Kultur möglichst ohne Staat: Wenn Museen zu Investmentbanken werden
Das Frankfurter Städel Museum will sich von Politik und öffentlichen Geldern finanziell unabhängig machen. Das Modell Endowment Museum ist ambivalent.
Das Frankfurter Städel Museum will unabhängig sein. Von der Politik, von öffentlicher Förderung. Und es geht dafür einen neuen Weg. Das Kunstmuseum will seine Finanzierung über den Aufbau eines sogenannten Endowments in einem eigenen Futur Funds langfristig sichern. Die Idee hinter einem solchen Endowment, also einer „finanziellen Ausstattung“, für deren Rechtsform aus dem Angelsächsischen es im Deutschen noch keinen Fachbegriff gibt, ist simpel. Es wird ein Kapitalstock aufgebaut, der nicht das Museum direkt finanziert, sondern an den Finanzmärkten investiert wird. Die dabei entstehenden Kapitalerträge kann das Museum als zusätzliche Einnahmequelle verwenden.
Das könnte ein alternativer Weg sein für Kulturinstitutionen, ihre Finanzierung eigenständig sicherzustellen. Denn von ihrem Wesen her passen sie nicht in eine kapitalistische, auf Profitmaximierung ausgerichtete Welt. Kultur lässt sich nicht wie ein x-beliebiges Wirtschaftsgut behandeln.
Ist Kultur aber von einer staatlichen Finanzierung abhängig, wird sie schnell zum Opfer der Austerität. Ob in Frankreich, wo der Kulturetat in einigen Regionen um bis zu 70 Prozent einbrechen könnte, in den USA, wo die Republikaner alles daran setzen, die nationale Kulturförderung mit der Abwicklung des National Endowments for the Arts zu zerstören (bisher ohne Erfolg), oder in Berlin, wo die Kürzungen der schwarz-roten Regierung die Existenz der freien Szene bedroht – der Rotstift wird gern bei der Kultur angesetzt.
Dass eine rein staatliche Finanzierung auch keine Garantie für künstlerische Unabhängigkeit ist, zeigt sich anhand des weltweiten Rechtsrucks. Eine öffentlich finanzierte Kultureinrichtung ist vom Wohlwollen der amtierenden Regierungen abhängig. Das wird aktuell in Sachsen-Anhalt deutlich, wo die AfD – in Umfragen stärkste Kraft – von einer „patriotischen Wende“ in der Kulturpolitik spricht, um die deutsche Identitätsstörung von linken Einflüssen „zu heilen“. Dafür will die AfD nur noch „solche Kunst fördern, die einen Beitrag zu deutscher Identitätsfindung leistet“.
Das Risiko der Selbstzensur
Solche Entwicklungen können schlimmstenfalls dazu führen, dass Kulturinstitutionen bereits vor dem Entzug von Mitteln zur Selbstzensur greifen. Selbst im Zuge von Wolfram Weimers Affäre um den Deutschen Buchhandlungspreis zeichnen sich in der Kulturszene erste Ansätze dahin ab. In einer Recherche des Deutschlandfunks gaben verschiedene Vertreter*innen auch größerer Institutionen an, künftig auf die Einreichung explizit politischer Projekte zu verzichten. Dass diese Sorgen nur anonym geäußert werden, zeigt das Problem der Selbstzensur: In aller Regel findet sie im Verborgenen statt und führt dazu, dass kulturelle Vielfalt schleichend verschwindet.
In diesem Spannungsfeld zwischen Markt und Staat geht das Frankfurter Städel als Endowment Museum nun seinen eigenen Weg. Sein Future Fund soll 100 Millionen Euro umfassen, wie Direktor Philipp Demandt bekanntgab. Bisher sind durch Zuwendungen von Privatpersonen und Stiftungen bereits 10 Millionen Euro zusammen gekommen. Ein Viertel der anvisierten Summe wird in den kommenden Jahren außerdem über Erbschaften hinzukommen, die dem Museum schon zugesagt wurden.
Damit steht das Städel in einer Reihe europäischer Kulturinstitutionen, die in der jüngeren Vergangenheit angefangen haben, eigene Fonds aufzubauen: Das Tate Modern in London will bis 2030 einen Kapitalstock von 150 Millionen Pfund beisammen haben, seit seinem Start 2009 ist das Endowment des Louvre auf über 200 Millionen Euro angewachsen.
Im Vergleich zu den USA, wo diese Finanzierungsform deutlich populärer ist, wirken diese Summe beinahe bescheiden. Die 45 größten US-Museen verfügen gemeinsam über Endowments, die weit über 40 Milliarden US-Dollar liegen. Häuser wie das Museum of Modern Art (MoMA) oder das Metropolitan Museum of Art in New York verfügen über Kapitalstöcke, die jenseits der eine Milliarde Dollar liegen. Aber selbst das wirkt wenig im Vergleich mit den Endowments der US-Universitäten. Harvard allein verfügt über Kapital in Höhe von 56,9 Milliarden US-Dollar.
Der Vorteil solcher Endowments ist offenkundig: Es ermöglicht einen unabhängigen Einkommensstrom. Anders als laufende Spenden, die theoretisch jederzeit eingestellt werden können, sind Zuwendungen zu einem Endowment nur noch unter besonderen Umständen rückgängig zu machen. So kann ein Museum in der Theorie ein Stück Unabhängigkeit nicht nur gegenüber staatlicher Finanzierung, sondern auch den eigenen Gönnern erlangen. Die Frage ist nur: zu welchem Preis?
