Kampf gegen Stechmücken

Menschenfeind Moskito?

Statt sich um eine Koexistenz mit der Stechmücke zu bemühen, fordern viele ihre Ausrottung. Ein neues Buch aus den USA treibt das auf die Spitze.

Stechmücke auf Menschenhaut in Großaufnahme

Braucht unser Blut für ihre Eientwicklung: die Stechmücke Foto: ap

In Finnland wird alljährlich eine Weltmeisterschaft im Mückentotschlagen ausgetragen. In Deutschland dagegen veröffentlichten Mückenforscher des Friedrich-Loeffler-Instituts für Tiergesundheit und des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung 2016 diesen Aufruf: „Wenn Sie eine Mücke sehen, nicht totschlagen!“ Stattdessen sollte man das Insekt mit einem Glas eingefangen und über Nacht in ein Gefrierfach stecken.

„Die tote Mücke dann zum Beispiel in eine Streichholzschachtel legen und zusammen mit einem ausgefüllten Formular einschicken.“ Die Einsendungen würden den Forschern bei der Erstellung des Mückenatlas helfen – eine Übersicht über die Stechmückenvorkommen in Deutschland. Sie hoffen, mit dieser Bürgerhilfe „neuen Arten auf die Spur zu kommen, die sich von Süden her immer weiter in Deutschland ausbreiten“.

Im Internet findet man Hunderte von Tipps, wie man am besten „Moskitos“ tötet. Unter dem Stichwort „Mücken“ sind es nur halb so viele, dazu mit neckischen Titeln wie „Alle Mücken sind schon da“ (MDR). Wenn dagegen von „Moskitos“ („kleine Fliege“ auf Deutsch) die Rede ist, wird es ernst. Dabei sind beides nur andere Wörter für die „Culiadae“ (Stechmücken).

Ich bin in einem norddeutschen Moor aufgewachsen, wo dichte Wolken von männlichen Mücken über den offenen Wasserflächen „tanzten“ (die Weibchen flogen einzeln hinein und schwanger wieder raus). Wir sind im Gegensatz zu Freunden und Besuchern, die bei uns übernachteten, nie gestochen worden. Ganz anders war es, wenn wir uns im nahen Wald aufhielten. Hier griffen uns die Mückenweibchen in Schwärmen an.

Integration kann gelingen

Sie brauchen Blut für ihre Eientwicklung und aufgrund unserer Unbepelztheit und Dünnhäutigkeit sind wir für sie erste Wahl. Für die Männchen sind es dagegen Blumen, von deren Nektar sie sich ernähren. Als Dauerbewohner des Moors gehörten wir vielleicht zu dessen „Habitat“, waren quasi integriert und wurden deswegen verschont.

Auch in der sibirischen Tundra koexistieren die dort lebenden Einheimischen eher mit den Mücken, als sich von ihnen verrückt machen lassen, so wie im vergangenen Jahr etwa die Hessen: „Die Mückenplage hat Rhein-Main fest im Griff“, schrieb der Offenbacher Extra-Tipp im Frühling, überall meldete man dort Angriffe von der gefährlichen „Tigermücke“, verwechselte sie jedoch mit der ähnlich aussehenden Ringelmücke, auch Ringelschnake genannt.

Heuer stellte die Geo-Redaktion sich die Frage: „Warum rotten wir die Moskitos nicht aus?“ Dazu gibt jetzt ein dickes Buch Hilfestellung: „The Mosquito“. Dem Autor Timothy Winegard merkt man an, dass er seinen Master of Arts im „Royal Military College of Canada“ gemacht hat: Für ihn ist die „Mücke“ der für den Menschen gefährlichste Feind. Viel gefährlicher als alle Kommunisten zusammen.

Sein US-Verlag nennt diese Kriegserklärung an alle Stechmückenarten „ein pionierhaftes und grundsätzliches Werk im Stil einer erzählerischen Nichtfiktion“. Flankierend dazu veröffentlichte der Autor in der New York Times auch noch einige Fakten unter dem Titel: „Die Mücken kommen uns holen“.

„Tödlicher als alle Waffen“

„100 Billionen oder mehr Mücken kontrollieren fast jeden Zentimeter auf unserer Erde. Jährlich sterben 700.000 Menschen durch sie. In den letzten 200.000 Jahren haben sie 108 Milliarden Menschen umgebracht“, schreibt Winegard. Ich hätte gedacht, es sind viel mehr gestorben – an den von Mücken übertragenen Krankheiten Malaria, Gelbfieber, Zika, Denguefieber, West-Nilfieber und Chikungunja.

Gegen Malaria wurde zwar ein Medikament entwickelt, aber die jährlich 70.000 meist armen Afrikaner, die damit infiziert werden, sind kein lukrativer Markt, der Pharmakonzern vermarktete den Impfstoff deswegen als Enthaarungsmittel.

Winegard schreibt weiter: „Die Moskitos und ihre Krankheiten haben Händler, Reisende, Soldaten und Siedler (und ihre gefangenen afrikanischen Sklaven) über die ganze Welt begleitet. Sie sind tödlicher als alle von Menschen gemachten Waffen und Feldzüge.“ Er meint allen Ernstes – und die NYT druckt diesen Quatsch –, dass die „Malaria-Moskitos“ in den Pontinischen Sümpfen „den Aufstieg und Fall des Römischen Imperiums erleichterten“, dass sie „das Heilige Land vor den christlichen Kreuzfahrern schützten“, dass sie „im 18. und 19. Jahrhundert unzählige erfolgreiche Rebellionen in Süd- und Nordamerika, einschließlich der britischen Kapitulation bei York­town in der Amerikanischen Revolution, unterstützten“.

