Krise in Mali: Präsident Goïta ist wieder aufgetaucht
Malis Militärherrscher behauptet, die Lage sei unter Kontrolle – aber die Kämpfe sind nicht vorbei. Regierungsanhänger verüben Übergriffe auf Tuareg.
Malis Junta-Chef Assimi Goïta ist wieder aufgetaucht. Seit Beginn der schweren Angriffswelle, die das Land am Wochenende erschüttert hat, war es still um den General gewesen, es kursierten Gerüchte über einen Umsturz. Am Dienstagabend hielt Goïta eine Ansprache im Staatsfernsehen. Er bezeichnete die Lage als „äußerst ernst“, aber „unter Kontrolle“ und rief die Bevölkerung zur Ruhe auf.
Von Samstag auf Sonntag verübten Tuareg-Rebellen der Befreiungsfront von Azawad (FLA) zusammen mit Terroristen der islamistischen Gruppe zur Unterstützung des Islam und der Muslime (JNIM) schwere Angriffe in zahlreichen Städten. Damit besiegelte sich auch eine neue Allianz zwischen den beiden Gruppen, die schon länger vermutet wurde.
Die Kämpfe gelten als die blutigsten in Mali seit 2012. Während Staatsoberhaupt Goïta den Mut seiner Truppen lobte, wetterte er gegen das Ausland: Die Angriffe seien „Teil eines umfassenden Plans zur Destabilisierung“, der von bewaffneten Terrorgruppen und deren Unterstützern im Inland und Ausland ausgeführt werde.
In der malischen Rhetorik ist dies kein neuer Vorwurf. Immer wieder wird vor allem Frankreich direkt oder indirekt vorgeworfen, terroristische Aktivitäten zu unterstützen, ebenso das Nachbarland Algerien, mit dem Mali eine 1.400 Kilometer lange Grenze teilt.
Rebellen haben mehrere Städte eingenommen
Die Lage bleibt unklar. Während Goïta versicherte, man habe den Angreifern „einen heftigen Dämpfer versetzt“ und die gute Zusammenarbeit mit den Russen lobte, konnte die Koalition aus JNIM und FLA mit Gao und Kidal gleich zwei wichtige Städte im Norden des Landes einnehmen. Videos vom Wochenende zeigten die Truppen des russischen Afrikakorps mit weißer Fahne beim Abzug aus Kidal. Statt zu kämpfen, haben sie Berichten zufolge mit der FLA ihren Abzug verhandelt und sollen die malische Armee im Stich gelassen haben. Malis Armee zieht sich nun aus weiteren Orten im Norden Malis zurück.
Derweil häufen sich Berichte über mutmaßliche Übergriffe auf Angehörige der Tuareg- und Peul-Gemeinschaften. In Mali, Niger und Burkina Faso geraten diese Volksgruppen immer wieder pauschal in den Verdacht, Verbindungen zu bewaffneten islamistischen oder separatistischen Organisationen zu haben. Nach den schweren Angriffen vom Wochenende in Mali soll es in Bamako zu Lynchversuchen gekommen sein, bei denen Peul und Tuareg als Terroristen bezichtigt und angegriffen wurden.
Malis nationale Behörde zur Bekämpfung der Cyberkriminalität reagierte inzwischen mit einem selten deutlichen Appell, Online-Aufrufe zu Hass und Lynchjustiz zu unterlassen. Auch Assimi Goïta rief in seiner Ansprache zu Zusammenhalt auf.
Während die Angriffswelle der FLA und JNIM sich vorerst beruhigt zu haben scheint, tut sich im Nordosten des Landes eine neue Front auf: Die grenzüberschreitend operierende Terrorgruppe „Islamischer Staat in der Sahel-Provinz“ (ISSP) verübte Raketenangriffe auf die Stadt Menaka und soll diese sogar zumindest zeitweise besetzt haben. Die IS-Gruppe operiert parallel zu JNIM und FLA, bekämpft diese aber auch.
Islamisten wollen Malis Hauptstadt blockieren
Unterdessen hat JNIM eine erneute Blockade angekündigt, mit der Bamako von der Versorgung abgeschnitten werden soll. Im Oktober und November 2025 hatte eine solche Blockade die malische Hauptstadt bereits empfindlich getroffen.
Auch in den Nachbarländern Niger und Burkina Faso sorgt die Lage für Nervosität. So wurden in Burkina Fasos Hauptstadt Ouagadougou zusätzliche Wachposten an strategisch wichtigen Punkten aufgestellt. In Niger wurden die Feierlichkeiten zum 1. Mai aus Sicherheitsgründen abgesagt.
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