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KI remythologisiert GeschichteWeil die Bilder im Gewand des Dokuments auftreten

Ein Klischee wiederholt ein vertrautes Muster; die KI verdichtet es. So sehr, dass uns irgendwann das Original zu banal vorkommt, um wahr zu sein.

W as waren das für glorreiche Zeiten, als das Internet versprach, uns schneller zu den Quellen zu führen. Heute führt es uns zu Inhalten, die wie Quellen aussehen. Die Vor-Internet-Zeit habe ich nicht erlebt, weiß aber vom Hörensagen, dass man für die Recherchen zu einem historischen Ereignis in die Bibliothek ging, in Lexika nach Titeln suchte, sie im Zettelkasten bestellte und tagelang wartete – um schlimmstenfalls das falsche Buch zu bekommen. Vielleicht recherchierte man damals, bevor man sich ein Bild machte, und nicht erst, um das vorhandene zu bestätigen? Aber gut, lassen wir das Spekulieren.

Ich arbeite gerade an einem Projekt, das ein Moodboard mit Bildmaterial aus den Achtzigern verlangt. Ich bin vorgegangen wie immer: Bildarchive, Blogs, Google-Bildersuche, Pinterest, auf der Suche nach stilechten Aufnahmen des Jahrzehnts. Weil ich es genau nehme, wollte ich auch die Originalquellen prüfen. Dabei fiel mir auf, dass vieles zwar nach den Achtzigern aussah, aber letztlich KI-generiert war. Die Originale gingen unter den Bildern, die dokumentarisch anmuteten, aber keine Dokumente waren, regelrecht unter. Nachdem ich mehrfach darauf hereingefallen war, begann ich, jedes Bild über die Rückwärtssuche in seinen Originalkontext zurückzuverfolgen. Mit mäßigem Erfolg.

Annekathrin Kohout

ist Autorin und Kultur­wissenschaftlerin in Leipzig.

Die KI-Bilder waren keine schlechten Fälschungen. Im Gegenteil! Sie sahen oft überzeugender nach den Achtzigern aus als echte Fotos. Mehr Neon, mehr Schulterpolster und Dauerwelle, mehr Wohnzimmerbraun, mehr VHS-Licht. Ein Klischee wiederholt ein vertrautes Muster; die KI verdichtet es. Sie beinhaltet bereits all die Retro-Moden der Achtziger und liefert so ein Konzentrat, das noch typischer ist, als die Achtziger, ja als ihre Revivals es je waren.

Lange war unser Bild der Vergangenheit von Mythen überlagert, die geduldig durch Quellenarbeit abgetragen wurden. Jahrhundertelang etwa galten die Tempel und Statuen der Antike als strahlend weiß. Tatsächlich war der Marmor bunt bemalt, mit Hautfarben, gemusterten Gewändern und kräftigen Ornamenten. Die korrigierende Quelle: mikroskopische Pigmentreste auf demselben Marmor, sichtbar erst unter besonderem Licht. Vinzenz Brinkmanns Ausstellung „Bunte Götter“ hat diese Farbigkeit 2003 einem größeren Publikum vor Augen geführt.

Die Wahrnehmung von Geschichte? Immer schon Retromode

Nun ist die Wahrnehmung der Antike – wie die der Geschichte überhaupt – immer schon durch Retromoden geprägt gewesen. Der Klassizismus hat die Antike weißgewaschen, Winckelmann erhob die blasse Oberfläche zum Inbegriff edler Einfalt und stiller Größe. Jede Epoche legt sich die Vergangenheit nach ihrem Geschmack zurecht. Die Errungenschaft der Geschichtswissenschaft lag darin, dieses Bild prüfen zu können, indem man die Quelle danebenhielt, gerade wo Geschichte politisch instrumentalisiert wurde.

Digitale Infrastrukturen verschieben dieses Verhältnis. Die Quelle steht nicht mehr neben dem Mythos, um ihn zu korrigieren, vielmehr konkurriert sie mit Material, das wie Quelle aussieht und auch noch sofort Plausibilität erzeugt. Das Problem ist nicht, dass einzelne Bilder ein falsches Bild der Geschichte wiedergeben, sondern das Problem ist deren ästhetische Evidenz. Ein KI-generiertes Achtziger-Bild sieht nicht unbedingt deshalb überzeugend aus, weil es historisch genau wäre, sondern weil es unsere Erwartungen an die Achtziger so gut bedient.

Dadurch geschieht zweierlei. Der Zugang zu echten Quellen wird unter der Masse begraben; das Prüfen kostet, was die Recherche einst sparen sollte. Und weil die Bilder im Gewand des Dokuments auftreten, remythologisieren sie, was die Quellenarbeit zu entzaubern versucht. Da sie massenhaft geteilt und wieder in Trainingsdaten eingespeist werden, schließt sich ein Kreis. Die KI lernt aus unseren Vorstellungen, gibt uns Bilder zurück, die sie bestätigen, und die prägen, was wir vom nächsten historischen Bild erwarten. Irgendwann sieht das echte Foto zu unscharf, zu banal, zu wenig achtzigerisch aus. Die Quelle wirkt dann nur noch wie die misslungene Version ihrer Simulation.

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