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Kommentar Völkermord in Namibia Nur der erste Schritt

Dominic Johnson

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Dominic Johnson

Deutschland erkennt den Völkermord an den Herero und Nama an – ein wichtiges Zeichen. Nun muss auch die Nichtbeachtung der Opfer enden.

E ndlich will die Bundesregierung offenbar den Völkermord, den deutsche Truppen zu Anfang des 20. Jahrhunderts im heutigen Namibia verübten, als solchen anerkennen. Was das Auswärtige Amt jetzt mit einer neuen „Leitlinie“ in Aussicht gestellt hat, ist eine lange überfällige Selbstverständlichkeit.

Nach Jahrzehnten des Leugnens war die deutsche Verweigerungshaltung zuletzt, nach den Auseinandersetzungen um den türkischen Genozid in Armenien, nur noch peinlich gewesen: Nach dem Motto „Wenn ich die Augen schließe, sieht mich keiner“ versuchte die Bundesregierung, die Anerkennungsforderungen der Herero und Nama aus Namibia zu ignorieren. Selbst bei der Anreise von Vertretern der beiden Opfervölker, die in Berlin von der offiziellen Politik wie Luft behandelt wurden.

Drei Forderungen haben die Herero- und Nama-Delegierten in Berlin gestellt: Anerkennung, Entschuldigung, Dialog. Die erste davon scheint nun vor der Erfüllung zu stehen. Das ist der erste Schritt, psychologisch gesehen vielleicht der schwerste. Nach diesem Tabubruch müssten die beiden anderen Schritte eigentlich leichter fallen.

Man kann ja wohl kaum anerkennen, dass man Völkermord begangen hat, und sich dann weigern, sich dafür zu entschuldigen oder über die Folgen mit den Opfern zu reden. Oder?

Man kann. Und das zeigt, dass die Debatte jetzt erst am Anfang steht. Ob es eine Entschuldigung geben wird, sei noch offen, heißt es. Das Problem scheint zu sein, dass aus einer Entschuldigung eine Verpflichtung gegenüber den Opfern folgen könnte, was Deutschland vermeiden will. Denn nach wie vor bleibt es bei der Linie: Über die Aufarbeitung der Vergangenheit spricht die Regierung Deutschlands mit der Regierung Namibias. Nicht mit den Herero und Nama direkt. Soweit also zur dritten Forderung der Vertreter der Opfervölker nach einem Dialog am Runden Tisch.

Identitätsstiftender Tiefpunkt

Das liegt auch daran, dass die Politik mit den Herero und Nama so umgeht, als seien sie eine lästige Interessengruppe unter Tausenden, und ihre Forderungen auf eine Stufe stellt mit all den anderen lästigen Partikularinteressen unter Tausenden, denen sich eine Regierung stellen muss.

Der Genozid in Namibia machte die geplante Vernichtung ganzer Völker salonfähig.

Aber der Völkermord in Namibia war kein Einzelvorgang unter Tausenden. Er war ein zentraler und auch für Deutschland identitätsstiftender Tiefpunkt der deutschen Politik. Er machte Rassenpolitik und die geplante Vernichtung ganzer Völker salonfähig. Die breite Akzeptanz von Rassismus gegenüber Afrikanern in Deutschland bis heute zeugt davon, wie hartnäckig sein gesellschaftliches Erbe ist.

Dies zu überwinden, ist eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft. Aber wenn die Bundesregierung dabei nicht mit gutem Beispiel vorangeht, hat die Politik versagt. Zu sagen: Gut, dann war es eben Völkermord, aber ansonsten machen wir weiter wie bisher – das geht nicht.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Dominic Johnson

Dominic Johnson Ressortleiter Ausland

Seit 2011 Co-Leiter des taz-Auslandsressorts und seit 1990 Afrikaredakteur der taz.
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3 Kommentare

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  • Dorian Müller

    Der Völkermord an den Herero war eine Vorlage des Völkermords an den Armeniern. Es gibt zudem zahlreiche Berichte, die beschreiben, wie Juden in Konzentrationslagern den Roman Franz Werfels über den armenischen Völkermord und somit eine Vorschau auf ihre eigene Zukunft lesen. Nazis wurden damals zitiert mit "wer spicht heute schon noch über die Armenier". Die Kontinuität des Leugnens und Verharmlosens von Völkermord zieht sich durch die Geschichte, und Deutschland spielt dabei aus Geiz immer noch eine eher erbärmliche Rolle.

  • Gabriel Renoir

    Das ist sicher richtig: Es war Voelkermord. Und Joseph Konys Soldateska ist immer noch unterwegs, im Suedsudan, ist das nicht auch Voelkermords, usw usw.

  • Christian_72

    Die angesprochene Methode "Gut, dann war es eben Völkermord, aber ansonsten machen wir weiter wie bisher ..." trifft den Nagel auf den Kopf und geht einerseits nicht. Andererseits ist das Thema extrem abstrakt und zwar sowohl für unsere Regierung als auch für uns Bürger selbst. Und bei allem Respekt: Die Großeltern der auf dem Foto abgebildeten Dame dürften zur Zeit des Aufstandes noch nicht mal geboren worden sein. Ich persönlich kann mit dem Thema nichts anfangen.