Jutta Allmendinger über Frauenpolitik: „Ich kämpfe für Optionen“

Gerade Frauen verlangt die Bewältigung der Pandemie viel ab. Bezahlte und unbezahlte Arbeit müssen nach Ansicht der Soziologin fairer verteilt werden.

Mutter am Bildschirm , dahinter springt ein Mädchen in dei Luft

Foto: Ute Grabowsky/getty

taz: Frau Allmendinger, kurz nach der ersten Welle der Pandemie haben Sie prophezeit, Frauen würden durch Corona eine „entsetzliche Retraditionalisierung“ erfahren. Sehen Sie das fast acht Monate später noch immer so?

Jutta Allmendinger: Sogar stärker als damals.

Warum?

In vielen Disziplinen liegen nun Studien über den ersten Lockdown vor. Gerade ist ein Artikel über den sogenannten „Mental Load“ erschienen, der aus einer psychologischen Sicht zeigt, dass die Stressfaktoren bei Frauen – und nur bei Frauen – in dem Maß zunehmen, in dem Schulschließungen und Doppelbelastungen auftreten. Währenddessen zeigt sich bei Männern über die Phase des Lockdowns hinweg keine große Veränderung. Zudem haben Frauen viel stärker ihre Arbeitszeit reduziert und haben nach dem ersten Lockdown viel schwerer wieder in den Arbeitsmarkt zurückgefunden.

Jahrgang 1956, ist Soziologin und Präsidentin des Wissenschafts­zentrums Berlin für Sozialforschung. Ihr Buch „Es geht nur gemeinsam! Wie wir endlich Geschlechter­gerechtigkeit erreichen“ ist im Ullstein Verlag erschienen.

Jetzt haben Sie ein Buch veröffentlicht, in dem Sie beschreiben, was anders hätte laufen müssen. Was wäre das?

Ich zeichne in meinem Buch aus meiner persönlichen Sicht und über die Jahrzehnte nach, was hierzulande eigentlich passiert. Mein Großvater, mein Vater, der Vater meines Sohnes: bei ihnen war und ist die Vollzeitarbeit die Norm. Frauen haben ihre Lebensverläufe immer mehr denen der Männer angepasst und tun das auch heute noch. Sie übernehmen immer mehr bezahlte Arbeit. Männer hingegen haben ihre Lebensverläufe nicht verändert.

Wie müssten die Lebensläufe konkret verändert werden?

Ich bin Verfechterin einer Erwerbstätigkeit einer durchschnittlichen 32-Stunden-Woche, also unterhalb der jetzigen Vollzeit. Aber der zentrale Punkt für mich ist, die unbezahlte Arbeit gleichmäßiger zwischen Männern und Frauen aufzuteilen. Denn die Ungleichheit, die wir hier seit Langem haben, ist der Grund dafür, dass es enorme Unterschiede im Monatseinkommen gibt. Das wiederum resultiert bei den Frauen in äußerst geringen Renten, mit denen sie oft 20 oder 30 Jahre leben müssen.

In Sachen Erwerbstätigkeit sollten sich also nicht Frauen Männern, sondern Männer Frauen anpassen?

Es ist ein Irrweg, Frauen einfach die Erwerbsbiografien von Männern annehmen zu lassen. Wir leben in einer Gesellschaft, die wesentlich mehr Engagement für andere braucht. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem Männer, wenn sie Väter werden, nicht mehr ihr Arbeitsvolumen hochschrauben – und Frauen in Teilzeit gehen müssen. Bezahlte und unbezahlte Arbeit muss endlich fairer verteilt werden.

Es gibt Studien, die zeigen, dass zumindest die Mehrarbeit durch Corona in heterosexuellen Paarbeziehungen annähernd gleich zwischen Männern und Frauen verteilt wurde.

In diesen Studien geht es um proportionale Zuwächse. Die können von einem niedrigen Niveau aus natürlich höher ausfallen als von einem sehr hohen Niveau. Ich nutze da den Begriff der Grenzlast: Frauen können mit zu ihrer ohnehin hohen Belastung einfach nicht mehr schultern.

Viele arbeiten momentan im Homeoffice. Sie schreiben, das erleichtere zwar die Vereinbarkeit von Beruf und Familie – gleichzeitig aber sei es eine Falle für Frauen. Inwiefern?

Vom Homeoffice gehen keine Impulse zur Veränderung aus. Und es wird nicht zu einer bleibenden Reorganisation der unbezahlten Arbeit beitragen. Diejenigen, die im Arbeitsmarkt momentan in besseren Positionen sind, können sich das Homeoffice zwar leisten, weil sie vorher am Arbeitsplatz präsent und damit sichtbar waren und so in gute Positionen kamen. Aber den anderen, vor allem Frauen, fehlt durch das Homeoffice momentan diese wichtige Sichtbarkeit, um in Leitungspositionen zu kommen.

Wie ist das in der Elternzeit?

Männer sollten von den bisherigen 2 Elternmonaten auf 4 hochgehen und Frauen von 12 auf 8 Monate runter. Männer hätten dann über eine gewisse Zeit die alleinige organisatorische und mentale Verantwortung für die Kinder. Das hätte längerfristige Auswirkungen auf die Verantwortungsübernahme.

Dann würden sich doch wieder Frauen Männern anpassen, ihre Elternzeit verkürzen und dem Arbeitsmarkt länger zur Verfügung stehen.

