Kälte in Berlin: Wenn selbst milde Nächte gefährlich sind
Tausende Obdachlose in Berlin kämpfen auch bei milderen Temperaturen – während Hilfsaktionen Kleidung und Schlafsäcke sammeln.
In Berlin leben tausende Menschen auf der Straße. Für sie ist der Winter kein abstraktes Kapitel im Kalender, sondern eine Serie von Nächten, in denen man sich entscheiden muss: schlafen – oder wach bleiben, um nicht auszukühlen. Wie sich das anfühlt, ist schwer vorstellbar. Einschlafen wird zum Risiko. Selbst jetzt noch, bei Temperaturen deutlich überm Gefrierpunkt, bleibt die Kälte ein Problem – jedenfalls dann, wenn der Körper sowieso geschwächt ist, die Kräfte nach einem langen, harten Winter aufgebraucht sind.
Vor diesem Hintergrund liest sich auch die aktuelle Wettervorhersage anders. Grau und regnerisch soll die Woche beginnen, sagt der Deutsche Wetterdienst, mit Schauern vor allem im Norden Brandenburgs, Temperaturen zwischen 14 und 18 Grad. Eine milde Nacht, sechs bis neun Grad.
Am Dienstag wieder Wolken, wieder Regen, maximal 13 bis 18 Grad. Ab Mittwoch dann eine Pause im Aprilwetter, etwas Sonne, bis zu 19 Grad am Donnerstag. Für die meisten ist das eine beiläufige Aussicht: etwas unbeständig, aber insgesamt freundlich, besonders weil links und rechts die ersten Bäume blühen. Für Menschen ohne festen Schlafplatz bleibt es eine Abfolge von Bedingungen, unter denen man schwer trocken und warm bleiben kann.
Dass Wärme in dieser Stadt keine Selbstverständlichkeit ist, zeigt sich auch an kleinen Dingen. Am U-Bahnhof Gleisdreieck sammelt die Berliner Stadtmission heute und am Dienstag gemeinsam mit den Berliner Verkehrsbetriebe Kleidung für Bedürftige: Übergangsjacken, Hoodies, T-Shirts, Socken, Hosen, Schuhe. Dinge, die überschüssig sind – oder eben nicht hat. Wichtig sei, heißt es, dass die Kleidung sauber und intakt ist, so, als würde man sie an Freunde weitergeben. Auch Schlafsäcke und Decken werden gebraucht. Alles, was eine Nacht ein wenig weniger lang macht.
130 Säcke mit Kleidung und Alltagsgegenständen sind in dieser Wintersaison bei gemeinsamen Aktionen zusammengekommen. Das klingt nach viel – und ist doch nur eine Zahl in einer Stadt, in der der Bedarf größer bleibt als das, was sich sammeln lässt. Wer die Termine am Gleisdreieck verpasst, kann Spenden auch direkt bei der Stadtmission abgeben.
Die Temperaturen steigen, sagt die Vorhersage. Aber Wärme ist relativ. In Wohnungen misst man sie in Grad. Auf der Straße eher in Chancen.
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