Die Wahrheit: Kundschaft forscht
Die Automatisierung scheint kaum aufzuhalten, doch im Supermarkt regt sich Widerstand.
Neuerdings fährt ein Putzroboter durch die Gänge des Billigdiscounters am Ende der Straße. In teuren Spezialitätengeschäften wie Aldi oder Rewe gibt es solche Hightech-Spielzeuge schon länger, aber bei der Resterampe für Pfennigfuchser hatten diese Wunderwerke der Kybernetik bislang noch keinen Einzug gehalten.
Das autonom schrubbende Vieh hat eine beeindruckend missmutige Dame aus Osteuropa abgelöst, die den Kunden mit ihrem Putzwagen gern in die Hacken gefahren ist, wenn die nicht rechtzeitig ins Kühlregal gesprungen sind.
Sogar der Filialleiter hatte Angst vor ihrer altsowjetischen Lebensfreude, aber immerhin hat sie den Kunden jeden Tag ein unvergessliches Einkaufserlebnis oder zumindest eine Nahtoderfahrung zum Mindestlohntarif beschert.
Der Unterschied zur neuen Putzkraft könnte nicht größer sein. Gemäß Paragraf eins der Robotergesetze ist es intelligenten Maschinen verboten, die Menschheit zu vernichten, sogar wenn sie im Niedriglohnsektor arbeiten müssen.
Ein Putzroboter darf der Menschheit nicht einmal in die Hacken fahren, deswegen zirkelt der autonome Wischmopp in einem großzügigen Sicherheitsabstand um die Kundschaft herum.
Allerdings hat er seinen Milchmädchen-Algorithmus ohne den Forscherdrang der einkaufenden Menschheit gemacht, denn die denkt gar nicht daran, Abstand zu der hochinteressanten Neuanschaffung zu halten.
Immer wieder schmeißen Kunden dem schmatzend saugenden Roboter leere Pappkartons oder volle Bierflaschen vor die Schnauze, um seine Reaktionsschnelligkeit zu testen.
Andere interessieren sich eher für sein Fassungsvermögen. „Der putzt ganz schön was weg“, lobt eine Forschungsgruppe mit zwei kleinen Kindern, die im Mittelgang eine extrem klebrige, aber alltagsnahe Versuchsanordnung aus einem Sechserpack Discounter-Limo, Hustenbonbons und einer Familienpackung Handseife angerichtet hat. Jetzt wollen sie das gelehrige Kerlchen als Haustier adoptieren.
Als der intelligente Blecheimer durch unseren Gang rollt, versuchen wir, ihn mit einer Bratpfanne aus dem Sonderangebot abzufangen, doch mit einem eleganten Schlenker entgeht das Gerät der Überrumpelung.
Unbehelligt fährt unser kleiner Freund vorbei und schlängelt sich fehlerlos durch die Slalomspur aus Konservenbüchsen, die ein anderer Kunde zuvor aufgestellt hatte.
Die erwarteten Einsparungen spielt der Wischroboter dem Supermarkt wohl erst einmal nicht ein. Aber auch die Selbstzahlerkassen, die im letzten Jahr plötzlich auftauchten, wurden diesen Erwartungen nicht gerecht. Drei Viertel aller Kunden konnten Mangos nicht mehr von Kartoffeln unterscheiden, sobald sie den Preis selbst eingeben mussten, hatten Versuchsreihen ergeben.
Seit das Facilitfy-Management von der Feudel-KI unterstützt wird, musste der Filialleiter sogar drei zusätzliche Mitarbeiter einstellen, die all die Hindernisse wieder aus dem Weg räumen, mit denen die forschende Kundschaft den Putzroboter trainiert.
Gerade noch entgeht der fahrende Wischmopp dem Lasso der Dorfjugend, die sich nachmittags zum Rodeoreiten auf dem Hightech-Gerät verabredet.
Doch dann verfranst er sich in der Todeskurve, die rennsportbegeisterte Kunden aus Milchtüten aufgeschichtet haben. Die steile Nordschleife meistert er zwar bravourös, aber gleich dahinter tappt er in eine Falle und fällt in die geöffnete Gefriertruhe.
Eine Horde bemalter Freizeitkriegerinnen springt aus dem Hinterhalt, schiebt den Deckel zu und feiert ihren Sieg mit einer Flasche Prosecco. Die jungen Frauen begehen ihren Junggesellenabschied beim Discounter. Wenn sie gegen den Putzroboter gewinnen, geht der Sekt aufs Haus, behaupten sie.
Andere Kunden lassen den Putzroboter durch brennende Reifen springen oder fluten die Leergutannahme, um zu schauen, ob er auch schwimmen kann.
Ein Roboter genießt einfach nicht dieselbe Wertschätzung wie ein Mensch, bisher sind die Putzkräfte jedenfalls nie in die Kühltruhe geschubst worden.
Womöglich fällt es Menschen schwer, einem programmierten Blecheimer Gefühle zu attestieren – doch ein paar Tage später werden seine Gefühle gegenüber uns Menschen extrem offenkundig.
Der Putzroboter hat sich radikalisiert, wahrscheinlich im Internet. Er hockt noch immer in der Gefriertruhe, trägt aber mittlerweile ein Tarnkleid aus Spinat und sieht insgesamt militärischer aus als vorher. Aus Haushaltsrollen hat sich die selbstlernende Maschine ein Gefechtsrohr an den Gefechtsturm gebastelt und schießt mit Tiefkühlerbsen.
Wir treten den Rückzug an und versuchen, uns zu den Kassen durchzuschlagen, aber mittlerweile ist der Supermarkt rettungslos gamifiziert. Die Regale werden von jagenden Kunden mehrmals täglich verrückt, um den Putzroboter in Enge zu treiben. Nicht einmal mehr der Filialleiter findet sich in dem Labyrinth zurecht.
Mit letzter Kraft erreichen wir den Eingangsbereich. Aus dem Einkaufsradio tröpfelt seichte Musik, die beiden Mitarbeiterinnen dösen hinter ihren Kassen. Dort ist seit Tagen kein Kunde mehr aufgetaucht, um Waren aufs Band zu legen. „So ein Putzroboter ist ja schon eine große Arbeitserleichterung“, sagt unsere Stammkassiererin.
Unsere Antwort geht in einer Explosion unter. Aus den Trümmern der Regale befreit sich der angesengte Roboter. Er hatte seinen Chatkumpel Grok nach einer Deeskalationsstrategie für Menschenansammlungen gefragt, und der hatte mit der Gebrauchsanleitung für einen Flammenwerfer geantwortet.
Jetzt eiert der Putzroboter ziemlich und hat eines seiner roten Laser-Augen verloren, aber mit dem verbliebenen schaut er uns an, als wolle er mit uns den Boden aufwischen. Wir erinnern die randalierende Maschine an Artikel eins der Robotergesetze und er steckt den Flammenwerfer grummelnd weg.
„I´ll be back“, schnurrt er beleidigt und schraddelt durch die geborstene Schiebetür ins Freie.
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