Künstliche Intelligenz im Krieg: Riesige Datenmengen, tödliche Folgen
KI-gestützte Waffensysteme kommen weltweit zum Einsatz. Dabei geht es weniger um selbstfliegende Kampfjets und Kampfroboter als um militärische Entscheidungen.
Wie Kriegsführung mit Künstlicher Intelligenz aussehen könnte, zeigte neulich Cameron Stanley aus dem US-Verteidigungsministerium auf einer Konferenz von Palantir. In wenigen Minuten erklärte er die Software „Maven“: Markierte Ziele landen mit nur drei Mausklicks in einer Art Projektmanager. „Linksklick, Rechtsklick, Linksklick“. Hier wandern sie entlang der „kill chain“, also dem Prozess von der Identifizierung des Ziels bis zum Angriff: Zuordnung ausstehend, zugeordnet, in Ausführung, abgeschlossen. Am Ende explodiert auf dem Bildschirm ein Gebäude.
Es ist ein fiktives Szenario, doch die Überwachungssoftware des Antidemokraten Peter Thiel, Palantir, und das dazugehörige Projekt Maven sind inzwischen fester Teil des US-Militärs. Nach dem Willen des Pentagon soll die gesamte Armee das Programm künftig nutzen. „Es ist unerlässlich, dass wir jetzt gezielt investieren, um die Integration von KI in der gesamten Streitkraft zu vertiefen und KI-gestützte Entscheidungsfindung als Grundpfeiler unserer Strategie zu etablieren“, zitierte Reuters den stellvertretenden US-Verteidigungsminister Steve Feinberg Anfang März
Im Iran-Krieg wollen die USA allein in den ersten 24 Stunden mehr als 1000 Ziele getroffen haben. Jede Woche vermeldet Brad Cooper, Befehlshaber des US-Regionalkommandos für den Nahen Osten (Cetcom), in Videobotschaften auf X ein paar Tausend zusätzliche Treffer. Die unvergleichlich hohe Zahl an „präzisen, unvorhersehbaren“ Angriffen mit tödlichem Effekt sei dank „völlig neuer Mittel“ und mittels „rasanter Innovation“ erreicht worden, erklärte Cooper im März. Eine Auswahl von „fortschrittlichen KI-Anwendungen“ käme im Irankrieg zum Einsatz, um Daten zu verarbeiten und innerhalb von Sekunden kluge Entscheidungen zu treffen.
Ob dabei auch „Maven“ eingesetzt wird, ist nicht zweifelsfrei zu klären – und an welcher Stelle künstliche Intelligenz sonst beim Kämpfen hilft. Schon seit längerem würden aber Ziel-Datenbanken im „Maven Smart System“ angelegt, berichtete der Guardian in Berufung auf einen hochrangigen Verteidigungsbeamten in den USA.
Lag in dieser Datenbank auch ein Eintrag zur Mädchenschule im iranischen Minab, die von einer US-Rakete getroffen wurde? Auch das lässt sich nicht zweifelsfrei klären. Doch unter Berufung auf anonyme Quellen berichtete NBC News zuletzt, dass Palantir-Technologie im Irankrieg auch zum Einsatz käme, um potenzielle Ziele zu identifizieren.
Von der Virtual-Reality zum Schlachtfeld
Mindestens ein anderes KI-Unternehmen will im Irankrieg groß beteiligt sein: Anduril. „Hauptsächlich auf der defensiven Seite“, beteuerte Unternehmenschef Matthew Steckman gerade in einem Podcast. In einem börsenwirksamen Auftritt erklärte er vor der Kamera, Anduril liefere „eines der wichtigsten Systeme zur Abwehr“ iranischer Shahed-Drohnen.
Seit Kriegsbeginn hat Iran mehrere Tausend der vergleichsweise günstigen Shahed-Drohnen auf amerikanische Militärbasen und Infrastruktur der verbündeten Golfstaaten abgefeuert. Die Abwehr der Geschosse mit Patriot-Raketen ist teuer. Anduril helfe laut Angaben des Unternehmens dabei, das Ungleichgewicht zwischen günstigen Shahed-Drohnen und teuren Tomahawk-Abwehrraketen auszugleichen.
Wie „Palantir“ hat das Unternehmen seinen Namen direkt aus Tolkiens „Herr der Ringe“. Statt vom eher verhaltensauffälligen Alex Karp wird es aber von einem sympathisch wirkenden Hippie geführt: Palmer Luckey ist Anfang 30, trägt Hawaiihemd und Flip-Flops, und hat mit einer Virtual-Reality-Brille seine ersten Milliarden verdient.
Zu seiner neueren Produktpalette gehören automatisierte Drohnenabwehrsysteme, ein 360-Grad-Infrarot-Sensor namens „Wisp“ und eine jetgetriebenen und senkrechtstartende Abwehrdrohne namens „Roadrunner“. Wie viel KI darin steckt und ob „Augmented-Reality-Systeme“ für Soldatinnen und Soldaten und autonome Kampfjets sich noch im Reich der fernen Möglichkeiten abspielen, ist schwer einzuschätzen – alles „classified“.
Mit Anduril verkündete das US-Verteidigungsministerium vor wenigen Wochen einen Deal über Hard-, Software und Service-Dienstleistungen im Wert von 20 Milliarden Dollar. Konkrete Waffensysteme werden darin nicht genannt – nur das Betriebssystem „Lattice“ wird erwähnt, das laut Medienberichten Kampfgebiete in 3D-Modellen und Echtzeit-Lagebildern darstellen kann.
