piwik no script img

Neue Online-ArbeitsteilungEchtheitsfilter Mensch

Das Playback, früher Eingeständnis fehlender Echtheit, könnte zur wichtigen Kulturtechnik werden. Die KI produziert Content, und wir liefern die Glaubwürdigkeit.

D er zurückliegende Monat stand Feed-technisch eindeutig im Zeichen des gestrandeten Wals, der je nach – ja was eigentlich? Gesinnung? Milieu? Plattform? – entweder „Timmy“ oder „Hope“ oder „Timmy Hope“ genannt wurde. Etwas vom eigenen Feed preiszugeben, heißt immer auch etwas von sich selbst preiszugeben, und ich gebe gerne und nicht ohne ein Fünkchen Stolz zu, dass ich relativ spät und erst über die traditionellen Medien mitbekommen habe, welche Wellen das Tier im Netz bereits geschlagen hatte.

Einmal angeschaut, hat sich mir dem Algorithmus sei Dank eine ganz neue Content-Welt eröffnet, allen voran KI-generierte Schlagermusikvideo-artige TikToks, die wiederum vielfach süffisant in Reaction Videos und Feuilletons kommentiert wurden. Vieles daran ist interessant und über noch mehr wurde bereits geschrieben. Aber ein Aspekt hat mein besonderes Interesse geweckt, und er geht weit über den spezifischen Wal-Content hinaus. Es geht um das in vielen Videos praktizierte Playback.

Text und Video in gerade mal fünf Minuten

Um mir nicht nur vorstellen zu müssen, wie ein solches Video entsteht, habe ich mich selbst daran versucht. Was soll ich sagen? In insgesamt fünf Minuten war nicht nur der Songtext mit Chat GPT erstellt, sondern auch die dazugehörige Schlagervertonung mit Suno. Man braucht nicht einmal einen geraden Satz, äh, Prompt zu formulieren. Dann muss der Song eigentlich nur noch per Playback performt werden – Filter aka Maske aufs Gesicht, Kamera an und den Emotionen freien Lauf lassen: „Er hat sich das nicht ausgesucht!“

Eine bemerkenswerte neue Arbeitsteilung zeichnet sich hier ab. Die KI produziert Text, Stimme, Melodie und Gefühlsanlass. Wir Menschen liefern Gesicht, Körper, Tränen und Glaubwürdigkeit. Wir gestalten das Video nicht unbedingt inhaltlich oder formal, sondern zertifizieren es. Das gute alte Playback, früher ein Eingeständnis mangelnden Könnens und Ausdruck fehlender Echtheit, könnte sich zu einer wichtigen Kulturtechnik der kommenden Netzjahre entwickeln. Nicht nur, wenn es um Musik geht.

Annekathrin Kohout

ist Autorin und Kultur­wissenschaftlerin in Leipzig.

Dabei wird es nicht mehr darum gehen, etwas selbst zu schreiben, zu singen, sich auszudenken, sondern es herstellen zu lassen und dann zu verkörpern. Bestenfalls kann die neue Arbeitsteilung zu interessanten Formen von Kollaboration führen. Schlimmstenfalls entsteht eine austauschbare Vorlage mit einem Namen drauf.

In jedem Fall wird der Mensch aber zum Echtheitsfilter der Maschine, verleiht ihrem Output jene Unberechenbarkeit, die es braucht, um im Feed nicht nur als maschinell-generisch, sondern als rührend, peinlich, komisch, schön oder irgendwie wahr zu erscheinen. Wobei das durchaus herausfordernd sein kann, die Gefühle, die die KI zum Beispiel in den Schlagertext gelegt hat, so auszudrücken, als wären es die eigenen. Selbst dann, wenn man sie gar nicht ähnlich intensiv empfindet.

Interessant wird es dort, wo nicht mehr nur ein Song, sondern Alltag performt wird. Neulich sah ich das Video einer Tradwife, die sich von der KI ihren Monat planen ließ. Was wird wann gekocht, eingekauft, geputzt? Die KI textet hier das Drehbuch eines gut organisierten Familienlebens, die Influencerin verkörpert und verifiziert es.

Delegieren in die falsche Richtung

Verstehen Sie mich nicht falsch: Es ist absolut verständlich, dass man KI konsultiert. Sie verspricht Arbeitserleichterung, lässt einen sich professionell fühlen, als jemand, der Aufgaben abgibt. Allerdings in die falsche Richtung. Normalerweise delegiert man nach unten, an jemanden, der ausführt, was man selbst entschieden hat. Hier aber wird nach oben delegiert, an eine Instanz, die das Denken übernimmt, während ich ausführe.

Die Geste des Delegierens, sonst ein Zeichen von Status, tarnt also das Gegenteil. Wer ist da eigentlich Herr und wer Knecht? Assistiert die KI mir, oder ich ihr? Im neuen Gefühl, ein High Performer zu sein, steckt jedenfalls ziemlich viel Potential zur Selbstaufgabe.

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 360 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare