Klimaschutz und Arbeitszeiten: Kürzer arbeiten für das Klima

Dass Maßnahmen gegen die Erderwärmung Stellen kosten, ist ein Märchen. Tatsächlich schaffen erneuerbare Energien neue Arbeitsmöglichkeiten.

Ein Mann arbeitet im Homeoffice.

Die Pandemie hat das Homeoffice quasi über Nacht zur Normalität gemacht Foto: Sebatsian Gollnow/dpa

In der Klimaschutzdebatte wird das Thema Arbeitszeiten mehr oder weniger ignoriert. Tatsächlich sind kürzere Lohnarbeitszeiten von entscheidender Bedeutung, um den exzessiven Naturverbrauch zu bremsen. Meistens scheitern Klimaschutzkonzepte, wenn sie die Arbeitslosigkeit eventuell erhöhen könnten. Selbst für den klimapolitisch unvertretbaren Braunkohletagebau sind sich Politiker nicht zu schade, auf die extrem wichtigen Arbeitsplätze hinzuweisen.

Das Gegenteil ist der Fall. Durch erneuerbare, dezentrale Energien und Energieeinsparinvestitionen sind mehr Jobs entstanden. Der Ausbau von Gewerbeparks, von See- und Flughäfen, der Neu- und Ausbau von Straßen, Flussvertiefungen: solche Projekte werden auch mit dem Arbeitsplatzargument umgesetzt. Damit besonders klimaschädliche Produktionen schrumpfen können, sollten wir kürzere Arbeitszeiten etablieren, um Jobverluste – etwa in der Autoindustrie – aufzufangen und den Konflikt Umweltschutz versus Arbeitsplätze zu entschärfen.

Und selbstverständlich gilt es zu vermeiden, dass weitere Arbeitsplätze in Wirtschaftszweigen „geschaffen“ werden, die den Raubbau beschleunigen. Stattdessen müssen in zukunftsfähigen, kohlenstoffarmen Branchen neue Jobs entstehen. Aus ökologischer Sicht ist es günstig, wenn ein nennenswerter Teil der Gesellschaft seine wöchentliche Lohnarbeit zugunsten pflichtenfreier Zeit verringert.

Wenn die Menschen weniger Zeit mit der Erwerbsarbeit verbringen und damit auch weniger verdienen, kaufen sie auch weniger überflüssige Produkte. Das verringert zugleich den Energie- und Ressourcenverbrauch. Arbeitszeitverkürzungen verändern das Konsumverhalten. So zeigt eine Untersuchung der US-amerikanischen Ökonomin Juliet Schor, dass der ökologische Fußabdruck umso kleiner ist, je weniger Arbeitsstunden ein Erwerbstätiger leistet.

Weniger Arbeit führt zu weniger Konsum

Auch Rosnick und Weisbrot vom Center for Economic and Policy Research in Washington stellen fest: Mehr Arbeitsstunden schrauben in der Regel auch den Energieverbrauch in die Höhe. Entscheidend ist dabei das Einkommen. Den Zusammenhang von Einkommen und Naturverbrauch untermauern zudem die Daten der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe. Mit dem Wohlstand wachsen klimaschädliche Emissionen.

Fast alles wird größer und klimaschädlicher – Wohnungen, Häuser, Autos, Reiseentfernungen–, also wird auch der persönliche ökologische Fußabdruck größer. Topverdiener haben besonders große Wohnungen und leisten sich oft noch eine Zweitwohnung. Wenn ich Studierende im Seminar bitte, einmal aufzuschreiben, was das Leben lebenswert macht, dann kommen innerhalb von wenigen Minuten alle Gruppen zum gleichen Ergebnis: Freundschaften, Begegnungen, Sport, Kultur, Gesundheit und Sicherheit.

Geld und Besitz sind wichtig, aber nur als Basis. Zahlreiche Untersuchungen zeigen: Unsere Lebensziele und -träume sind in weiten Teilen immateriell. Der wichtigste Glücksfaktor ist die Sinnhaftigkeit. Menschen sind glücklich, wenn sie das Gefühl haben, etwas zu einem sinnvollen Projekt beitragen zu können. Menschen, die ihre Priorität auf Freundschaften, gesellschaftliches Engagement oder Ähnliches gelegt hatten, sind überdurchschnittlich zufrieden mit ihrem Leben.

Wer vor allem Geld und Karriere optimieren wollte, wurde mit den Jahren unzufriedener. Hinzu kommt: Glück und Wohlbefinden sind nicht beliebig steigerungsfähig. In Deutschland wird die Frage „Wie glücklich bist du auf einer Skala von 1 bis 10?“ seit den 1970er Jahren auf ungefähr gleichem Niveau beantwortet. Der materielle Wohlstand hat sich seitdem verdreifacht, wir können uns dreimal so viele Dinge leisten, dreimal so viel verreisen. Was hat’s gebracht? Die Reichen wurden noch reicher, so viel darf man festhalten.

Wohlstand macht nicht glücklicher

Inzwischen gibt es eine unfassbare Vermögensanhäufung. Doch selbst die Superreichen sind nicht glücklicher geworden. Es scheint verrückt, die Menschen schuften, um zu shoppen. Warum tun wir uns das an? Warum muss alles immer mehr werden, immer größer, komfortabler, luxuriöser, schneller? Dieses ­Immer-mehr verbraucht extrem viele Ressourcen. Wir müssen Wege finden, diesen Trend zu stoppen. Die Ökonomen sind gefragt.

Sie werden zeigen, unter welchen Bedingungen ein wirtschaftliches System tragfähig ist, das das Wachstum von ökologisch und klimatisch schädlichen Branchen deckelt. Um Unternehmen und Beschäftigte in der Krise zu unterstützen, hat der Bund zweistellige Milliardenbeträge in die Kurzarbeit gepumpt. Statt massenhaft Kündigungen auszusprechen, konnten Betriebe auf diese Art wertvolle Arbeitskräfte halten. Für die Zeit der Kurzarbeit erstattet die Arbeitsagentur einen Teil der Kosten des Entgelts für die Beschäftigten.

Zugleich hat die Covidkrise das Homeoffice quasi über Nacht zur Normalität gemacht. Besonders Männer hatten bislang ein Problem damit. Die Technik steht bereits seit zig Jahren auch Laien zur Verfügung, man denke nur an Skype. Aber erst die Pandemie hat digitalen Meetings zum Durchbruch verholfen. Nun zeigt sich: Es geht. In vielen Berufen muss man nicht mehr von Montag bis Freitag ins Büro, sondern kann zwei oder drei Tage pro Woche zu Hause arbeiten.

Weniger pendeln spart Zeit und ist gut fürs Klima. Wer jede Woche Tausende Kilometer beruflich unterwegs war, schätzt es vermutlich sehr, wenn Meetings jetzt häufiger per Video stattfinden. Weniger Reisezeit, weniger Stress, mehr Zeit für Freunde und Familie. Unsere Arbeitskultur hat sich verändert. Nun sind Strategien gefragt, einen Rückfall abzufangen. Das könnte die Förderung von Co-­Working-Spaces sein, die Abschaffung der Pendlerpauschale und eine kluge Kombination von steuerlichen Anreizen, Arbeitszeitgesetzen und Kampagnen, damit kürzere Arbeitszeiten und Homeoffice allmählich zur Routine werden.

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geb. 1971, ist Dozent und Umweltwissenschaftler am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Im Buch „Öko­routine: Damit wir tun, was wir für richtig halten“ plädiert er für strukturelle Veränderungen, damit Umweltschutz im Alltag zum Automatismus wird. Im Juli erscheint sein neues Buch „Wirtschaft ist mehr! Wachstumsstrategien für nachhaltige Geschäfts­modelle in der Region“.

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Die Klimakrise ist offenbar. Selbst die großen politischen Akteur.innen haben das inzwischen verstanden. Aber erwächst daraus auch eine nachhaltige Politik? taz-Chefredakteurin Barbara Junge stellt in ihrem programmatischen Text vor, bei welchen Themen die taz im Klimawahljahr besonders genau hinschauen wird.

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