Russische Angriffe auf Kyjiw: Chaos, leere Regale und viel Wut
Russland fliegt derzeit mehr Luftangriffe auf die ukrainische Hauptstadt. Angegriffen werden nun auch Lagerhallen, Supermärkte und Tankstellen.
Pausenloser Luftalarm und Chaos in der Hauptstadt: Kyjiw erlebt gerade ein neues Level an Grausamkeiten. Die russischen Streitkräfte verstärken ihre Angriffe in einer Weise, die nicht nur Schrecken verbreiten, sondern die ukrainische Hauptstadt in ein urbanes Chaos stürzen.
Offenbar hat die russische Armee zwei Dinge an ihren Luftattacken auf Kyjiw verändert. Einerseits adressieren die Angriffe nicht mehr nur die Energieversorgung, sondern auch Logistik und Lagerzentren. Andererseits kommen russische Luftangriffe nicht mehr nur in Wellen von bis zu hunderten Angriffsdrohnen oder Dutzenden Raketen, sondern verteilt über den ganzen Tag. Etwa jede Stunde dringen, meist von Norden, drei bis vier neue Angriffsdrohnen in den ukrainischen Luftraum ein. Von dort sind es nur gute 200 Kilometer bis Kyjiw.
Am meisten nutzt Russland in Kyjiw aktuell die vierte Version ihrer Shahed-Drohne, die mit Jet-Turboantrieb bis zu 500 Kilometer pro Stunde schnell angreifen kann. Bei den Vorgängermodellen lag die Höchstgeschwindigkeit bei etwa 200 Kilometern pro Stunde. Das heißt: In einer halben Stunde erreichen die neuen Drohnen Kyjiw, die Stadt umrunden sie in weniger als fünf Minuten.
Für die Flugabwehr ist es damit auch deutlich schwieriger, sie abzuschießen. Häufig werden die ukrainischen Bodentruppen dabei von der Luftwaffe unterstützt. Immer wieder ist das Donnern von Schüssen in den verschiedensten Ecken der Stadt zu hören. Rauchsäulen steigen auf. Die meisten Drohnen können zwar abgewehrt werden, doch auch herabfallende Trümmer verursachen Schäden.
Foto: Yevhen Kotenko/Ukrinform/imago
Zu wenig Schutzräume, stundenlanger Luftalarm
In der vergangenen Woche gab es zwischen 10 und 14 Stunden Luftalarm. Manchmal waren es nur wenige Minuten, oft mehrere Stunden. In dieser Zeit schließen dann Geschäfte und Behörden. Die zwei Metro-Linien, die den Dnipro überqueren, stoppen dann an den Ufer-Stationen. Wer auf die andere Flussseite muss, muss lange warten, überfüllte Busse nutzen oder Taxis zu überhöhten Preisen bestellen. Oder unter Beschuss aus der Luft zu Fuß über den breiten Fluss gehen.
Ertönt die Sirene, sollen eigentlich alle Menschen in Schutzräume, Bunker, Tiefgaragen oder Metro-Stationen fliehen. Doch nicht überall sind diese in kürzester Zeit erreichbar. Lassen einem die Drohnenattacken noch einige Minuten, erreichen ballistische Raketen Kyjiw in wenigen Minuten. Immer wieder donnern ihre Einschläge noch vor oder während des Sirenenheulens durch die Stadt. Wer sich vor diesen – meist in der Nacht – schützen will, muss sich in den Stadtteilen ohne nahen Schutzraum sehr früh, also noch vor der Sperrstunde um Mitternacht, für einen Plan für die Nacht entscheiden. Seit Wochen nächtigen bis zu 50.000 Menschen ab dem späten Abend komplett in U-Bahnstationen – akkurat verteilt, auf Luftmatratzen, in Zelten, auf Klappbetten, auf Isomatten. Kinder sind dabei, viele Menschen nehmen ihre Haustiere mit.
Die Stationen bieten unterschiedlich guten Schutz, sind aber oft hell und zugig und, wenn nachts Arbeiten verrichtet werden müssen, auch laut. Einmal mehr wird Kritik an Kyjiws Bürgermeister Klitschko laut, die Stadt habe den Bunkerausbau seit 2022 nicht genügend vorangetrieben. Klitschko hingegen schiebt den Stadtteilen die Schuld zu.
Hauptziel der russischen Luftangriffe in und um Kyjiw sind seit Monaten Lagerräume von Versandunternehmen und Post, Supermärkte und der Großhandel. Tagelang brannten an den Kyjiwer Ausfahrtsstraßen nach West und Ost Lagerhallen. In den Dörfern zwischen den Industriegebieten treffen russische Drohnen und Raketen auch Wohnhäuser und öffentliche Einrichtungen. Bewohner eines Dorfes bei Boryspil bei Kyjiw berichten, sie fühlten sich, als spielte man mit ihnen „Schiffe versenken“, als Dutzende Geschosse um sie herum in Lager und Nachbarhäuser einschlugen. Im Kreis Butscha westlich von Kyjiw wurde am Freitag ein Munitionslager getroffen, die nahe Fernstraße über dutzende Kilometer gesperrt.
Leere Regale in den Supermärkten
Der ukrainische Argarminister Taras Wyssozkyj geht davon aus, dass die russischen Angriffe bereits 90 Prozent der ukrainischen Warenlager zerstört haben sowie Lebensmittel und Baustoffe, internationale Hilfsgüter, Kleidung und Bücher vernichtet. Die Folgen sind auch sichtbar in den Supermärkten, denn es fehlen Salz oder Joghurt, Obst und Gemüse, Fleisch und Fisch. Laut Wirtschaftsexperten wird die ukrainische Bevölkerung zwar in absehbarer Zeit keinen Hunger leiden müssen, weil Händler auf Direktlieferungen umstellen können, doch alles werde weiter teurer. Dabei steigt die Armutsquote im Land mit jedem Kriegsjahr, wie Berichte der Weltbank zeigen. Aktuell nähert sie sich der 50-Prozent-Marke.
Gleichzeitig nehmen Angriffe auf Regional- und Fernzüge zu, auf Tankstellen und auch auf Einkaufszentren. Russlands Präsident Putin bezeichnet die Logistik-Attacken als „Vergeltung“ für die ukrainischen Angriffe auf die Onlinehändler Wildberries und Ozon. Und militärnahe Monitoringkanäle warnen, dass sich diese Angriffe bald auf die Westukraine ausweiten könnten.
In Kyjiw, aber auch an vielen anderen Orten steckt den Menschen noch der vergangene Frostwinter in den Knochen. Alle wissen, sie müssen sich auf die bevorstehende kalte Jahreszeit gewissenhaft vorbereiten – mit Vorräten, Generatoren, Heizmaterial. Aber die aktuellen Angriffswellen erschweren dies. Einerseits sind viel weniger Waren verfügbar, andererseits sind die Menschen müde, eingeschüchtert und vor allem wütend.
Die ukrainischen Behörden und besonders die Stadt Kyjiw müssen nun dringend Maßnahmen ergreifen – womöglich wie in frontnahen Städte wie Charkiw, Saporischschja oder Sumy –, um die Region vor dem Kollaps zu bewahren. Diskutiert werden derzeit Anpassungen des Luftalarms an die Geschossarten und eine Änderung der Sperrstunde. Auch die von westlichen Verbündeten wie Deutschland versprochenen Hilfen für zivile Infrastruktur und Militär für den Winter müssen jetzt dringend geliefert werden.
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