Moral versus Ertrag: ein neuer Zielkonflikt für Museen
In den vergangenen Jahren mussten sich Museen weltweit immer wieder für die Machenschaften ihrer Spender*innen rechtfertigen. Die Sackler-Familie dürfte das prominenteste Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit sein. Die Sacklers haben in den USA Milliarden US-Dollar mit der Produktion und dem Verkauf des Schmerzmittels Oxycodon verdient, wissentlich die Suchteffekte heruntergespielt und damit maßgeblich zur Opioidkrise beigetragen. Der Dokumentarfilm „All The Beauty And The Bloodshed“ (2022) zeigt den emotionalen Kampf der Fotografin Nan Goldin, die selbst abhängig von Oxycodon war, gegen zahlreiche der berühmtesten Museen der Welt, die prominent den Namen der Sacklers als philanthropische Unterstützer präsentieren. Am Ende siegte Goldin (teilweise) und Museen wie das MoMA entfernten Hinweise auf die Sackler-Familie.
Durch Endowments entstehen nun ganz neue moralische Dilemmata. Nicht mehr die Quelle, aus der das Geld stammt, ist entscheidend, sondern wie dieses investiert wird. 2022 kam eine Studie zu dem Ergebnis, dass über zwei Drittel der US-Museen keinerlei bindende Standards haben, wie das Geld ihres Kapitalstocks eingesetzt werden darf. In der Theorie kommen also auch Rüstungsunternehmen oder Erdölkonzerne als Investitionsobjekt infrage, wenn ihre Aktien (oder die Fonds, von denen sie Teil sind) genug Rendite abwerfen. Für Außenstehende ist de facto nicht zu erkennen, wie genau solche Endowments investiert werden. So heißt es beispielsweise in den Finanzberichten des MoMA für die Jahre 2024 und 2025 schlicht: „Das Endowment des Museums setzt sich schätzungsweise aus 164 einzelnen Fonds zusammen, die für verschiedene Zwecke eingesetzt wurden.“
Und wie geht das Städel mit diesem Spannungsverhältnis um? Auf Anfrage der taz erklärte das Museum: „Die Anlagestrategie orientiert sich an den Werten des Hauses und stellt sicher, dass alle beauftragten Vermögensverwalter die Nachhaltigkeitsziele des Städel Museums respektieren.“ Ein Nachsatz ergänzt allerdings, dass „diese Ziele stets im Einklang mit der treuhänderischen Verantwortung verfolgt [werden], eine langfristig stabile und nachhaltige Ertragskraft des Endowment zu sichern“. Im Klartext ergibt sich daraus ein Zwiespalt zwischen den eigenen Werten und nachhaltigen Erträgen.
Die „treuhänderische Verantwortung“ Erträge zu erzielen
Abgesehen davon, dass Endowments sowieso nur für die renommiertesten Häuser als realistische Finanzierungsoption infrage kommen, ist dieser neue Zielkonflikt die größte Herausforderung, die damit einhergeht. Potenziell kann so der Charakter eines Museums verändert werden. Künstlerische und ethische Überlegungen stehen noch deutlicher der „treuhänderischen Verantwortung“ gegenüber, Erträge zu erzielen; aus einer Kultur- wird eine Investmentinstitution.
Ein weiterer Aspekt von Endowments kann sich als problematisch herausstellen: seine psychologische Wirkung in der Öffentlichkeit. Während der Coronapandemie gab es in den USA das Argument, Museen, die über Millionen oder gar Milliarden schwere Fonds verfügen, hätten keinen Bedarf an öffentlichen Mitteln, um die Krise zu überwinden. Den eigenen Endowment-Fonds anzuzapfen, ist wiederum rechtlich gar nicht immer möglich. In der öffentlichen Wahrnehmung können diese Millionensummen trotzdem dazu führen, dass die Bereitschaft zu spenden oder zur öffentlichen Finanzierung abnimmt, was wiederum die Ausstattung des Museums selbst gefährdet. Die Renditen aus dem Endowment sind eine zusätzliche Einnahmequelle, die in der Regel nicht in der Lage ist, andere (wie Ticketverkäufe, staatliche Zuschüsse, Spenden, etc.) komplett zu ersetzen.
Dennoch liegt im Weg des Städels auch eine Vorbildfunktion. Immer wieder betont Direktor Philipp Demandt, wie eng verwachsen das Städel mit der Frankfurter Stadtgesellschaft ist. Diese Verbindung zwischen kulturellen Einrichtungen und den Menschen, für die sie ihr Angebot machen, muss alternativen Finanzierungsmodellen auch an kleineren Orten zugrunde liegen. Sich im Alltag seiner Stadt oder Region zu verankern und als Identifikationsobjekt zu dienen, ist die beste Strategie, um sein langfristiges Bestehen zu sichern. Dabei bleibt es eine permanente Herausforderung für jedes künstlerische Programm, einerseits unabhängig, nach ästhetischen Kriterien ausgerichtet zu sein, und andererseits so zu gefallen, dass auch das Geld von privater Seite kommt.
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