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Krieg in IranWas, wenn es keine Polizei mehr gibt?

USA und Israel bombardieren gezielt Polizeistationen in Iran. Manche sehen darin eine Chance für erneute Proteste. Andere sorgen sich vor wachsender Kriminalität.

Nach einem Luftangriff auf eine Polizeistation in Teheran. 15. März 2026 Foto: Vahid Salemi/ap

Was ist eine Polizeistation in einer Diktatur? Nur ein Unterdrückungsapparat, die Verkörperung des Bösen schlechthin? Wenn es so einfach wäre. Die systematischen, landesweiten Angriffe seitens USA und Israel auf Polizeigebäude in Iran sorgen auch für Unsicherheit unter der Bevölkerung.

In den letzten Tagen wurden mindestens 20 Polizeistationen in Teheran bombardiert und zerstört. Und es scheint kein Ende in Sicht: Aus anderen Großstädten wie Kerman, Isfahan, Shiraz, Shahin Shahr, Sanandaj und Kermanshah wird Ähnliches gemeldet. Das iranische Polizeisystem soll offenbar vollständig zerstört werden.

Zwei Wochen nach dem Beginn des Krieges zwischen Iran, USA und Israel fragen sich viele: Wer – und mit welchen Ressourcen – ist für die Sicherheit der Bevölkerung im Alltäglichen zuständig? Es ist für viele Menschen unmöglich, ihre Häuser zu verlassen, sich woanders in Sicherheit zu bringen. Denn viele Häuser sind noch baulich halbwegs intakt, doch Fenster und Türen wurden durch die Schockwellen der Explosionen herausgerissen. Diebe und Kriminelle haben so freien Zugang, Plünderung scheint programmiert. Das ist einer der Gründe, warum viele noch in Großstädten wie Teheran ausharren, obwohl diese bombardiert werden.

Eigentlich ruft man auch in Iran bei Notfällen die Telefonnummer 110 an. Doch diese Zeiten scheinen vorbei: Niemand antworte dort mehr, hört man aus Teheran und anderen Städten.

Wie soll die Öffentlichkeit vor Kriminellen geschützt werden?

Es gibt auch Stimmen, die das Verschwinden der Polizeistationen positiv sehen. Denn das könnte einen Raum für Demonstrationen schaffen. Doch die Revolutionsgarde scheint auch für diese Situation vorbereitet zu sein. Nachdem ihre Stützpunkte Ziele von häufigen, heftigen Bombardements wurden, warten sie nun mit ihren Waffen – Hunderttausende sollen es sein – in ihren Häusern. In verschiedenen Stadtteilen haben sie sich so verteilt. Zudem wurden inzwischen in einigen Stadteilen von Teheran, etwa in Share Ziba, mobile Polizeistationen eingerichtet.

Sicherlich waren Polizeizentren auch Orte der Unterdrückung. Aber eben nicht nur. Und keine politische Oppositionsgruppe scheint eine klare Vorstellung – oder einen Plan – zu haben, wie die Öffentlichkeit vor Kriminalität geschützt werden soll.

Ahmadreza Radan, der sehr gefürchtete Kommandeur der Polizei versteht derzeit sehr gut, dieses Vakuum zu nutzen. Die Sorge der Menschen vor Kriminalität und das Verlangen nach alltäglicher Sicherheit vermengt er geschickt mit seinen politischen Zielen. Den Polizeikräften sei in Kriegszeiten der Schussbefehl erteilt, um Dieben und Plünderern zu begegnen. Er spricht von „Unruhestiftern“.

Infrastruktur für den Übergang

Es gibt politische Aktivisten, die meinen: Polizeistationen und Strukturen der Verbrechensprävention würden gezielt angegriffen, um den Iran in ein solches Chaos zu stürzen, dass er nie mehr auf eigenen Beinen stehen kann. Israels Premier Benjamin Netanjahu sagte hingegen jüngst, an die Iranerinnen und Iraner gerichtet: „Bald wird eine Situation entstehen, in der ihr euer Schicksal selbst in die Hand nehmen könnt … seid bereit.“

Nach 1979 übernahmen die siegreichen Islamischen Revolutionäre die gesamte Verwaltungs-, Militär- und Polizeiinfrastruktur. Sie war auch nach dem Sturz des Schahs und durch die Revolution hindurch intakt geblieben. Doch dieser Krieg lässt keine Struktur mehr zurück – soll wohl keine Strukturen übrig lassen. Und auch die zersplitterte iranische Opposition – sollte sie je an die Macht kommen – braucht ein Mindestmaß an Infrastruktur, um den schwierigen Übergang meistern zu können.

