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Kultur-Wochenende in BerlinErschöpft, aber verzaubert

Der Sommer in Berlin neigt sich dem Ende zu. Dafür drehte die Kultur auf, etwa beim Tanz im August, der Deutschen Oper und der Langen Nacht der Museen.

A n einem Freitagvormittag schleicht sich beim Blick in den Kalender das Gefühl ein, der Sommer sei wieder einmal zu schnell vorbeigerauscht. Also noch einmal hinaus, dem flüchtigen Rest Wärme hinterher. Doch über dem Prinzenbad liegt Grau wie ein schweres Tuch, und aus dem kalten Wasser ragen nur vereinzelt kraulende Arme.

Am Abend dagegen gerät alles in Bewegung. Arme wirbeln wie Propeller durch die Luft, Schultern schnellen hoch, Luftgitarren werden gespielt, Oberschenkel klatschen im Takt. Im Rahmen von Tanz im August führt die Kompanie En–Knap das von der Bauhaus-Ästhetik inspirierte Stück „Masterwork For Six Dancers“ auf. Mal drehen sich die Tän­ze­r:in­nen wie Kreisel um die eigene Achse, mal hüpfen sie in schwarzen, sackartigen Ganzkörperkostümen über die Bühne oder trippeln als Dreiecke durch Nebelschwaden. Bunt, akrobatisch und voller Energie ist diese Veranstaltung, die mit meiner Fahrradfahrt in den lauen Abend endet.Am Samstag ziehen Kröten, Ratten und Fledermäuse mit einem Chor, der Stücke aus der Oper „Lucia di Lammermoor“ singt, durch Charlottenburg. Auch ich bin Teil dieser Prozession: Ich trage den beigefarbenen Anzug einer namenlosen Figur aus „L’italiana in Algeri“. Mit dem zugehörigen rot-weiß gestreiften Hut bleibe ich zuverlässig an allem hängen, was niedriger ist als eine Opernbühne. Höhepunkt der Parade ist ein Trompetenkonzert unter freiem Himmel. Eine Kröte und ein Kardinal tanzen dazu Walzer, während ein kleines Mädchen ihren als Pferd verkleideten Vater am Zügel umherführt. Wenn Tiere und Fabelwesen Oper und Trompete lauschen, kann das Theater nicht weit sein. Und genau dorthin zieht die Schar nun zurück.

Düfte für einen erhöhten Serotoninspiegel

Im Innern der Deutschen Oper, die an diesem Wochenende für Be­su­che­r:in­nen geöffnet ist, mischen sich die Düfte „Body Sweat“ und „Erde“. Eigens dafür kreiert sollen sie den Serotoninspiegel erhöhen. Begleitet von ihnen erfolgt noch ein Gang über die Bühne. Immer weiter öffnet sich eine Welt, die diejenigen, die sie betreten, irgendwann verschluckt. Als sie einen wieder freigibt, ist es beinahe Abend. Wehmütig lasse ich mein neugewonnenes Ich zurück und ziehe weiter zur Langen Nacht der Museen.

Kurz darauf sitze ich mit meiner Verabredung im Bode-Museum. Ausgerechnet an jenem Ort, an dem 2017 eine hundert Kilogramm schwere Goldmünze spurlos verschwand, geht es auch heute um Kunstdelikte. Diesmal allerdings bleiben die spektakulären Fälle in sicherer Entfernung: René Allonge, Leiter der Abteilung Kunstdelikte beim LKA Berlin, und Stefan Simon, Direktor des Rathgen-Forschungslabors, führen durch eine Welt kühner Diebstähle, kunstvoller Fälschungen und jener seltenen Momente, in denen die Täuschung Risse bekommt. Zu den Überführten, von denen sie erzählen, gehören die Münzdiebe und Wolfgang Beltracchi, der wohl bekannteste deutsche Kunstfälscher.

Im Anschluss an das Gespräch in die Ausstellung entlassen, führt der Weg vorbei an Gemälden, Skulpturen und jahrhundertelang gestapelter Geschichte. Bis wir schließlich vor dem Abbild Merkels stehen. Ob sie sich hier zwischen Marienskulpturen und Porträts überwiegend männlicher Figuren wohl fühlt?

Danach geht es weiter in die Berlinische Galerie und damit auf eine Zeitreise durch die Architektur der DDR und, trotz bleierner Müdigkeit, in den Gropius Bau. Dort hält Marina Abramovićs bewegende Kunst für die Dauer des Rundgangs wach, bis wir erschöpft den Heimweg antreten.

Der Sonntag wiederum beginnt spät. Von Café zu Café trägt sich mein müder Körper, bis er sich zu klassischer Musik in einen Tagtraum paradierender Tiere verabschiedet. So klingt das Wochenende aus: erschöpft, aber verzaubert, mit Fabelwesen, Kunst und Überresten von Sommer im Kopf.

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Rahel Bueb

Rahel Bueb

Rahel Bueb hat Sozialwissenschaften (BA) und Globalgeschichte (MA) studiert. Sie ist Co-Gründerin und Herausgeberin des DISPUT-Magazins, in dem sich einige ihrer zentralen Interessen vereinen: Journalismus, Fotografie und Literatur mit Fokus auf gesellschaftspolitische Themen.
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