Und weil „den Konföderierten das Antimalariamittel Chinin ausging, halfen die Moskitos schließlich sogar, den Hammer auf den letzten Nagel des Sargs für die institutionalisierte Sklaverei zu schlagen.“

Uralte Ausrottungskampagnen

Für den kanadischen Historiker ist die Mücke das, was für Hegel der „Weltgeist“ war. Zwar sah Goethe diesen in Gestalt von Napoleon „hoch zu Pferde“, aber wir wissen nun, der „Weltgeist“ ist ein mehr als lästiger Zweiflügler, jedenfalls seine blutsaugenden Weibchen.

Kampagnen zur Ausrottung aller Mücken gibt es schon seit einigen tausend Jahren: In Burma schüttete man Erdöl auf kleine und größere Gewässer, um die Mückenlarven zu ersticken. Die Rockefeller Foundation initiierte 1918 eine Kampagne zur weltweiten Ausrottung der Malariamücke, die jedoch wenig erfolgreich war.

Als die italienischen Faschisten sich 1930 daran machten, die Pontinischen Sümpfe nahe Rom trockenzulegen, stellten sie eine „Anti-Moskito-Miliz“ auf. Ab 1945 erwies sich das Ausbringen von DDT mit Flugzeugen als geeignetes Mittel: „Aus der Perspektive der medizinischen Entomologie war das aufregendste Ergebnis des Zweiten Weltkriegs die Entdeckung des DDT,“ hieß es in einer US-Malariastudie, die der Wiener Künstler und Philosoph Fahim Amir in seinem Buch „Schwein und Zeit. Tiere, Politik, Revolte“ (2018) erwähnt.

1958 startete die KP China ohne DDT, aber mit Millionen Mitmachern die Kampagne „Ausrottung der vier Übel“, neben Ratten, Spatzen und Fliegen gehörten auch die Stechmücken dazu. Die Kampagne war nur vorübergehend erfolgreich.

1962 wies die Biologin Rachel Carson in ihrem Buch „Der stumme Frühling“ nach, dass das Vogelsterben in den USA dem massiven Einsatz von DDT geschuldet war. Das Insektizid wurde daraufhin verboten (in Afrika wird es noch immer angewendet), inzwischen sind jedoch viele Mücken resistent gegen DDT. Timothy Winegard zitiert Carson mit dem Satz: „Unsere Einstellung zu Tieren und Pflanzen ist einzigartig eng.

Wenn sie uns gleichgültig lassen oder lästig werden, können wir sie unverzüglich zur Vernichtung verurteilen.“ Carson, so Winegard weiter, „konnte nicht CRISPR vorhersehen. Diese Gentechnik hat die Möglichkeit des ‚Unverzüglich‘ enorm beschleunigt.“ Und dieses Master-of-Arts-Arschloch findet das gut! Denn „mit ihr kann man in die natürliche Selektion eingreifen und jede unliebsame Art auslöschen. Mithilfe von CRISPR wurden Mücken geschaffen, die unfruchtbare Nachkommen produzieren. Wenn diese Mücken freigelassen werden, wird ihre Art aussterben – und die Menschen müssen nie mehr einen Mückenstich fürchten.“

Moskito als Produkt

Winegard denkt dabei an die Rockefeller Foundation, die sich in ihrem neuen Krieg gegen die Malariamücke mit der Bill & Melinda Gates Foundation zusammengetan hat, die wiederum mit den Gentechniklaboren von Monsanto/Bayer zusammenarbeitet. Ihre CRISPR-Mücken haben laut Fahim Amir den Vorteil, dass nun, in der NGO-Ära, „die Moskitos selbst zu einem kommerziellen Produkt gemacht werden können“, das man etwa an afrikanische Regierungen verkaufen kann.

Einen anderen Weg haben australische Wissenschaftler gefunden: Nachdem sie festgestellt hatten, dass das Bakterium „Wolbachia“ Mücken gegen Dengue-Viren immunisiert, ließen sie in Australien Zigtausende damit infizierte Mücken frei.

Chinesische Wissenschaftler der Sun-Yat-sen-Universität Guangzhou veröffentlichten kürzlich eine Studie, die nahelegt, dass es ihnen gelungen ist, die Asiatische Tigermücke, deren „Hochburg“ laut der Süddeutschen Zeitung Guangzhou ist, fast auszurotten. Ihr Vorgehen bestand aus einer Mischung von der australischen und der amerikanischen Methode, nur dass sie ihren mit Wolbachia infizierten Männchen statt mit CRISPR mit einer „geringen Strahlendosis“ zu Leibe rückten.

Ein von der SZ dazu befragter Hamburger Virologe, Jonas Schmidt-Chanasit, ist skeptisch: Wenn die Tigermücke in und um Guangzhou verschwunden ist, übernehmen möglicherweise andere Mücken ihren „Job“ und übertragen Krankheiten. Auch die Bayreuther Afrikanistin Ulrike Beisel ist skeptisch, sie argwöhnt, dass auch diese neuen „Mittel“ nichts nützen – und plädiert stattdessen für einen „Waffenstillstand“ –, nicht um noch bessere Eliminierungstechniken zu erfinden, sondern „um miteinander koexistieren zu können“.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben