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Kult-Moped Simson gegen die AfDEin Fall von kultureller Aneignung

Die Simson war in der DDR beliebt und ist heute Kult – vor allem unter Rechten. Jetzt wehrt sich die jüdische Simson-Familie gegen die Vereinnahmung.

Jugend im Osten, unterwegs auf einer Simson Foto: Thomas Trutschel/imago

S 50 oder 1,5er – das war die Frage im Osten. Oder anders gesagt: Krauchst du noch oder fährst du schon? Kleine Erinnerungshilfe für grauhaarige Ostdeutsche, große Aufklärungskampagne für ratlose Westdeutsche: S 50, die Simson, war eines der beliebtesten Mopeds in der DDR, ein Zweitakter mit drei Gängen und einer Maximalgeschwindigkeit von rund 60 km/h. Wer mit der „S fuffzig“, wie das Ding im Osten vor allem genannt wurde, von Berlin an die Ostsee krauchte, brauchte schon mal 13 Stunden – auf der Landstraße, klar, denn auf die Autobahn durfte das Moped nicht.

Die 1,5er hingegen, ein Zweitakt-Motorrad, brachte es mit seinen vier Gängen schon mal auf 100 km/h. Cool waren die Jungs mit einer 1,5er. Die mit der S 50 wurden nur gebraucht, wenn man im Sommer mal rasch an den nächsten Badesee wollte.

Die Simson wird heute im Osten überhöht und mit einer politischen Botschaft aufgeladen

Heute ist das offenbar anders, heute genießt die Simson Kultstatus, aber auch nur im Osten. Und das weniger als sensationelles Transportmittel, sondern eher als Identifiktationssymbol und Statement: Ich bin Ossi, und das ist gut so. Damit wird die Simson überhöht und mit einer politischen Botschaft aufgeladen, die wiederum von der AfD nicht nur willig aufgegriffen, sondern in ihrem Sinne weiterentwickelt wird.

So knattert der thüringische AfD-Landeschef Björn Höcke gern auf einer Simson durch die Gegend, Ortsverbände veranstalten Simson-Touren, einige Landesverbände wollen die Simson als immaterielles Kulturerbe schützen lassen. Das ist kulturelle Aneignung, die in einem Versprechen mündet: Bei uns seid ihr Ossis gut aufgehoben.

Viele Ostdeutsche fühlen sich 35 Jahre nach dem Mauerfall offenbar immer noch gedemütigt und verfallen in eine Ostalgie, die sie auf einer Simson durch die Gegend fahren. Das nutzt die AfD so perfide wie geschickt aus. Das Moped, argumentieren die Rechten, stünde für Tradition, deutsche Handwerkskunst und echte Freiheit. Dabei wird die Simson gar nicht mehr gebaut.

Die Nachfahren wehren sich

Jetzt wehren sich die Nachfahren der Un­ter­neh­mens­grün­de­r:in­nen gegen die Vereinnahmung durch die AfD. „Wir empfinden jegliche Verbindung mit der AfD als abstoßend und als eine Beleidigung unseres Namens“, teilte der Sprecher der heute in den USA lebenden Familie, Dennis Baum, mit. „Meine Familie und ich lehnen extremistische Ideologien entschieden ab und wollen die Inbesitznahme unseres Namens durch die AfD nicht hinnehmen.“

Dafür hat die Familie politische und persönliche Gründen: Die Gründer des Unternehmens in Suhl, die Brüder Löb und Moses Simson, waren Juden. Ursprünglich produzierte das 1856 gegründete Werk Jagdwaffen und Artilleriegeschosse (unter anderem für die Krupp-AG), später Fahrräder und Autos, im Ersten Weltkrieg schließlich Teile für Kriegsgerät und Flugmotoren.

Nach dem Ersten Weltkrieg stellte das Unternehmen die Waffenproduktion ein, weitete seine Autoherstellung auf Luxuswagen aus, ab 1930 kamen Kinderwagen dazu. Nach der Machtübernahme der Nazis wurden die jüdischen Geschäftsführer diffamiert und enteignet, das Werk wurde einem NSDAP-Gauleiter übereignet, das den Nazis nunmehr als Rüstungsproduzent diente. Die Familie Simson floh 1936 über die Schweiz in die USA, wo sie heute noch lebt.

In der DDR wurde das Unternehmen ein VEB, ein volkseigener Betrieb, und stellte vor allem Mopeds her. Die erste S 50 rollte 1975 aus dem Werk und wurde tatsächlich zu einem Hit – aber nicht, weil sie so rasant und formschön war. Sondern weil im Osten alles beliebt war, was Räder hatte. Die Bahn in der DDR war eine ähnliche Katastrophe wie die heute und Taxis waren Goldstaub. Und eine Simson, übrigens AfD, war nach einer Fahrt an die Ostsee meistens auch kaputt.

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8 Kommentare

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  • Hier mal etwas kluggescheissert von einem Ostdeutschen alten weißen Mann und fast jahrzehntelangen Simsonkutscher.....das Teil fuhr nur auf dem Papier 60, real zumeist 70 kmh, Autobahn war somit kein Problem, die 100 Kilometer von meiner NVA Dienststelle zum Kurzurlaub nach Hause waren in 2 Stunden geschafft, damit schneller als jede Zugverbindung auf dieser Strecke.....

  • Im Laufe vieler Jahre bin ich etliche Motorräder und Mopeds gefahren. Nichts aus dem Westen kam an S50, Schwalbe und MZ 250 auch nur ansatzweise heran. Im Westen gibt es reine Freizeitgeräte, gern mit Heulern, die nur zwischen 90 und 105 % der Nenndrehzahl einigermaßen nutzbar sind und auf denen man zusammengekauert hockt wie ein Affe.



    Alle drei obengenannten sind praktische Alltagsfahrzeuge mit aufrechter Sitzposition, unten heraus drehmomentstarken Motoren, die entspanntes Fahren erlauben, und geschlossenen Kettenkästen, die den Hauptverschleißteil nahezu wartungsfrei machen.



    Ich suche derzeit ein kleines Alltagsfahrzeug für die Stadt, gern elektrisch, und finde nichts. Eine neue S50 mit guter Ersatzversorgung würde ich sofort nehmen. Solange ich nichts finde, muß ich weiter für alles den großen Kombi nehmen.

    • @Axel Berger:

      Im Westen waren vierrädrige Kraftfahrzeuge eben weit verbreitet und leicht erwerbbar.

  • Die Moppedprodukte der DDR findet mer z.B. auf wikipedia; die 1,5er mit diversen Kosenamen ist ne MZ TS/ES/ETZ 150, damit ein Motorrad und wurde ned in Suhl und Umgebung, sondern in Zschopau zammgebastelt, so für die Nichtinsider*lol*.



    Der Clou bei der Simson, ob nu Schwalbe (oder die andern Vögel) oder die S50/51 war, daß mer die mit 15 schon fahren konnte (heute auch mit 16, weil kein Mofa). Des aufm Bild ist auch die beliebtere S51, weil die hat 4 Gänge und als Reimport aus neuen Teilen zusammengebastelt aus Sonstwo kriegt mer die Dinger noch neu.



    Es ist gut, daß eine*r den Nachfahren der Simsons die Ranwanzerei von Höcke und Co. an ein Produkt mit deren Namen gesteckt hat und hoffentlich rattert des sich auch noch bißchen durch den Äther.

  • Ich habe keine Ahnung, welche rechtlichen Möglichkeiten die Nachfahren der Unternehmensgründer hinsichtlich der Sache mit dem "immateriellen Kulturerbe" haben. Dagegen, dass Herr Höcke und andere AfDler mit einer Simon rumfahren wird man kaum etwas machen können. Wenn es um eine wie auch immer geartete "Inbesitznahme" des Namens geht, bin ich auf die entsprechende juristische Auseinandersetzung gespannt.

    Was aber irritiert, ist, hier von irgendwie einer "kulturellen Aneignung" zu sprechen. Das tut nicht die Familie, wohl aber die Autorin. Warum wieder dieser polarisierende Begriff in diesem Zusammenhang verwendet? Was soll damit bezweckt werden? Ich finde das unangemessen.

  • Einmal mehr ein Beweis, dass die AfD eher am Rückenmark als am Hirn andockt. Angesichts des fast schon undurchdringlichen, extrem destruktiven „alles nur nicht das jetzige System“ passt sich auch die Simson in ein nostalgisches, gefühlsduseliges Weltbild in dem die Vergangenheit verklärt, das Hier und Jetzt verteufelt und die Zukunft ins Klo getreten wird.



    Leider sind mittlerweile mindestens 20, in machen Landesteilen 40 Prozent der Menschen bereit, diese Selbsttäuschung, diesen Hass und diese Realitätsverweigerung um jeden Preis mitzumachen.

  • Es wird doch so oft "... sollen erst mal die Chinesen..." gefordert.



    In vielen chinesischen Städten sind schon seit Jahren Zweirad-Verbrenner verboten.



    Hier besteht eigentlich auch kein Grund, Menschen und Umwelt mit dem Gestank und Lärm alter Gehhilfen - gilt auch für vierrädrige - zu belästigen und zu schädigen, nur weil ein paar Selbstdarstellern



    nichts anderes einfällt, sich wichtig zu machen.

  • Höcke sollte endlich nach Westdeutschland oder Russisch-Preußen remigrieren, wäre die spontane Reaktion auf diese seine unbeholfene Ost-tümelei.



    Simson-Fahr- und Lastenräder, verbrennungsfrei, wären doch etwas als Vintage-Produkt. So stark wie der biblische Simson.