Krieg in der Ukraine: „Überleben bis April“ lautet das Motto
Der Ukraine geht es wirtschaftlich miserabel: Russlands Angriffe schränken Exporte ein, behindern die Energieversorgung. Und bald kommt der Winter.
Foto: Francisco Seco/AP/dpa
Drei Zahlen zeigen wohl, wie es um die Wirtschaft der Ukraine steht: 90 Prozent, 50 Millionen, 14 Gigawatt.
90 Prozent der ukrainischen Agrarexporte werden normalerweise über die Schwarzmeerhäfen des Landes in und um Odessa verschifft. Doch wegen der anhaltenden Angriffe auf Hafeninfrastruktur, Getreidesilos und Frachter kommen kaum noch Schiffe, die das wichtigste Exportgut der Ukraine verladen könnten.
50 Millionen Tonnen Weizen, Mais, Hafer, Roggen und Gerste können wegen der russischen Angriffe nicht verschifft werden. Die Einnahmen aus Agrarexporten entsprachen zuvor rund 12 Prozent des ukrainischen Bruttoinlandsprodukts (BIP). Bis November könnte das Land so 10,8 Milliarden Euro verlieren, so das Landwirtschaftsministerium. Insgesamt rechnet die Behörde damit, dass die Agrarausfuhren in diesem Erntejahr um 54 Prozent fallen werden. Dann aber, warnt Agrarökonom Alex Lissitsa, würden die Bauern die Aussaat vor dem Winter weitgehend einstellen. Dann verlöre die Ukraine nächstes Jahr etwa elf Milliarden Euro Einnahmen.
Allein für einen 100.000 Tonnen fassenden Getreidefrachter müssten 5.000 Lastwägen eingesetzt werden, um das Korn auf dem Landweg zu transportieren. Und Russland beschießt auch Brücken, die auf diesem benutzt werden müssten. Zudem hat wegen anhaltender Angriffe auf die Eisenbahn der Frachtverkehr der Eisenbahn laut Kyiv School of Economics um fast 27,7 Prozent abgenommen.
Bogdan Kostezkyj, Agrarhandelsunternehmen Barva
„Russland hat dieses Produkt zerstört“
Während die Ukraine auf zu viel Getreide sitzt, stehen in Supermärkten in leeren Regalen Schilder mit der Aufschrift: „Russland hat dieses Produkt zerstört“. Inzwischen greift Russland nämlich gezielt große Lagerhallen und Logistikzentren, die auch Supermärkte nutzen, an. Mehr als die Hälfte der Lagerflächen in der Hauptstadt Kyjiw sind bereits zerstört.
Immer öfter bleiben in Supermärkten ganze Regalreihen leer. Sogar die Shopping-Mall „Sunny Gallery“ in Krywyj Rih, Stahlstadt und Heimat des Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, wurde am 21. August von Russland angegriffen – und kurz nach dem ersten Einschlag ein zweites Mal. Es gab 16 Tote und mehr als 140 Verletzte.
Die Ukraine hat ein Energieproblem
In der östlichen Großstadt Saporischschja hat der staatliche Energiekonzern Ukrenergo bereits mehr als die Hälfte seiner großen 750-Kilovolt-Transformatorstationen unter dicken Schichten aus Beton unterirdisch vergraben. Auch andernorts dauern diese jeweils Millionen Euros kostenden Arbeiten an. Denn Russland greift in diesem Jahr bereits seit Juli – statt wie 2025 von September an – gezielt Umspann- und Kraftwerke an.
Statt 54,5 Gigawatt Stromerzeugungs-Kapazitäten vor der Vollinvasion 2022 verfügt die Ukraine aktuell laut Energieminister Denys Schmyhal nur noch über 14 Gigawatt – mindestens sechs unter dem Bedarf für einen „mittleren“ Winter. Im vorigen Winter waren viele Menschen aus Kyjiw geflohen, da nach gezieltem russischen Beschuss wochenlang viele Heizungen eingefroren waren. Seit Russlands Vollinvasion wurden allein beim privaten Energiekonzern DTEK mehr als 230 Angriffe auf die Wärmekraftwerke verübt.
Zuletzt wurde sogar ein Bergwerk des Konzerns im Oblast Dnipropetrowsk beschossen. Auch Hochöfen der Stahlwerke in Saporischschja und Krywyj Rih wurden getroffen. „In Frontnähe wurde bereits fast die gesamte Wirtschaft zerstört“, sagt der Kyjiwer Unternehmensberater Andrij Dligatsch. Die Wirtschaft sei „tief in eine Phase negativer Erwartungen versunken“.
Hinzu kommt, dass laut der Chefökonomin der ukrainischen Investmentbank Dragon Capital, Olena Bilan, 60 Prozent der Stahl- und die Hälfte der Erz-Exporte ebenfalls über die nun nur noch eingeschränkt arbeitenden Schwarzmeerhäfen abgewickelt wurden.
„Ein Kampf ohne Regeln“
„Überleben bis April“, so laute das Motto der meisten Unternehmer, sagt Dmytro Krymskij. Er ist Gründer des Online-Weinhändlers Goodwine, dessen Lager völlig zerstört wurde. „Die Russen treiben die Eskalation immer weiter voran. Sie setzen alles ein, was ihnen zur Verfügung steht – außer Atomwaffen“, meint Bogdan Kostezkyj vom Agrarhandelsunternehmen Barva. „Es ist wie ein Kampf ohne Regeln. Leider ist das die neue Normalität.“
Russlands Machthaber Wladimir Putin „will unser Energiesystem zerstören, unsere Wirtschaft und unsere Rüstungsproduktion lahmlegen“, sagt Energieminister Schmyhal. „Er hofft außerdem, dass unsere Gesellschaft im Winter vor Erschöpfung zusammenbricht und die Führung unter Druck setzt, die Kapitulation zu unterzeichnen.“ Nicht nur er hat große Sorgen vor einem Fluchtwinter.
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