Niemand kann einfach so verschwinden: Feeling all the feels
Bei einer Geburtstagsfeier im Freien gibt es viele Umarmungen. Unter das Lachen mischen sich auch Tränen.
Foto: Jochen Eckel/dpa
W as haben eigentlich unsere Eltern in den Novembern und Dezembern der 1970er- und 80er-Jahre gemacht? Und wir – einige von uns – in den gleichen Monaten der ausgehenden Nullerjahre, der 2010er und 20er? Kinder, wie es scheint. Anders ist die Häufung von Augustgeborenen zumindest in dieser Bezugsgruppe nicht zu erklären. Gezeugt in der Kälte, hineingeboren in die anschwellende Hitze. An zwei von drei Tagen wird jemand ein Jahr älter.
An einem Tag in diesem August, am Sonntag, feiern wir den Geburtstag eines Menschen, der seit nicht einmal zwei Wochen nicht mehr älter wird. Als wir uns im Park treffen, hat der Regen die Glut des Vortages gelöscht und sich dann höflich verzogen. In der Signalgruppe namens J. ❤, die innerhalb kürzester Zeit auf 29 Mitglieder angewachsen war, hatten wir lediglich vereinbart, uns am Nachmittag zu treffen. Mehr braucht es auch nicht für Picknickdecken, Getränke, acht Sorten Kuchen.
Längere und festere Begrüßungsumarmungen als sonst. Jemand bringt zwei Hängematten an. Der Plan, dass wir uns alle in eine hineinlegen würden, klingt in manchen Ohren schön, in manchen nach leisem Unwohlsein und wird schließlich aus ganz praktischen Gründen (also: Platz und Tragfähigkeit) nicht umgesetzt. Die Kids übernehmen.
Unser Rudel ist größer
Es bilden sich kleine und größere Gruppen. Immer wieder bricht jemand in Tränen aus, in Kichern oder lautes Gelächter, oft vermischt sich alles. Mehr Umarmungen. A. hatte die Idee, von allen Kerzen einzusammeln, die die Familie im kommenden Jahr anzünden kann. D. sagt, wir müssten all die Geschichten, die wir uns hier über J. erzählen – wie wir uns an sie erinnern –, auch ihren Kindern erzählen.
Sagt, sie kann sich nicht entsinnen, dass es in ihrer Kindheit auch nur einen Todesfall im Freund*innenkreis ihrer Eltern gegeben hätte. Nachdenkliches Zustimmen. Die einzige schöne Erklärung, die uns dazu einfällt, ist: Unser Rudel ist größer. Wir sind auf so viele Arten und Weisen über Ozeane und Kanäle hinweg miteinander verbunden, dass niemand verschwinden kann, ohne dass es alle wissen und betrauern.
Am südlichen Ende des Landes feiert gleichzeitig J.s Familie, drei Generationen, fast noch einmal genauso viele Menschen. Wir tauschen Gruppenfotos aus. Auch dort scheint die Sonne auf die Wiese, auch dort stehen manche Hand in Hand neben anderen hinter verschränkten Armen und Sonnenbrillen, während wieder andere lachen.
Dann der Gedanke: Es ist ja auch ein Glück, jede*n Tote*n in Ruhe und Frieden, im vertrauten Rudel und mit acht Sorten Kuchen betrauern zu können. Um nicht zu sagen: dürfen. Morgen stehen die nächsten beiden Geburtstage an.
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