkmalpflege diskutiert.

12 solcher entweihten Kirchen bespielt die Manifesta mit Kunst, „This is not a church“ ist der Titel der gesamten Schau. Tolle Bauten sind dabei: Die Liebfrauen-Kirche in Duisburg hat transparente Faltwände, die kleine Markuskirche in Essen hat ein kristallin geformtes Dach, das nur an vier Punkten auf dem Hauptschiff aufsitzt und gleich abzuheben scheint. Augustas Serapinas hat dort für die Manifesta Kirchenbänke zu einem perfekten quadratischen Objekt verarbeitet – Minimal Art, Kanzel und Aussichtsturm zugleich. Die Thomaskirche in Gelsenkirchen ist von den Architekten Fred Jankowski und Albert Wittig 1965 zu einer lichten Skulptur durchdesignt, wie konkrete Kunst ragen Quadrate als abstraktes Relief aus der Altarrückwand hervor, die grazile Treppe scheint zu schweben.

In der Thomaskirche fragt der Kurator Gürsoy Doğtaş, welche menschlichen und gesellschaftlichen Bedingungen eigentlich hinter den Gegenständen der Gestaltung stecken. Er lässt die geometrischen Textildrucke von Atiye Altül aus den 1970ern aufhängen oder über die Kirchenbänke eine drei Meter hohe Skulptur von Bettina Allamoda mit einer Lkw-Plane aus PVC aufstellen. Das Material steht für Gütertransport, Grenzübertritt, Industrieproduktion, Arbeitskraft, Ausbeutung. Gleichsam sind Textilien auch kulturelle Symbole. Wie das Kopftuch, das die erschöpft eingenickte Frau auf der Porträtmalerei von Mehmet Aksoy trägt. „Eine Akkordarbeiterin in der U-Bahn“ heißt das kleine Gemälde von 1983, angefertigt in Deutschland.

Man kann sich auf dieser Manifesta fragen, ob die „Urban Vision“ von Bohigas aufgeht. Ob sich wirklich für die Kirchen durch die Kunst neue Nutzungen ergeben. Für St. Josef in Gelsenkirchen hat schon einmal eine örtliche Basketball-Gruppe angemeldet, sie zum ständigen Sportfeld umwandeln zu wollen. Ansonsten aber werden die Bauten während der Manifesta vielmehr wie eigene Kunsthallen betrachtet. Jede ist sehenswert.

Die von Leonie Herweg und dem deutschen Kuratorenaltmeister René Block programmierten Schauen in zwei Essener Kirchen arbeiten sich viel an den Formalitäten der einst sakralen Räume ab. Katharina Fritsch hängt ein leuchtend lila bemaltes Kreuz aus knochigen Holzästen ins dunkle Backsteinschiff und Jason Dodge führt die Zersetzung des abrissfälligen Baus fort. Zur Unkenntlichkeit häufte er vorgefundene Materialien und Mobiliar – Kirchenbänke, Schränke, ein Bett – zu seltsamen, funktionslosen Gestalten zusammen. Und Ayșe Erkmen hat einen KI-Beichtstuhl eingerichtet. Man spricht in einer schalldichten Glaskapsel zu einem göttlich-gleißend-hell erleuchteten Flachbildschirm.

Und manchmal denkt man vielleicht doch, dass sich diese leerstehenden Kirchen umschreiben lassen, schon durch den simplen Akt des Umbenennens. Bei der Sankt Bonifatius-Kirche in Gelsenkirchen hat das Bureau Baubotanik einen Kräutergarten eingerichtet, wo man sich Tees zubereiten kann. Benannt ist der Garten nach Ferdane Satir, einer Bewohnerin Duisburgs, einer Mutter, Bürgerin und Opfer eines rassistischen Mordanschlags 1984.

Das Schicksal von Ferdane Satir ist eine von vielen schweren Geschichten der Migrant:innen, die hier auftauchen auf der Manifesta. Man kann diese schon allein über den Namen des Ortes in den Alltag holen, inmitten eines Wohnquartiers, wo auch über die Fußball-WM hinaus so viele Deutschlandflaggen an den Häusern hängen, dass es einen graust. Auch die schöne, leichte Nachkriegsarchitektur darf mit solchen Namen wie Ferdane Satir behangen werden, mag sie sich ästhetisch noch so sehr von der Geschichte lösen wollen.

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