Zwei Personen auf einem Straßenfest.

Tobias Burdukat und Laura Merz auf dem Fest der Demokratie in Grimma am 21. 5.2022 Foto: Thomas Victor

Kommunalwahl in Sachsen:Alternative für Grimma

Der Sozialarbeiter Tobias Burdukat tritt zur Wahl des Bürgermeisters an: ein junger, linker Kandidat, der provoziert und Hoffnungen weckt.

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10.6.2022, 13:57  Uhr

Tobias Burdukat will es jetzt genau wissen. In was für einer Stadt lebt er? Gibt es Unterstützung für seine Ideen, sein Engagement? Lassen sich die politischen Verhältnisse im sächsischen Grimma, 30 Kilometer südöstlich von Leipzig, nicht doch zum Tanzen bringen, wenigstens ein bisschen? „Sachsen gilt als rechts“, sagt er. „Überall wird man damit in Verbindung gebracht. Ich will zeigen, dass es normale Leute hier gibt. Wir sind nicht die Mehrheit, aber wir sind da.“ Ob die Zahl der Gleich- oder Wohlgesinnten groß genug ist, um eine relevante Minderheit zu bilden, wird sich am 12. Juni zeigen. An dem Tag tritt Burdukat bei den Kommunalwahlen in Sachsen für das Amt des Oberbürgermeisters in Grimma an.

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Tobias Burdukat, 39 Jahre alt, ist lang, dünn, bärtig, tätowiert, parteilos. Käppiträger, Raucher. Die Linke hat ihn nominiert, die Grünen im Landkreis unterstützen ihn, ebenso Leute aus der lokalen SPD. 2016 erhielt Burdukat den Preis der taz ­Panter Stiftung und die Goldene Henne – die kennen Sie nicht? Ein gut dotierter Medienpreis des MDR für soziales Engagement und sein Projekt „Dorf der Jugend“. Der Sozialarbeiter hat vom sächsischen Justizministerium außerdem Fördergelder für sein Konzept erhalten, in Grimma einen der „Orte der Demokratie“ zu schaffen. Burdukat ist nicht nur stadtbekannt, ein bunter Hund, ein schräger Vogel, ein bodenständiger Anarcho, sondern hat längst über Grimma hinaus einen Ruf als Aktivist und Vertreter einer Generation, die neue, innovative Wege geht.

Um für seine Projekte ein Crowdfunding zu organisieren, ist er 2021 sechs Wochen allein über die Alpen gewandert. Auf staatliche oder kommunale Gelder will er nicht warten, kann er nicht hoffen. Über das „Dorf der Jugend“ in der ehemaligen Spitzenfabrik am Flussufer der Mulde gab es dauerhaft Streit. 2014 pachtete Burdukat die leer stehende Fabrik samt Gelände vom ehemaligen Besitzer privat, seit 2020 wird sie von der gGmbH Between the Lines betrieben, deren Geschäftsführer Burdukat ist. An einem Freitag im April hat er Dienst im Containercafé, einem umgebauten ehemaligen Schiffscontainer vor dem Fabrikgelände. Der Mulde-Radweg führt direkt vorbei und schlängelt sich durch die hügelige Landschaft. Burdukat klappt die hell gestrichenen Läden der Theke hoch, rückt Stühle und einen Tisch heran.

„Ich will einen Wahlkampf machen, der zu mir passt“, sagt er und dreht sich eine Zigarette. Er hat sich vorgenommen, alle 64 Ortsteile von Grimma abzulaufen. Grimma, knapp 30.000 Einwohner, 217 Quadratkilometer groß. Wie der Kleinstaat San Marino, sagt Burdukat mehr verwundert als spöttisch. Er kandidiere für eine Stadt, die Ortsteile habe, in denen er noch nie war. Er selbst ist gebürtig aus Großbothen, das zu Grimma gehört, wo er trotz Lehraufträgen in Leipzig und Nürnberg beständig lebt.

Bei seinem Marsch über die Dörfer verteilt Burdukat Postkarten und Flyer mit Fragen: „Was ist Ihr größtes Problem?“ „Was wünschen Sie sich?“ Viele Ortschaften hätten nur einen Schulbus, keinen öffentlichen Nahverkehr, so viel hat er schon herausgefunden. Manche Dörfer fühlten sich von der Kreisstadt abgehängt, hätten keine Ansprechpartner. Burdukat möchte die Selbstverwaltung und Autonomie der Ortsteile stärken. „Ich habe einen Master in Sozialmanagement“, sagt er, der vor seinem Bachelorstudium der Sozialen Arbeit bei der AOK Sozialversicherungsfachangestellter gelernt hat. „Warum soll man eine Verwaltung nicht hierarchiefrei organisieren können? Es gibt dafür Modelle.“

Die Skaterfläche wurde geschlossen

Die Sonne scheint an diesem Aprilnachmittag, es ist wenig los. Die Innenräume der alten Spitzenfabrik sind vom Bauamt wegen Brandgefährdung gesperrt. Burdukat, der auch Konzerte veranstaltet, scharrt genervt mit den langen Beinen. Der Bauantrag für den Ausbau des Veranstaltungsraums sowie einer Skaterhalle lief wegen Corona aus, dann fehlte das Geld.

Laura Merz, die als Streetworkerin für Between the Lines arbeitet, setzt sich dazu. Sie will später zum Rewe-Parkplatz, wo nachmittags oft Jugendliche abhängen. „Es braucht Zeit, an sie heranzukommen.“ Sie hätten keine Orte, um sich zu treffen, und wo es Orte gebe, seien sie nicht erwünscht. Die Skaterfläche neben der Spitzenfabrik wurde von der Stadt geschlossen. „Die Jugendlichen haben keine Lust auf Aufsicht“, sagt Merz. Die drei Jugendzentren der Stadt reichten nicht, um alle Jugendlichen zu erreichen, beziehungsweise es kämen dort nur wenige an, ergänzt Burdukat, der das gängige Konzept von Jugendarbeit kritisiert.

Ihm geht es um Freiräume, emanzipative Prozesse. Auf der Wellblechwand der Toiletten im Hinterhof prangt weiterhin das knallbunte Graffito „Kacken ist wichtiger als Deutschland“, das Jugendliche aufgesprüht haben. Das hat für viel Ärger im Stadtrat gesorgt, wo Burdukat bis 2018 aktiv war. Irgendwann wurde ihm die Aufregung rund um seine Person zu viel, er trat zurück, das Graffito blieb.

„Jugend ist keine Frage des Alters“, sagt Burdukat, der eine eigene Definition entwickelt hat. „Jugend ist eine Form der Vergesellschaftung“, erklärt er, und man spürt den Vortragsreisenden, der sein Thema gefunden hat. Burdukat ist kein Berufsjugendlicher, der auf jung macht, sondern der jugendlich geblieben ist, weil er entsprechend handeln gelernt hat. „In der Jugend geht es darum, sich abzugrenzen, Probleme zu erkennen und Handlungsfähigkeit zu erlangen.“

Was er für ein Jugendlicher war? Einer, der in der Schule viel Prügel einstecken musste, der Stress mit den Nazis hatte, den sie verhöhnt haben, er hätte „Pudding in den Armen“. Den Spitznamen trägt er bis heute, und zwar liebevoll. Weiterhin bekommt Burdukat hasserfüllte Nachrichten, hämisch, diffamierend. „Ich lasse das nicht an mich heran, sonst könnte ich hier nicht leben.“ Die Anhängerschaft der Freien Sachsen käme mit seiner Kandidatur gar nicht klar. Die vom sächsischen Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestufte Partei schickt in Grimma mit Rainer Umlauft einen eigenen Kandidaten in die OB-Wahl. Dritter Kandidat ist der bisherige parteilose Oberbürgermister Matthias Berger, der zum vierten Mal antritt. 2015 erhielt der knapp 90 Prozent der Stimmen.

Angefeindet, verprügelt, geblieben

Warum ist Burdukat in Grimma geblieben? „Ich konnte mich austoben. Ich habe hier meine Nische gefunden. Konzerte veranstaltet, eine Band gegründet. In den 90ern gab es noch viel Leerstand. Ich konnte so sein, wie ich bin.“ Das klingt paradox: Da wird einer angefeindet, verprügelt und findet dabei zu sich. Viele seiner Freunde sind mittlerweile weggegangen.

Auch Jonas Siegert vom Jugendforum in Grimma gehört zu denjenigen, die nach dem Abi weggehen wollen zum Studieren. „Ob ich wiederkomme?“ Er zuckt die Achseln. Es fehle an Orten und Ideen gerade für ältere Jugendliche und junge Menschen. Was er von einem Oberbürgermeister Burdukat erwarten würde? „Dass sich das, was er im Dorf der Jugend angefangen hat, auf die Stadt ausweitet. Dass es mehr solche Räume gibt, wo man sich einbringen und mitbestimmen kann. Der Wille ist da, etwas zu verändern. Aber man muss es auch umsetzen können.“

Der Schüler, knapp 18, noch länger und dünner als Burdukat, mit hellrosafarbenem Kapuzenpulli, gehört wie Streetworkerin Laura Merz zum Aktionsbündnis „Grimma zeigt Kante“, das ein paar Wochen später, am 21. Mai, ein „Fest der Demokratie“ organisiert. Es ist eine Gegenveranstaltung, denn nebenan auf dem Marktplatz vor dem alten Rathaus mit dem Renaissancegiebel veranstaltet die AfD ihr „Frühlings- und Familienfest“. Auch die Freien Sachsen haben trotz eines Unvereinbarkeitsbeschlusses der AfD einen Stand dort. Blaue Hüpfburg, lange Bierbänke, Bratwurststand. Zwei Pärchen in Trachten proben ihre Schrittfolge für den Auftritt. Später wird eine Blaskapelle Volksmusik einspielen. Der AfD-Kandidat für den Landkreis Leipzig, Jörg Dornau, wird sprechen, auch Björn Höcke soll kommen. Viel los ist nicht.

Viele Menschen auf der Straße bei einem Fest der Demokratie

Publikum auf dem Fest der Demokratie im Mai Foto: Thomas Victor

Es ist windig an diesem 21. Mai, Tobias Burdukat baut in der Nebenstraße zum Marktplatz seinen Stand auf. Mit Kabelbindern stellt er sicher, dass die Postkarten mit seinem Wahlkampfslogan nicht wegfliegen: „Fantasie statt Fürstentum“. Fürstentum zielt auf Matthias Berger, den parteilosen jetzigen Oberbürgermeister, der sich in einem Interview bei Muldental TV als „stabile Mitte“ zwischen dem Kandidaten der „extremen Linken“ (Burdukat) und der „extremen Rechten“ (Umlauft) präsentiert.

Die dünn besetzte Mitte

Dass diese Mitte im Stadtrat bei insgesamt 28 Sitzen mit nur zwei der CDU, zwei der Linken und einem für die SPD dünn besetzt ist (die Grünen sind gar nicht vertreten), scheint ihn nicht verzagen zu lassen. Die AfD ist mit vier Sitzen die stärkste Partei, über die meisten Sitze (elf) verfügt die Freie Wählervereinigung. Knapp 28 Prozent der Grim­maer:in­nen haben bei den Bundestagswahlen 2021 die rechtsextreme AfD gewählt. „Das macht mich echt fertig“, sagt Burdukat. Während er an seinem Stand bastelt, kommt der AfD-Kandidat für den Bürgermeisterposten in der Nachbarstadt Wurzen vorbei. Bodo Walther streckt Burdukat die Hand hin. „Ich möchte Ihnen nicht die Hand geben“, sagt dieser. „Ich will mit Ihnen wirklich nicht reden.“

Burdukat, der Sozialarbeiter, hält nichts von Dia­log, jedenfalls nichts vom Dialog mit der AfD. „Dieses ‚Man muss mit denen reden‘ geht mir auf die Nerven“, sagt er. „Konsens und Dialog sind eine Form der Akzeptanz. Warum soll ich mich auf Höcke und Konsorten einlassen? Es geht um Streit, nicht um Dialog oder Verständigung. Ich würde immer einen Konflikt dem Dialog vorziehen. Weil ein Konflikt die Probleme zeigt, die da sind.“ Ein Konzept, das für Burdukat dem „Hufeisen­denken“ entspringt und einen „demokratisch agierenden Anarchisten wie mich“ erstens nicht zur Mitte zählt, zweitens ins links­extreme Lager abdrängt und drittens, was vielleicht am schwersten wiegt, mit den Rechtsextremen gleichsetzt. „Diese Mitte existiert hier nicht. Und wir werden damit aus dem demokratischen Diskurs ausgeschlossen.“

AfD-Stand

AfD-Mann Oliver Kirchner aus Sachsen-Anhalt auf dem „Familienfest der AfD“ Foto: Thomas Victor

Grimma ist keine ganz kleine Gemeinde, es profitiert von der Bahnanbindung an Leipzig. Dennoch gibt es keine Hochschule, kein Theater, nur eine Buchhandlung und ein Kino. Die bürgerliche Mitte ist zumindest kulturell unterrepräsentiert. Langsam füllt sich die Nebenstraße zum Markt. Auch beim Fest der Demokratie drängen sich keine Massen – und es gibt leere Flächen, wo weitere Stände hätten stehen sollen. Die angefragte Jugendfeuerwehr und einige Sportvereine hätten unter Verweis auf das Neutralitätsgebot abgesagt, berichten die Or­ga­ni­sa­to­r:in­nen Jonas Siegert vom Jugendforum und Laura Merz von Between the Lines. Zufall, dass ihre Vereinssprecher namentlich auf der Unterstützerseite des Bürgermeisters stehen?