Ich mache keinen Vorschlag, wie lange die Elternzeit sein soll. Ich sage nur, dass sie gleich zwischen Müttern und Vätern verteilt sein soll. Solange nur die Frauen die lange Auszeit nehmen, wird sich wenig daran ändern, dass Frauen in Führungspositionen weniger vertreten sind. Arbeitgeber werden immer die Personen bevorzugen, die dem Arbeitsmarkt stärker zur Verfügung stehen.

Die Devise Ihres Buchs ist: Wir schaffen es nur gemeinsam. Wer ist „wir“?

Zum einen Paare selbst. Ich kann mir eine gleichere Verteilung – ich rede in diesem Buch tatsächlich vor allem über heterosexuelle Paare – nur dadurch vorstellen, dass die Paare, die vor der Geburt von Kindern sagen, dass sie eine partnerschaftliche Beziehung führen möchten, auch gemeinsam daran arbeiten, dieses Ziel auch umzusetzen. Ich kann mir da keinen Kampf der Mütter gegen die Väter oder so was vorstellen.

Und zum anderen?

Zum anderen muss die Politik Op­tionsräume öffnen und die staatlichen Anreize, Frauenarbeit gering zu halten, massiv zurückfahren: Ehegattensplitting abschaffen, Quote und Elternzeit erhöhen. Dann können Frauen und Männer immer noch sagen, sie möchten ein anderes Modell leben, das ist in Ordnung. Aber ich kämpfe für Optionen.

Setzen Sie da nicht voraus, dass es ein gemeinsames Ziel der Politik ist, Geschlechtergerechtigkeit zu erreichen? Viele wollen genau das verhindern, das Ehegattensplitting etwa ist überhaupt kein Thema.

Genau daran müssen wir arbeiten. Ich bin nicht nur gegen das Ehegattensplitting, sondern will eine konkrete Alternative erarbeiten und zu einem Familiensplitting, das gerechter ist, kommen. Da braucht es jetzt Druck.

Wie sähe so ein Familiensplitting aus?

Die steuerlichen Erleichterungen werden nicht nur dann angewendet, wenn eine der zwei Personen wenig und die andere Person viel verdient. Sondern die Anzahl der Personen im Haushalt muss berücksichtigt werden. Dann muss aus dem Kindergeld, den Freistellungsbeträgen und dem Ehegattensplitting das neue Familiensplitting entwickelt werden.

Sehen Sie in der nächsten Legislatur eine Chance dafür, das Splitting abzuschaffen?

Ja. Ich sehe bei den Frauen der CDU ein maximales Verständnis, dass das Ehegattensplitting sehr hinderlich für innerfamiliäre Aushandlungsprozesse ist, bei SPD und Grünen ohnehin.

Das Problem dürften die Unionsmänner sein.

Die Männer haben auch die Quote für Frauen in Führungspositionen nicht für nötig erachtet, und jetzt gibt es sie trotzdem. Vergangenes Jahr bin ich dafür zum ersten Mal in meinem Leben tatsächlich aktivistisch aufgetreten. Ich habe gelernt, dass man Frauen aus unterschiedlichen Sektoren und Altersgruppen hinweg zusammenbringen muss, um wirklich etwas zu wuppen.

Die Quote für Frauen in Führungspositionen heißt: Eine Frau im Vorstand, wenn dieser aus mindestens drei Personen besteht. Wem nützt das?

Jutta Allmendinger, Soziologin

Für mich ist das Ziel, dass Frauen frei wählen können, wie sie ihre Erwerbsarbeit und unbezahlte Arbeit gestalten. Die ungleiche Verteilung der unbezahlten Arbeit ist eine Hauptantriebskraft für unterschiedliche Lebensgehälter und Renten.

Das nützt in der Tat Frauen, die schon weit gekommen sind. Am wichtigsten ist für mich aber, dass erfolgreiche Frauen eine Selbstverständlichkeit werden müssen. Wir brauchen viel mehr Vorbilder, damit junge Frauen sehen, dass auch Frauen in der Wirtschaft oder im öffentlichen Dienst Führungsverantwortung haben.

Dass Frauen Vorbilder sein können, heißt nicht, dass sie für eine sozial gerechtere Frauenpolitik kämpfen.

Das stimmt, deswegen habe ich das eben auch nicht gesagt. Frauen stellen nicht nur Frauen ein, und ich möchte auch keiner Frau vorschreiben, das zu tun. Aber zu sehen, dass es geht, ist in einer Gesellschaft wie der deutschen extrem wichtig.

Wäre es in der aktuellen Situation nicht wichtiger, für eine bessere Bezahlung und fairere Arbeitsbedingungen in der Pflege zu kämpfen statt für Frauen in Führungspositionen?

Ich möchte das nicht gegeneinander aufwiegen. Das war ein pragmatischer erster Ansatz, den wir gegangen sind – einfach deshalb, weil er im Koalitionsvertrag stand. Jetzt muss es gelingen, die Dinge, die Sie ansprechen, in die nächsten Koalitionsverträge einzubringen. Dazu gehört selbstverständlich die bessere Bezahlung systemrelevanter Berufe, die mehrheitlich Frauen stemmen.

Sie schließen Ihr Buch mit den Worten „Wir werden siegen“. Wann ist das der Fall?

Für mich ist das Ziel, dass Frauen frei wählen können, wie sie ihre Erwerbsarbeit und unbezahlte Arbeit gestalten. Die ungleiche Verteilung der unbezahlten Arbeit ist eine Hauptantriebskraft für unterschiedliche Lebensgehälter und Renten. Um das zu ändern, müssen Fehlanreize wegfallen: die kostenlose Mitversicherung der geringfügig Beschäftigten, das Ehegattensplitting, die Normierung dessen, was eine gute Mutter ist. Dann wäre dieses Ziel erreicht.

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