Vergleichsweise kleine Ausgaben
Die US-Militärausgaben für KI- und andere Verteidigungstechnologie verdoppelten sich in den letzten drei Jahren auf jährlich fast 50 Milliarden US-Dollar – eine immer noch vergleichsweise kleine Summe. Nur rund ein Prozent der amerikanischen Gesamtausgaben für Verteidigung fließen laut einer Rechnung der Ronald-Reagan-Stiftung in den Bereich. Anduril, Palantir und Elon Musks Raumfahrtunternehmen SpaceX erhalten hier die größten Aufträge.
Für die Tech-Unternehmen ist der Rüstungswettlauf um KI-gestützte Waffen trotzdem eine riesige Gelegenheit. Weltweit steigen die Militärausgaben. Auch die Bundeswehr will bis 2027 die neu aufgestellte Brigade Litauen mit einer KI-Software namens Uranos ausstatten, die dabei helfen soll, in Echtzeit die Nato-Ostflanke zu überwachen. Die französische Regierung unterzeichnete jüngst einen Rahmenvertrag mit dem Pariser Unternehmen Mistral, um KI-gestützte Anwendungen in den Streitkräften einzuführen.
Auf militärischer Seite sind mit Künstlicher Intelligenz große Hoffnungen verbunden: Das heißt nicht unbedingt, dass in naher Zukunft völlig autonome Drohnenschwärme über Schlachtfelder schwirren werden. KI ist aber in der Lage, enorme Datenmengen schnell auszuwerten und Muster zu erkennen. Sie kann militärische Entscheidungen beschleunigen – wenn sie sie nicht gleich ganz übernimmt.
„Komplettsysteme“ wählen Ziele aus
Im April 2024 zeichnete das palästinensisch-israelische Magazin 972+ in einer großen Recherche nach, wie stark das israelische Militär im Gaza-Krieg auf den Einsatz der KI-Anwendungen setzte.
Unter Berufung auf sechs anonyme Geheimdienstmitarbeiter, die zu der Zeit in der Armee dienten, berichtete das Magazin, dass sich Israels Armee in den ersten Wochen nach dem 7. Oktober 2023 fast vollständig auf die Systeme verließ. Ein Programm namens „Lavender“ habe zu bis zu 37.000 Palästinenser*innen als Ziele identifiziert, während mit einer Anwendung namens „Where's Daddy“ ihre privaten Wohnhäuser für Luftangriffe ausfindig gemacht worden seien.
Kollateralschäden seien demnach gerade in den ersten Kriegswochen bewusst in Kauf genommen worden: Zwei Beteiligte gaben an, dass für Angehörige in niedrigen Hamas-Rängen 15 bis 20 tote Zivilist*innen erlaubt gewesen sein, während für Angriffe auf Führungsfiguren auch 100 tote Zivilist*innen als vertretbar gegolten hätten.
Jutta Weber, Professorin für Mediensoziologie
Eine der Quellen gab an, dass das Militär bis dahin über keine Informationen über niedrig gestellte Hamas-Mitglieder verfügte. „Sie wollten uns ermöglichen, alle automatisch anzugreifen. Das ist der Heilige Gral. Sobald man auf Automatik umstellt, geht die Zielgenerierung durch die Decke.“
„Der Artikel war in der wissenschaftlichen Debatte für viele ein Augenöffner“, sagt Jutta Weber der taz. Die Professorin für Mediensoziologie forscht seit vielen Jahren an der Uni Paderborn zu datenbasierter Kriegsführung. Die Recherche zeige, dass es eben nicht ausreiche, nur über die Kontrolle automatischer Kampfroboter zu sprechen, wie es in der Rüstungskontrolle in Zusammenhang mit KI lange der Fall gewesen sei.
Eine größere Gefahr sieht sie in diesen riesigen Netzwerkanalysen zur Zielerfassung. „Durch Komplettsysteme, die riesige Datenmengen verarbeiten können, wird die Kampfsteuerung auf ein neues Level gehoben.“
KI-Versuchslabor Ukraine
In diese Richtung deutet auch eine neue Recherche der Washington Post: Die IDF-Einheit 8200 habe aus Hacks große Mengen an Daten aus allen möglichen Quellen in Iran gewonnen, um diese im Anschluss mithilfe von KI zu durchforsten.
In der Ukraine sieht man das Potenzial, das hinter diesen Datenmengen steckt. Beobachter*innen gehen davon aus, dass im dortigen Krieg Drohnen für 70 bis 90 Prozent der Toten verantwortlich sind. „Die Ukraine verfügt heute über einen Datensatz aus dem Einsatzgebiet, der weltweit einzigartig ist“, schrieb der ukrainische Verteidigungsminister Mykhailo Fedorov vor zwei Wochen bei Telegram.
Mykhailo Fedorov, ukrainischer Verteidigungsminister
Die Bilder von den letzten Sekunden vor dem Einschlag einer Drohne, die sonst zuhauf im Netz kursieren, möchte die Regierung nun professionell nutzen. „Die Ukraine eröffnet die Möglichkeit, KI-Modelle für unbemannte Systeme auf der Grundlage realer Einsatzdaten zu trainieren“, erklärte der Verteidigungsminister. Die Regierung habe einen entsprechenden Beschluss verabschiedet, der „eine neue Form der Zusammenarbeit zwischen dem Staat, ukrainischen Unternehmen und internationalen Partnern“ einleite.
In einer jahrelangen Recherche zeichnete das Time-Magazin nach, wie der Krieg in der Ukraine zu einer Art Versuchslabor für militärische KI-Entwicklungen wurde. Dabei geht es auch um den Weg von Palantir – das Unternehmen sprang direkt nach dem russischen Angriff als Helfer für die Ukraine ein. Inzwischen verfolgt das Unternehmen wie viele anderen Tech-Firmen in der Ukraine das klare Ziel, den KI-gestützten Kampf für den weltweiten Einsatz weiterzuentwickeln.
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