Siegert und Merz haben das Aktionsbündnis Grimma zeigt Kante Anfang des Jahres mitgegründet, um den Montagsspaziergängen der Querdenkerbewegung in Grimma etwas entgegenzusetzen. Diese entfallen mittlerweile, das Aktionsbündnis hat stattdessen das Fest der Demokratie organisiert, das in dieser Form zum ersten Mal zustande kommt. Auch die Linke-Abgeordnete Kerstin Köditz, die aus Grimma stammt und im sächsischen Landtag innenpolitische Sprecherin ihrer Partei ist, ist gekommen. Der Ortsverein der Linken hat Burdukat nominiert, die lokale SPD ist im letzten Moment ausgeschert. „Es ist mir wichtig zu unterstützen, was Tobias hier über Jahre aufgebaut hat“, sagt Köditz am Rande der Veranstaltung. Er motiviere die jungen Leute.

Antifa-Slogans im Chor

Gerade hält sie auf der kleinen Bühne eine Rede, als aus Leipzig gut 30 Ak­ti­vis­t:in­nen von „Leipzig nimmt Platz“ Einzug halten. Schwarz gekleidet, im Chor Antifa-Slogans skandierend, machen sie Halt an der von der Polizei errichteten Absperrung zum Marktplatz. Ihre Transparente müssen sie dahinter anbringen, ihre Aktivitäten werden von der Polizei misstrauisch beäugt. Die Anwesenden beklatschen den Einmarsch, der Bewegung in die Veranstaltung bringt.

Auch das Fest der Demokratie verfügt über eine Hüpfburg (rot), die Grünen verteilen Kochlöffel aus Holz und Windrädchen, statt Bratwurst gibt es selbst gekochte Linsen und Kuchen – gegen Spende. Matthias Berger habe sich für 16 Uhr als Redner angekündigt, sagt Jonas Siegert vom Jugendforum, aber der Oberbürgermeister taucht unangekündigt nicht auf. Auf die schriftliche Nachfrage der taz zwei Tage später reagiert er nicht.

Dafür hat Tobias Burdukat bereits gesprochen. Etwas unbeholfen steht er auf der Bühne, die Hände in den Taschen seiner knielangen Hose. Es soll kein Wahlkampfbeitrag sein, es wird doch ein halber. Eine Rede hat er nicht vorbereitet, Burdukat sieht die Wahl als Stimmungsabfrage: Wie sieht es im ländlichen Raum aus? Wie schafft man es hier, die Gleichheitsfrage zu stellen? Wer bleibe, könne nicht viel anders, als sich zu engagieren. Erneut stellt er infrage, dass die politischen Lager miteinander ins Gespräch kommen müssten. „Wir wollen mit euch keinen Dialog führen“, sagt er mit Blick auf die Veranstaltung nebenan. „Wir wollen, dass ihr versteht, dass sich unsere Welt weiterdreht.“

Sollte er die Wahl gewinnen, wird er diese Haltung beibehalten? Kann er sich leisten, mit „denen“ nicht zu reden? „Umgehen muss man mit ihnen“, sagt Burdukat. Seine Meinung dürfe man nicht ins Amt einfließen lassen, doch eine Meinung haben dürfe man. Er überlegt kurz: „Aufs Handgeben kann ich aber schon verzichten.“ Es wird Leute geben, die ihn wegen seiner Unverstelltheit oder Unbekümmertheit wählen werden, und andere, die ihm genau deswegen ihre Stimme verweigern werden. Die Frage ist, wie viele es sind. „Ich möchte wissen, ob sich meine Arbeit hier lohnt“, sagt Burdukat. „Wie viele unterstützen mich? Sind es 5 oder 30 Prozent? Bei 30 lohnt es sich.“

„Es gibt in unserer Stadt viel Nachbarschaftshilfe“, sagt Ingo Runge, „aber das ist noch lange nicht gleichzusetzen mit einer aktiven Zivilgesellschaft.“ Runge ist Vorsitzender des SPD-Ortsvereins in Grimma. Er hat vor sieben Jahren selbst einmal für das Amt des Oberbürgermeisters kandidiert. Nicht weil er glaubte, eine Chance zu haben, sondern um für eine Alternative bei der Wahl zu sorgen. Auf ihn und einige Linke geht die Idee zurück, Burdukat für eine Kandidatur zu gewinnen. „Die Menschen hier, die progressiv denken, die können jetzt Position beziehen“, sagt Runge bei einem Treffen in Berlin, wo der 52-Jährige bei der Bahn arbeitet. Doch ausgerechnet bei der Aufstellungsversammlung waren er und einige Gleichgesinnte durch eine Corona-Erkrankung verhindert. Der Vorschlag fiel durch. „Parteiinterne Willensbildung“, nennt es Runge.

