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Obdachlosigkeit in BerlinSieben Haltestellen Würde

Kommentar von

Susanne Messmer

Begegnungen mit obdachlosen Menschen im Alltag sind wichtig. Sie tragen dazu bei, dass die Not in dieser Stadt nicht unter den Teppich gekehrt wird.

S ieben Haltestellen lang, irgendwo zwischen Friedrichstraße und Pankow, erzählt sie über ihr Leben – und widerlegt sich dabei permanent selbst. „Ich bin ja geistig behindert“, sagt sie gleich zu Beginn, mit einer Selbstgewissheit, die keinen Widerspruch duldet. Um sich im selben Atemzug zu entkräften: mit Pointen, die sitzen, mit Beobachtungen, die schärfer sind als so mancher Leitartikel, und mit einer sprachlichen Genauigkeit, die eher an eine geübte Kabarettistin erinnert als an das Klischee, das sie sich selbst zuschreibt.

Sie sammelt Flaschen, „aber nur die guten Strecken“, liebt Sterni und Hertha BSC, beides teilt sie mit ihrem jüngeren Freund, „der hat wenigstens noch Hoffnung“. Sie taxiert meine 17-jährige Begleitung, bleibt an ihrer zerschlissenen Jeans hängen und wechselt mit einer sachten Berührung mühelos ins Fürsorgliche: wie man das flickt, ohne dass es nach Flick aussieht. „Mit Gefühl“, sagt sie, „nicht mit Gejammer.“ Eine Begegnung, die lange nachhallt.

Ein paar Tage später, andere Linie, anderes Gespräch: Eine Frau, die sich als obdachlos vorstellt und um ein paar Cent oder etwas zu Essen bittet, wird von einem Fahrgast angesprochen, der kein Bargeld bei sich hat, aber Paypal anbietet. Sie lacht überrascht. Ob er schon einmal mit dem Sozialamt zu tun hatte? Als er verlegen den Kopf schüttelt, entschuldigt sie sich charmant und bedankt sich ernsthaft für seine Hilfsbereitschaft. Auch diesmal: ein kleiner Moment von Würde und Verständigung im Gedränge.

Diese Begegnungen sind keine Anekdoten fürs Poesiealbum, sie sind friendly Reminder. Sie insistieren darauf, dass Menschen am Rand keine Kulisse sind in dieser Stadt, sondern Akteure – mit Witz, Urteilskraft und dem guten Recht, gesehen zu werden. Gerade deshalb stellen sie sich ja auch weiter heldenhaft selbstbewusst in den Raum, auch jenen gegenüber, die lieber wegsehen oder glauben, das Problem sei gelöst, weil es aus den hochglänzenden Zonen dieser Stadt verscheucht wird.

Was sich nicht mehr zeigt, lässt sich leichter wegverwalten – und noch leichter ignorieren

Und während sich die bürgerliche Lokalpresse mit Entrüstung an strähnigen Haaren, „furchterregend dreckigen Händen“ und überhaupt am unerträglichen Geruch der Armut abarbeitet, denkt mensch bei sich, wie gut und gesund es doch ist, dass die Zumutungen dieser Stadt noch immer nicht restlos aus dem Blick geraten sind. Dass uns diese Themen auf dem Weg zur Arbeit, zum Einkaufen oder Arztbesuch täglich und unübersehbar auf dem Silbertablett serviert werden: der Mietwucher, der die Menschen aus ihren Wohnungen drängt, ein Gesundheitssystem, das psychisch Angeschlagene und Suchtkranke immer schneller und mit unzureichender Nachbetreuung ausspuckt, Sozialeinrichtungen, die kaputtgespart werden – Biografien, die sich zwischen Behördenkrieg und Gewalt auf der Straße aufreiben. Denn was sich nicht mehr zeigt, lässt sich leichter wegverwalten – und noch leichter ignorieren.

Am Donnerstag, dem 26. März, ruft das Berliner Bündnis gemeinsam gegen Obdachlosigkeit und Zwangsräumungen im Rahmen der Berliner Housing Action Days zu einer Mahnwache gegen Obdachlosigkeit und Zwangsräumungen auf – ab 12 Uhr bis in die Nacht vorm Roten Rathaus. Es ist zu hoffen, dass dort nicht nur die üblichen politisch Engagierten stehen, sondern auch jene, um die es geht. Und vielleicht auch ein paar von uns, die offenbar wieder lernen müssen, wenigstens sieben Haltestellen lang zuzuhören und immer ein paar Münzen dabei zu haben.

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Susanne Messmer Redakteurin taz.Berlin

Jahrgang 1971, schrieb 1995 ihren ersten Kulturtext für die taz und arbeitet seit 2001 immer wieder als Redakteurin für die taz. Sie machte einen Dokumentarfilm („Beijing Bubbles“) und schrieb zwei Bücher über China („Peking" und "Chinageschichten“).
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