Russische Attacken auf Kyjiw: Drohne trifft Zentrale des Geheimdienstes
Während Kyjiw auf eine US-Delegation wartet, schickt Russland Drohnen. Eine traf ein strategisch wichtiges Ziel: die Zentrale des Geheimdienstes SBU.
Foto: Mark Edward Harris/ZUMA Press Wire/imago
Der Knall gegen 15.30 Uhr Ortszeit kam nicht aus dem Nichts. Schon fast 30 Minuten lang galt in Kyjiw Luftalarm wegen anfliegender russischer Drohnen. Die meisten waren entweder schon weitergeflogen oder abgeschossen worden. Nur eine befinde sich noch über dem Stadtgebiet, bewege sich aber weg vom Zentrum, war in lokalen Telegramkanälen zu lesen. Dann war die Druckwelle einer Explosion auch im Schewtschenko-Park in der Innenstadt deutlich zu spüren. Einige Passanten gingen rasch fort, andere suchten auf ihren Smartphones nach Informationen. Eine große, hellgraue Rauchwolke stieg über dem Einschlagsort auf. Eine Minute später folgte dann die Entwarnung.
In der ukrainischen Hauptstadt ist am Freitagnachmittag die Zentrale des Geheimdienstes SBU von einer russischen Drohne getroffen worden. Ein Feuer brach aus. Dicker schwarzer Ruch quoll aus mehreren Fenstern im zweiten Obergeschoss. Die Feuerwehr hatte den Brand rasch unter Kontrolle. Innerhalb von Minuten rückte ein halbes Dutzend Rettungswagen an.
Es ist allerdings nicht der erste Treffer in einem hochrangigen Regierungsobjekt: Vor einem Jahr war während eines großen Raketen und Drohnenangriffs ein Marschflugkörper ins oberste Stockwerk des Gebäudes des Ministerrats gekracht, aber nicht explodiert. Der Schlag am Freitag hat aber eine neue Qualität, weil er augenscheinlich bewusst so gewollt war. Ein Video, das in sozialen Netzwerken kursiert, zeigt wie eine der neuen düsengetriebenen Drohnen sich im Anflug absenkt und die Front des Gebäudes trifft.
Die Einschlagsstelle befindet sich im Zentrum der Stadt nur rund 600 Meter entfernt von der deutschen Botschaft, zwischen der Oper und der Sophienkathedrale. In der Nähe befindet sich auch der U-Bahnhof Goldenes Tor, an dem sich zum Zeitpunkt des nachmittäglichen Berufsverkehrs viele Menschen aufhielten. Durch die Druckwelle wurde auch eine gegenüberliegende Filiale einer Bäckerei schwer beschädigt. Ebenso die Klosteranlage.
Ein Dutzend Menschen verletzt
Ersten Angaben zufolge sind bei dem Angriff 12 Menschen verletzt worden. Davon mussten neun ins Krankenhaus eingeliefert werden, davon zwei in kritischem Zustand. Die Straßen in der Umgebung wurden während der Lösch- und Bergungsarbeiten abgesperrt. Viele Anwohner kamen nicht mehr zu ihren Wohnungen. Das wuchtige Gebäude mit dem Säulenportal in der historischen Altstadt ist bekannt. Seit Beginn von Russland Großangriff wird es schwer gesichert: Der Bürgersteig davor ist abgesperrt. Fotografieren ist verboten. In den Seitenstraßen stehen gepanzerte Fahrzeuge.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyi meldete sich mit einer ersten Reaktion zu Wort. Die Betroffenen sollen die nötige Unterstützung erhalten. „Die Drohne zielte direkt auf das Arbeitszimmer des SBU-Leiters in diesem Gebäude“, teilte Selenskyj bei Telegram mit. Er habe SBU-Chef Oleksandr Poklad angewiesen, angemessen, signifikant und, sofern möglich, spiegelbildlich zu reagieren, sobald alles dafür vorbereitet sei. Der Geheimdienst ist an den Angriffen tief im russischen Hinterland beteiligt. Die Attacke ereignete sich um Vorfeld eines für Sonntag erwarteten Besuchs einer US-Delegation mit Trump-Schwiegersohn Jared Kushner und Trump-Golfpartner Steve Witkoff.
Seit acht Tagen überzieht Russland die ukrainische Hauptstadt mit permanenten Drohnenattacken. Mindestens ein Dutzend Mal am Tag warnen Sirenen die Einwohner vor der Gefahr. Meist gilt zwischen zehn und 14 Stunden am Tag der Luftalarm. In den vergangenen Tagen traf es oft Lagerhallen und Logistikzentren von ukrainischen Supermarktketten in den Vororten. Am Donnerstag raste eine Drohne in die neunte Etage eines Wohnhauses.
Am Freitag sind auf dem stadtnahen Flughafen Zhuliany Berichten zufolge zwei geparkte Flugzeuge getroffen worden. Für die Angriffe nutzt Russland die neuen düsengetrieben Angriffsdrohnen vom Typ Geran-4, die nicht nur deutlich schneller, sondern auch höher fliegen als ihre propellergetriebenen Vorgänger. Sie sind für die ukrainische Luftverteidigung schwieriger abzufangen.
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