„Bei uns wird alles pragmatisch gelöst, nicht ideologisch.“

48 Mitglieder zählt die SPD in Grimma, der Altersdurchschnitt sei hoch. Wie läuft die politische Arbeit in Grimma? Runge seufzt. „Es ist ja kein echtes politisches Arbeiten. In kleinen Städten geht es oft mehr um das Konkrete und Menschliche. Bei uns wird alles pragmatisch gelöst, nicht ideologisch.“ Der Pragmatismus heiße dann aber zu oft: unter den Tisch kehren. Runge beklagt den Rückzug ins Private, die Wagenburgmentalität der Stadtoberen, das Delegieren in Ausschüsse und kleinere Zirkel. „Diskussionen finden nicht statt.“

Auch dem SPDler geht es um das Sichtbarmachen von Positionen, das Abstecken eines Resonanzrahmens. „Die Wahl ist eine Möglichkeit, etwas sichtbar zu machen, was man sonst nicht sieht“, sagt Runge.

Tobias Burdukat, der Herausforderer, ist ein Typ, den man nicht so schnell übersieht, er wirkt authentisch. Was, glaubt Runge, macht einen Menschen aus, der sein Leben lang gegen Autoritäten rebelliert? „Man wird nicht so, sondern bleibt einfach, wie man ist“, meint der SPD-Mann.

Zwischen Grimmaer Marktplatz und Hohnstädter Straße, wo das Fest der Demokratie seinen Lauf nimmt, steigt die Spannung, ohne aggressiv zu sein. Kommt Höcke noch? Als der Mann des als rechtsextrem eingestuften „Flügels“ gegen 18 Uhr doch auftaucht, hat gerade nebenan die Hardcore-Punkrockband 20 Liter Joghurt zu spielen angefangen. Plötzlich ist die Musik nicht mehr zu hören, jemand hat den Strom gekappt. Kurz darauf wird den Or­ga­ni­sa­to­r:in­nen ein vom Versammlungsamt nachträglich, handschriftlich verfasstes Verbot überreicht, weiterzuspielen – die Musik sei zu laut. Björn Höcke kann ungestört reden, mehr als 100 Personen sind es dennoch nicht, die ihm zuhören.

„Das hat nichts mit radikalem Umsturz zu tun“

Ein etwas bitterer Ausklang, auch für Burdukat. Der Auftritt hat ihm gehässige Kommentare beschert. Ihm sei klar, dass er „mit dieser Kandidatur in einer ländlichen Idylle den Konflikt provoziert“. Konflikt, wohlgemerkt, positiv verstanden. Bezeichnet er sich weiter als Anarchist? „Durchaus“, sagt er. „Ich richte mein Handeln so aus, dass es der Utopie einer anderen Gesellschaft entspricht. Das hat nichts mit radikalem Umsturz zu tun. Dafür bin ich zu sehr Sozialarbeiter. Das muss wachsen.“ Vor zwei Jahren war Burdukat schon mal so weit, aus Grimma wegzuziehen. Nicht weit weg, nach Leipzig. Dann kam Corona, er ist geblieben. In der Langen Straße hat die Between the Lines gGmbH Anfang des Jahres ein Ladenlokal eröffnet. Die Stellen für Streetworking und Gemeindewesensarbeit sind auf drei Jahre durch das Programm „Orte der Demokratie“ finanziert.

Was fehlt, ist ausgerechnet die Jugendarbeit: eine Stelle, die bislang von der Stadt finanziert und zum 1. Januar 2022 gestrichen wurde. 17 Ortsteile stehen bei Burdukats Wanderung durchs gesamte Grimma am letzten Maiwochenende noch aus. „Die schaffe ich noch“, sagt er. Endspurt. Was ist, wenn er bei der Wahl scheitert?

Bisher sei ihm immer etwas Neues eingefallen, sagt er.

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