Kulturerbe in Gefahr

Der Krieg zerstört nicht nur den normalen Alltag. Auch die Vergangenheit bleibt nicht verschont. Am Samstag bombardierten amerikanische Kampfflugzeuge die Insel Kharg im Süden des Iran – ein Ort, der als „Lebensader des iranischen Ölhandels“ bekannt ist. Neben militärischen Einrichtungen wurden dabei nach offiziellen Angaben auch historische und archäologische Stätten, wie das „holländische Fort“, ein zoroastrischer Tempel und antike Gräber – das ganze historische Erbe der Insel – zerstört.

Schäden am Golestan-Palast, aufgenommen am 3. März in Teheran Foto: reuters

Darüber hinaus wurden in diesem Krieg bislang zahlreiche historische und antike Denkmäler des Landes beschädigt: das Golestan-Palast-Museum, Teile des historischen Zentrums von Teheran sowie mehrere denkmalgeschützten Häuser. In Isfahan waren es einige Museen, historische Gebäude und archäologische Stätten.

Die Behörden in Iran bringen an historischen Gebäuden sogenannte „Blaue Schilder“ an. Das Blaue Schild ist ein Emblem, das im Rahmen des Internationale Rechts zum Schutz von historisch und kulturell wichtigen Bauten in Kriegssituationen geschaffen wurde. Bisher haben sie nicht viel genutzt.

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4 Kommentare

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  • Die USA bomben, das dabei auch mal kulturelle Stätten und Altertümer zubruch gehen, ist wohl einkalkuliert. Es zeigt aber auch, wie die USA das Ganze machen, sie sind vor allem rücksichtslos. Und sie können den Iran militärisch schwächen, aber das Regime ist noch nicht am Ende.



    Allerdings ist es deutlich geschwächt. Die Polizei hat leider auch die Aufgabe, den Unterdrückungsmechanismus zu bedienen, aber es kann dazu kommen, dass die Kriminalität steil ansteigt. Ähnlich war das in Bagdad 2003 ja auch, nachdem die Diktatur beseitigt war, kamen die Kriminellen raus und plünderten.



    Die USA haben ihre Ziele, Israel hat seine Ziele, das iranische Volk kann sich nicht einfach auf Ziele einigen, weil das Land nicht frei ist. Dass es fei wird, ist noch nicht entschieden. Die Sicherheitskräfte sind zwar demoralisiert, aber nicht demontiert. Außerdem muss man davon ausgehen, dass die Basij und Pasdaran sich gerade arrangieren und ihre Stützpunkte nicht mehr nutzen.



    Wenn es schlecht läuft, dann wird die Diktatur schwächer, aber haut härter zu, wenn es ganz schlecht läuft, beginnt ein blutiger Bürgerkrieg.

  • Es ist wirklich sehr bedauerlich, dass das derzeitige Regime nicht schon längst wie die Monarchie einfach durch die Menschenmassen gestürzt werden konnte. Das hätte den Iranern viel Leid erspart. Aber die klerikale Kleptokratie scheint frei von aller Empathie für das Leid ihrer Landsleute zu sein.

  • Israel und die USA scheinen alles zu unternehmen, um den Iran zu einem failed state zu bomben. Und im Libanon hält es Israel genau so.



    Bisher glaubte ich, Israel betreibe mit seinen präzisen Luftschlägen, die v.a. darauf zielen, seine prominentesten Feinde in der islamischen Welt auszuschalten, eine besonders durchdachte und effektive Strategie. Aber mittlerweile scheint es nur noch um das blindwütige Zerstören der gegnerischen Infrastruktur zu gehen - und dabei verschwimmt hier immer mehr die Vorstellung, wer überhaupt der Feind in dieser Auseinandersetzung ist.



    Netanyahu ist es, der hier die Sicherheiten verspielt, die Israel für sein Überleben existenziell benötigt. Und das sind Frieden und Vertrauen mit seinen Nachbarn in der Nahostregion.

  • "Was, wenn es keine Polizei mehr gibt?" - eine gute Frage, vor allem wenn sie von taz-Autoren gestellt wird. Man denkt natürlich unweigerlich zurück an Hengameh Y.

    Es gab und gibt Länder mit unglaublich schlechter, ja sogar bösartiger Polizei. Der Iran ist sicher eines davon. Es gibt aber tatsächlich schlimmeres als eine schlechte Polizei, nämlich gar keine.

    Die völlige Abwesenheit von Polizei finden aber nur naive, linke Idealisten gut. In der realen Welt haben linke Staaten meistens ziemlich schlechte Polizei, selbst wenn sie dann "Volkspolizei" heisst, oder so...